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15. April 2016 00:00 Uhr

Atomkraftwerke

Philippsburg und Biblis: Sicherheitstests nur im Protokoll

Mitarbeiter einer externen Firma haben im Atomkraftwerk Philippsburg Überprüfungen gefälscht. Der Reaktor bleibt abgeschaltet. Auch aus dem Akw Biblis wurden nun Fälle öffentlich.

  1. Im Atomkraftwerk Philippsburg wurden Sicherheitstests protokolliert, die nie stattfanden. Foto: dpa

PHILIPPSBURG (dpa). Im Atomkraftwerk Philippsburg II haben Mitarbeiter eines externen Dienstleisters Sicherheitsüberprüfungen zwar dokumentiert, faktisch aber nicht vorgenommen. Daraufhin hat Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) angekündigt, der zweite Reaktorblock, der derzeit wegen Revisionsarbeiten stillsteht, solle vorerst nicht wieder angefahren werden. Block I ist stillgelegt.

Der Kraftwerksbetreiber EnBW muss bis Montag einen Bericht zu vorgetäuschten Sicherheitskontrollen vorlegen. Dies erklärte ein Sprecher Unterstellers am Donnerstag in Stuttgart. Erst dann dürfe der Erlass verschickt werden, mit dem der Betrieb des Kraftwerks bis auf Weiteres untersagt wird.

EnBW hatte bei Untersuchungen festgestellt, dass ein Mitarbeiter eine regelmäßig wiederkehrende Prüfung an einem Störfallmonitor zwar in einem Prüfprotokoll dokumentiert, tatsächlich aber gar nicht vorgenommen hatte. In sogenannten Signalaufzeichnungen hätte man die Prüfung ablesen können, wenn sie gemacht worden wäre. "Weil dem nicht so ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Prüfungen nicht gemacht wurden", sagte ein Ministeriumssprecher.

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Nach einem am 5. April aufgedeckten "gravierenden Fall" seien bei 450 Sicherheitsprüfungen weitere sieben Fälle aufgefallen, berichtete Untersteller. In alle Fälle sei derselbe Mitarbeiter eines zwei- bis dreiköpfigen Prüfteams verwickelt. Über die Motive gebe es keine Erkenntnisse. "Wir nehmen das nicht auf die leichte Schulter", sagte Untersteller. "Ich bin nicht bereit, die Anlage in Betrieb gehen zu lassen, bevor nicht dargelegt ist, wie sich in Zukunft solche Fälle ausschließen lassen."

Die EnBW sei sehr kooperativ, sagte der Minister. Der Betreiber habe Informationen über die Unregelmäßigkeiten am 5. April einem Mitarbeiter des Umweltministeriums vorgelegt. Die EnBW arbeite bei den Sicherheitsüberprüfungen mit anderen Firmen zusammen – aus seiner Sicht eine "sinnvolle Kooperation". Der Energiekonzern betonte, die Funktionstüchtigkeit der Einrichtungen sei gewährleistet. Untersteller kündigte an, nun würden auch die Sicherheitsprüfungen im Meiler Neckarwestheim II im Kreis Heilbronn unter die Lupe genommen. Das Umweltministerium ist Aufsichtsbehörde für die Atomkraftwerke.

Auf Nachfrage erklärte das hessische Umweltministerium, auch im Akw Biblis seien solche Prüfungen gefälscht worden. Dies sei aufgefallen, man habe die Standards verbessert, ein Mitarbeiter sei entlassen worden. Der Fall war in Wiesbaden seit 2015 bekannt aber nicht publik geworden. Biblis ist nicht mehr in Betrieb.

Der Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, sagte der Badischen Zeitung, die Vorgänge unterstreichen, "dass die Sicherheit einer Hochrisikotechnologie eben nicht nur durch bessere Technik zu beantworten ist". "Tatsächlich ist es eine echte Herausforderung, das politische und gesellschaftliche Bewusstsein für dieses Thema über 2022 hinaus wach zu halten, wenn das letzte deutsche Atomkraftwerk vom Netz gehen wird." Atomenergie sei für junge Leute eine Technologie in Abwicklung und daher keine attraktive Berufsperspektive. "Das Problem ist nur: Wir werden noch sehr, sehr lange mit dem Thema zu tun haben." Zugleich betonte er, die Bewertung liege zunächst beim Umweltministerium in Stuttgart. Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital sprach nach dem Vorfall in Philippsburg von einem schweren Mangel im Bereich der Sicherheit. Jetzt müsse man über eine endgültige Abschaltung früher als geplant nachdenken. Ähnlich äußerte sich das Bündnis Südwestdeutsche Anti-Atom-Initiativen. Es sei unverantwortlich, dass Aufträge wie die Wartung von Meilern nach außen vergeben würden, sagte ihr Sprecher Andreas Raschke. Unter solchen Bedingungen könne es jeden Tag zu einem "massiven größeren Unfall" kommen. "Jeder Tag ist einer zu viel", meinte Raschke.

Die Karlsruher Grünen-Atomexpertin Sylvia Kotting-Uhl verlangte eine Überprüfung des Regelwerks, das eine solche Vortäuschung von Prüfungen ermögliche.

Autor: dpa