Oben Strom, unten Kartoffeln

Jens Kitzler

Von Jens Kitzler

So, 27. Mai 2018

APA

Der Sonntag Doppelte Ernte für Landwirte, Schub für Energiewende – was kann Agrophotovoltaik?.

Einen Acker mit Solarmodulen zu überbauen, klingt zunächst widersinnig, schließlich brauchen die Pflanzen ja Licht. Aber südbadische Wissenschaftler setzen große Hoffnung in die Agrophotovoltaik. Vielleicht sind die größten Hürden dieser Technik auch eher gesellschaftlicher Art.

Auf dem Luftbild von Google Maps ist die Anlage schnell gefunden, nördlich der Betriebsgebäude der Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach sieht es aus, als liege da ein Gitter über der rund ein Drittel Hektar großen Fläche. Aus der Nähe dann erkennt man, wie Photovoltaik und Photosynthese hier zusammenleben: Die Paneele stehen auf einem Gerüst in rund fünf Metern Höhe – auch der Traktor passt noch drunter. Zwischen den Reihen der Solarmodule herrscht ein luftiger Abstand. "Den bräuchten wir allein schon", sagt Stephan Schindele, "damit sie sich nicht gegenseitig verschatten." So aber fällt auch Licht auf die Pflanzen.

Schindele ist Leiter des Projekts Photovoltaik am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg, wo man eine alte Idee verfolgt: Auf Ackerflächen Strom zu erzeugen und gleichzeitig Frucht anzubauen. Dass das gehen könnte, hatte schon vor fast 40 Jahren Adolf Goetzberger formuliert, einer der Gründungsväter des Fraunhofer ISE. In Kooperation mit dem Demeter-Hof rund zwölf Kilometer östlich von Stockach erforscht das Institut seit der Eröffnung der Anlage im Jahr 2016 nun, was tatsächlich möglich ist. Winterweizen, Kartoffeln, Sellerie und Kleegras teilen sich das Licht bereits erfolgreich mit den Solarmodulen, weitere Arten will man noch testen. Natürlich kommt weniger Sonne bei den Pflanzen an. Der Ernteausfall liegt je nach Art zwischen fünf und 20 Prozent, das haben die begleitenden Experten vom Institut für Landschafts- und Pflanzenökologie der Universität Hohenheim festgestellt.

Das aber könne reichen, um die Kombination aus Strom- und Fruchternte rentabel zu machen, glauben die Agrophotovoltaik-Pioniere, der Mehrertrag könne bei bis zu 60 Prozent liegen. Die Anlage auf dem Demeter-Hof erzeugt rechnerisch Strom für 62 Haushalte, die Hofgemeinschaft selbst versorgt sich daraus mit Energie, der Rest fließt ins Netz der Elektrizitätswerke Schönau.

Mit der Agrophotovoltaik, so argumentieren die Beteiligten, ließe sich der Anteil an regenerativ gedeckter Stromerzeugung erhöhen. Gleichzeitig könnten Landwirte die wegen des knapper werdenden Bodens steigenden Landkosten ausgleichen. Und: Bauern, die rein auf Nahrungsanbau setzen, könnten künftig besser mit jenen Kollegen konkurrieren, die ihre Felder lukrativ für den Anbau von Biokraftstoffen verwenden. Fast 20 Prozent der Ackerfläche werden bereits für Biomasseanbau verwendet. Die Doppelnutzung von Anbau und Stromgewinnung könnte die Erzeugung von Nahrungsmitteln wieder attraktiver machen, glaubt Stephan Schindele. "Der Landwirt kann seinen Betrieb diversifizieren." So bremse die Agrophotovoltaik vielleicht auch die Ausbreitung der Monokulturen. Denn die Effizienz der Photovoltaik ist größer als die von Rapsöl und Co. "Wir können auf einem Bruchteil der Fläche dieselbe Energie erzeugen", sagt Schindele. "Und die frei werdenden Flächen wieder für die Nahrungsmittelproduktion verwenden."

Der 36-Jährige ist kein Ingenieur, sondern Politikwissenschaftler, passend, denn einige große Herausforderungen für die neue Technik liegen auf gesellschaftlichem Gebiet. So bekommt Stromerzeugung auf Agrarflächen derzeit keine Vergütungen aus dem Erneuerbare- Energien-Gesetz (EEG), denn dort sind Photovoltaik-Anlagen in der Natur nur über Grünland vorgesehen. Eine Aufgabe für die Lobbyarbeit, für die auch der Beirat des Projekts zuständig sein wird – in dem sitzen unter anderen die Geschäftsführerin des BUND Baden-Württemberg und Vertreter des Landesbauernverbands.

Funktioniert die Optik?

Und dann ist da noch die Ästhetik: Werden Bürger, die bereits einzelne Windräder als optische Belästigung empfinden, künftig Felder akzeptieren, die mit Metallgerüsten überbaut sind? Eine Frage, die trotz Anhörung und Bürgerwerkstatt auch der Feldversuch am Bodensee nicht beantworten kann. "Nur ein Prozent der Fläche zu nutzen, wäre bereits ein Riesenpotenzial ", plädiert Stephan Schindele. Eine Technik für die reiseprospekttauglichen Weinlagen des Kaiserstuhls wird die Agrophotovoltaik wohl nicht. "Wir denken eher an Äcker in der Nähe von Gewerbegebieten, in einer Landschaft, die ohnehin nicht so vorzeigbar ist", sagt Schindele. "Wo dann aber der Stromabnehmer gleich nebenan sitzt."