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30. Mai 2017

Ministerien im Südwesten waren Mittäter

Landesstudie zur NS-Zeit.

STUTTGART. Die südwestdeutschen Landesverwaltungen waren im Dritten Reich weder Horte des Widerstands noch von Berlins Nationalsozialisten marginalisiert – sie hatten ein beträchtliches Maß an Eigenverantwortung: Zu diesem Schluss kommt ein mehrjähriges Forschungsprojekt des Wissenschaftsministeriums. Am Montag wurde in Stuttgart eine 80-seitige Zusammenfassung präsentiert.

Gab es von 1933 bis 1945 nicht eine besondere badische Widerständigkeit, eine spezielle württembergische Opposition? Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck urteilte in der Landespressekonferenz bündig: "Reine Folklore", sagte er nach dreijähriger Forschung. "Da ist eben leider nicht viel." Auch die These, den Landesbehörden sei die nationalsozialistische Agenda allenfalls übergestülpt worden, wurde als Mythos enttarnt: Es sei in hohem Maß zu einer "ideologischen Selbstmobilisierung" und zu vorauseilendem Handeln gekommen, erklärte Scholtysecks Stuttgarter Kollege Wolfram Pyta.

Beim 2014 vom Wissenschaftsministerium initiierten Projekt "Geschichte der Landesministerien in Baden und Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus" wurde erstmals systematisch die Rolle der Landesverwaltungen untersucht. Die vollständigen Ergebnisse sollen 2018 in zwei Sammelbänden veröffentlicht werden.

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Weitreichende Handlungsspielräume

Die Kommissionsmitglieder betonten, dass es entgegen verbreiteter Annahmen durchaus Handlungsspielräume für Landesregierungen gab, zum Teil sogar sehr weitreichende, etwa im Elsass, das Baden unterstellt war. Der südwestdeutsche Apparat habe sich den Machthabern willig zur Verfügung gestellt, durchaus aber auch aus eigener Motivation gehandelt.

Demokratie sei verletzlich, folgerte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Sie leitete die Verpflichtung ab, "nicht zu glauben, dass es irgendwann einen bestimmten Punkt gibt, eine rote Linie, die überschritten wird, ab der man dann intervenieren muss, sondern sich seiner Verantwortung immer bewusst zu sein". Das gelte insbesondere in einer Zeit, in der Systemgegner verstärkt versuchten, Oberwasser zu gewinnen.

Zur Kommission gehören neben den genannten Universitätsprofessoren deren Kollegen Sylvia Paletschek (Freiburg), Christiane Kuller (Erfurt) und Frank Engehausen (Heidelberg). Das Wissenschaftsministerium hat das Projekt mit 200 000 Euro unterstützt; den Löwenanteil der Kosten trägt mit 1,45 Millionen Euro die Baden-Württemberg-Stiftung.



Mehr Informationen unter      http://ns-ministerien-bw.de

Autor: Jens Schmitz