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02. Oktober 2012

Plakatdesigner Hubert Hoffmann

"Nai hämmer gsait": Das handgefertigte Design des Protests

Hubert Hoffmann hat das Plakat der Anti-Atomkraft-Bewegung "Nai hämmer gsait" entworfen.

  1. Hubert Hoffmann Foto: Dominik Bloedner

FREIBURG. Der Kreis hat sich geschlossen. Im September hat die französische Regierung bekanntgegeben, das Atomkraftwerk Fessenheim 2016 stillzulegen – und für Hubert Hoffmann markiert der graue Meiler am Rhein den Beginn seiner politischen Sozialisation. "Es muss um 1970 herum gewesen sein, es war meine erste Demonstration, ein Onkel hat mich, den Bub, mitgenommen", sagt der heute 55-Jährige. "Es hat also etwas genutzt. Leider bringen anscheinend nur große Unfälle eine Wende – und Frankreich fährt ja noch weiter seine Atomschiene." Hoffmann ist im Markgräfler Land aufgewachsen, hat das Gymnasium in Müllheim besucht und später in Freiburg Sozialpädagogik studiert, obwohl er lieber Grafiker geworden wäre. Ein engagierter Biologielehrer und lebhafte Diskussionen in der evangelischen Jugend hätten ihn damals politisiert, sagt er. Fessenheim wurde trotz Protest gebaut, das Atomkraftwerk in Wyhl bekanntlich nie – wegen Hoffmann und anderen Störenfrieden, die damals den Bauplatz besetzt und "Nai" gesagt haben. Der Widerstand am Kaiserstuhl von Bauern, Winzern, Studenten, Elsässern, Schweizern und Badenern gilt als Keimzelle der sogenannten neuen sozialen Bewegungen und der Partei Die Grünen, die Mundart war die Sprache des Protests. Viele Protagonisten von damals wie den Liedermacher Walter Mossmann oder Axel Mayer, südbadischer Geschäftsführer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kennt man noch heute.

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Auch Hoffmann, vierfacher Vater, ist inzwischen angegraut. Er redet ruhig, er ist entspannt, er lächelt verschmitzt beim Erzählen der Anekdoten. Er stand nie im Rampenlicht und wollte das auch nie. Doch hat er wie kaum ein anderer der Bewegung den Stempel aufgedrückt. "Er war ein vielbeschäftigter, nie bezahlter Hobbygrafiker der Bürgerinitiativen und der Umweltbewegung", sagt Mayer über den Weggefährten. Waldsterben, Atomkraft, Radio Dreyeckland – überall hatten Hoffmanns Finger mitgemischt. "Ich habe schon als Jugendlicher gerne gestalterische Sachen gemacht." Über das Arbeiten in der vordigitalen Welt sagt er: "Zuerst die Ideenskizze aufs Papier, dann schauen, ob die Proportionen passen, mit Bleistift vorzeichnen, mit schwarzem Edding nachzeichnen und den Entwurf schließlich in den Offsetdruck geben."

Wenn er mit seinen Zeichnungen eine Bewerbungsmappe füllen müsste, dann läge mit Sicherheit das "Nai hämmer gsait"-Motiv ganz oben – das Plakat zum Wyhl-Widerstand, das über die Grenzen Südbadens hinaus bekannte Markenzeichen der Bewegung. Hoffmanns Logo ist fast so prominent wie das der dänischen Studentin Anne Lund aus dem Jahr 1975: Rote Sonne auf gelben Grund und der Schriftzug "Atomkraft? Nein danke". Das Sonnensymbol prangt als Aufkleber stilsicher hinten auf Hoffmanns etwas klapprigem Auto.

Der südbadische Grafiker zeichnete etwa zeitgleich ein bedrohliches schwarzes Monstrum, das kräftig rot durchgestrichen war. Gedruckt wurde das anfangs nicht unumstrittene Plakat in Freiburg. Der Slogan selbst kam aus dem Elsass. "Jetzt awer langts – Naï hänmer g’sait" stand 1974 auf einem Transparent in Marckolsheim. Dort wollte ein Münchner Konzern eine Bleifabrik errichten, die Bürger verhinderten dies durch Protest und Bauplatzbesetzung. Der Slogan kam über den Rhein, Hoffmann sah ihn erstmals auf Transparenten, die die Winzer in Sasbach, Endingen oder einem der anderen Dörfer über die Eingangstore gespannt hatten.

Slogan und Plakat machten Karriere. "Nai" sagten in der Folgezeit viele, wenn ihnen etwas nicht passte und sie sich der Legitimation einer Bewegung von unten sicher waren. Und vergangenes Jahr war in Tokio bei einer Kundgebung nach dem Unfall in Fukushima das Plakat aus Südbaden zu sehen. "Nai" steht sogar auf Weingläsern – dies nennt selbst Axel Mayer "Widerstandskitsch". Die Plakate von damals können in einer Neuauflage für zehn Euro beim Bund erworben werden. "Das ist voll in Ordnung, damit wird die Sache unterstützt", sagt er.

Hoffmann selbst hat sich aus der Politik zurückgezogen. Nach dem Studium hat er bei der Baukooperative auf dem Grether-Gelände und im Mietshäusersyndikat in Freiburg gearbeitet, derzeit ist er Vorstand der Wohngenossenschaft Genova im Stadtviertel Vauban und macht Altbausanierungen. Ob er sich heute immer noch empören kann? "Sicher, über die ungerechte Verteilung von Vermögen und darüber, dass Großkonzerne machen, was sie wollen." Unlängst ist er wieder für den Bund eingesprungen, es ging um den Protest gegen die schweizerischen Meiler Beznau und Leibstadt und die Aktualisierung seines Plakats. "Nai" heißt bei den Eidgenossen "Näi". Und die Schrift, die Hoffmann damals gezeichnet hat, ist in Computerprogrammen nicht vorhanden, die kann nur er. Der Kampf geht weiter.

Autor: Dominik Bloedner