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01. Oktober 2016

... bei Patrick Bronner, Physiklehrer am Freiburger Friedrichgymnasium und Träger des Lehrerpreises

OHNE SMARTPHONE ...: "Die Schüler sind mir darin überlegen"

  1. Ausgezeichnet: Patrick Bronner mit einem Tablet im Unterricht Foto: Michael bamberger

Das Friedrichgymnasium in Freiburg ist ein mächtiger Bau aus dunkelrotem Sandstein, errichtet, als in Baden der Großherzog regierte. Weite Gänge, hohe Decken, offenes Treppenhaus – alles flößt Respekt ein vor dem Geist des humanistischen Gymnasiums. Auch im Vorbereitungsraum der Physik sind die Wände hoch und die Geräteschränke 100 Jahre alt. Doch da hängt auch ein Teddy, der an einer Spiralfeder wippt, und neben Patrick Bronner leuchten zwei Neonherzen, als ihn Wulf Rüskamp besuchte. Der Physiklehrer ist jung – und dennoch seit Montag prominent. Denn er hat den Deutschen Lehrerpreis gewonnen mit seinem Projekt, Smartphones im Unterricht zu nutzen. Sein altehrwürdiges Gymnasium zieht begeistert mit.

BZ: Herr Bronner, wie oft gucken Sie auf Ihr Smartphone?

Bronner: Ich schalte mein Smartphone täglich um 7.50 Uhr aus – bis 13 Uhr. Es sei denn, ich brauche es für den Unterricht.

BZ: Und Ihre Schülerinnen und Schüler, halten die das auch so?

Bronner: Smartphones sind bei uns nach wie vor in den Pausen und auf dem Schulhof verboten. Auch im Unterricht bleiben die Geräte zunächst in der Schultasche. Diese dürfen erst dann herausgenommen werden, wenn der Lehrer es möchte. Danach kommt es zurück in die Schultasche.

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BZ: Beruht Ihr Smartphoneprojekt auf der Einsicht, dass die Schule sich einfach nicht gegen die Smartphonesucht durchsetzen kann?

Bronner: Nein, überhaupt nicht. Meine Idee war vielmehr: In den Geräten steckt ein Potenzial, das sich die Schule zunutze machen kann. Deshalb nutze ich es als Methode im Unterricht – aber auf keinen Fall ständig. Ein Smartphone hat große Vorteile: viele Sensoren, schnelle Verfügbarkeit des Internets, Wegfall von Wartezeiten, um das Computersystem hochzufahren, sodass ich es spontan im Unterricht einsetzen kann. Und alle Schüler verfügen über so ein Gerät.

BZ: Seit wann haben Sie selbst ein Smartphone?

Bronner: Seit etwa vier Jahren.

BZ: Vermutlich kürzer als die meisten Schüler der Oberstufe – und die sind fitter als Sie im Umgang damit...

Bronner: Ja, die Schüler sind mir in der Nutzung des Smartphones überlegen. Ich spreche das auch offen an. Wenn ich mich mit einer App nicht mehr auskenne, dann sage ich das den Schülern, und wir probieren sie gemeinsam aus. Das geht dann in offene Aufgabenstellungen und Experimente über, in dem der Lehrer keine Kochrezepte mehr vorgibt. Zur Aufnahme einer Schwingung stehen den Schülern auf dem Smartphone bis zu sieben Sensoren zur Verfügung. Die Schüler können selber herausfinden, welcher Sensor am besten geeignet ist und danach ihre unterschiedlichen Messergebnisse vergleichen.

BZ: Passiert es dennoch, dass Schüler im Unterricht auf ihre Lieblingsseiten Facebook oder Whats-App abtauchen?

Bronner: Das kann ich natürlich nicht übers Smartphone kontrollieren. Aber indem wir nicht mit Mobilfunk, sondern mit unserem Schul-WLAN arbeiten, haben wir einen Sperrfilter für diese Seiten.

BZ: Werden die Smartphones im Unterricht nur eingesetzt – oder wird auch über ihre Funktionsweise geredet?

Bronner: Die Sensoren im Smartphone werden selbstverständlich erklärt. Wir benutzen keine Blackbox, die Resultate liefert, deren Zustandekommen keiner versteht. Und bevor die Schüler mit einer App arbeiten, wird ebenfalls erklärt, wie sie arbeitet.

BZ: Entfällt mit dem Smartphone, das so viel kann und weiß, das klassische Lernen?

Bronner: Auf keinen Fall. Es gibt nach wie vor den klassischen Unterricht. Der Einsatz des Smartphones ist nur eine weitere Methode, die es erlaubt, guten Unterricht noch besser zu machen – in den Lehrmethoden, in der Individualisierung und der Binnendifferenzierung der Klasse, in der Medienbildung.

BZ: Ist es für Sie denkbar, den ganzen Unterricht übers Smartphone zu bestreiten?

Bronner: Das Smartphone ist eigentlich nur eine Zwischenlösung. Unsere Klassenzimmer werden gerade medial für den Einsatz von mobilen Endgeräten mit Beamern und WLAN ausgestattet. Dankenswerterweise erhalten wir hierbei massive Unterstützung durch die Stadtverwaltung. Nach dem Umbau ist das Ziel, die privaten Smartphones von Lehrern und Schülern durch Tablets zu ersetzen. Denn Smartphones haben klare Nachteile: Der Lehrer kann nicht kontrollieren, was die Schüler tatsächlich auf ihrem Gerät machen, und dann ist der Bildschirm wirklich sehr klein – zu klein für komplexe Aufgabenstellungen. Die Lehrer können an ihrem eigenen Tablet den Unterricht zu Hause vorbereiten und schließlich im Klassenzimmer die Tablets aller Schüler steuern.

BZ: War es schwer, Ihre Kollegen vom Smartphoneprojekt zu überzeugen?

Bronner: Als ich zum ersten Mal meine Idee vorgestellt habe, war die Begeisterung nicht so groß. Aber nach der Ausstellung, die unsere Abiturienten 2015 erarbeitet hatten, haben die Lehrer mir gesagt: Wir wussten gar nicht, dass sich in Gemeinschaftskunde oder im Sportunterricht mit dem Smartphone arbeiten lässt – jetzt probieren wir es selber aus. Daraus ist der Schulversuch entstanden, in dem jeder Kollege selbst entscheiden konnte, ob er mitmachen wollte. Und im Lehrerzimmer hat sich schnell herumgesprochen, wie gut es funktioniert.

BZ: Sie unterrichten an einem humanistischen Gymnasium. Da hätte man eher mehr Bedenken erwartet.

Bronner: Aber warum sollte man nicht diese moderne Technik benutzen? Klar, wir diskutieren auch darüber, wie sich Griechisch und Latein mit modernster Technik vertragen. Doch das muss kein Widerspruch sein. Ich kann mit dem Smartphone Griechischvokabeln lernen, ich habe eine App, mit deren Hilfe ich die Grammatik in Lateintexten üben kann.

BZ: Wie haben die Eltern auf Ihr Projekt reagiert?

Bronner: Manche haben mir geschrieben, sie seien durch die teils zermürbenden täglichen Diskussionen mit ihren Kindern über die Smartphonenutzung froh, dass die Schule ihnen Möglichkeiten aufzeige, damit sich die Geräte nicht bloß als Kommunikations-, sondern auch als Lernmittel sinnvoll nutzen lassen.

BZ: Der Lehrerpreis wird von der Vodafone-Stiftung mitgetragen. Der gefällt natürlich, wenn Smartphones in den Unterricht einziehen.

Bronner: Ja, Vodafone ist ein Mobilfunkanbieter. Aber bei uns geht es letztlich um Tablets und WLAN. Ich mache mir deshalb keine Gedanken.

Patrick Bronner (38) ist Physiklehrer am Friedrichgymnasium in Freiburg. In Freiburg geboren, hat er Physik in Karlsruhe und Erlangen studiert – und in seiner Promotion hat er sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich die Quantentheorie im Unterricht vermitteln lässt.

Autor: amp