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30. Juli 2010

Schlosshotel Bühlerhöhe: Abschied einer alten Dame

Das Schlosshotel Bühlerhöhe, einst erbaut als Olymp für zwölf verdiente preußische Generäle, verabschiedet am 30. August den vorerst letzten Gast.

  1. Er macht das Licht aus: Hoteldirektor Heinz H. Imhof vor dem Westflügel der Bühlerhöhe Foto: DPA/DDP

  2. Feiner geht’s kaum: Ein arabischer Prinz ließ sich die Rotonde nachbauen. Foto: ddp

Aus dem 100. Geburtstag der alten Dame wird nichts werden. Die große Party fällt aus – entweder, weil sich die Jubilarin gerade einer Schönheitsoperation unterzieht. Oder weil sie noch ein Weilchen im Dornröschenschlaf dämmert. Am 31. August wird das Schlosshotel Bühlerhöhe, stolze 98 Jahre alt, geschlossen – bis auf Weiteres jedenfalls.

Zum 1. Oktober übernimmt die neu gegründete Anna Maria Vermögensverwaltung GmbH mit Sitz in Baden-Baden die Bühlerhöhe. Die Namen der Gesellschafter sind ein gut gehütetes Geheimnis. Es soll sich um zwei, drei oder vier Stammgäste handeln, die nicht mehr länger zusehen wollten, wie eines der schönsten europäischen Hotels in eine schnöde Unterkunft für Kongressteilnehmer und Bustouristen verwandelt wird.

Geld spielt für die neuen Herren (und Damen?) offenbar keine Rolle. 100 Millionen Euro wollen sie in den Kauf und in die Sanierung des Schlosshotels stecken. Sie verstehen sich als Mäzene für ein einzigartiges Kulturgut; verdienen wollen sie mit dem Hotel nichts. Wenn der laufende Betrieb sich selbst trage, seien sie rundum zufrieden. Sie wollen nur nicht ständig frisches Geld zuschießen. Das versichert jedenfalls Martin Ernst, Vorstand einer Baden-Badener Immobilienfirma, der als Geschäftsführer fungiert. Weil bekanntlich nichts spannender ist als ein Geheimnis, wird nun munter mit Namen spekuliert. Der ukrainische Öl- und Gaskönig Igor Bakai und seine Frau Natalia Kozitskaya, die ein märchenhaftes Vermögen angesammelt haben und mehrere Anwesen in und um Baden-Baden besitzen, sollen zum Kreis der großzügigen Investoren gehören.

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Kaiser Wilhelm II.

wollte den Bau nicht

einmal geschenkt haben.

Geld wurde mit dem Prunkschloss im Schwarzwald ohnehin noch nie verdient. Wer sich in das Haus verliebte, musste damit rechnen, bald arm wie eine Kirchenmaus dazustehen. So ging es auch der Bauherrin Hertha Isenbart.

Es ist eine traurig-schöne Geschichte, an der Hedwig Courths-Mahler ihre Freunde gehabt hätte. Sie geht so: Eine reiche jüdische Bankiersgattin verliebt sich bei der Einquartierung von preußischem Militär auf einem der schlesischen Familiengüter in einen schneidigen Oberst, sie verlässt den Bankier Pringsheim, lässt sich scheiden, heiratet den Oberst und tritt zum Protestantismus über. Die Familie ist entsetzt, die Tochter wird enterbt und mit dem durchaus stattlichen Pflichtteil von mehr als zwölf Millionen Goldmark abgefunden.

Die Ehe mit einer Geschiedenen, obendrein Jüdin, gilt in jenen Zeiten als Skandal. Wilhelm Isenbart, der Oberst, wird noch schnell zum Generalmajor befördert, dann muss er die kaiserlichen Dienste verlassen. Der Wunsch, in der Berliner Gesellschaft der Jahrhundertwende eine Rolle zu spielen, scheitert schon beim ersten Schritt. Das Liebespaar wird fortan gesellschaftlich geächtet und zieht ruhelos durch die Welt. In Assuan, im Winter 1908 das Reiseziel für bessere Kreise, stirbt der General plötzlich.

Die attraktive Witwe, noch nicht einmal vierzig, lebt fortan für seine und ihre gesellschaftliche Rehabilitation. An einem der schönsten Plätze Deutschlands, auf dem Kohlberg oberhalb Bühls, will die Generalin dem Verstorbenen ein Denkmal setzen. Sie engagiert den berühmten Düsseldorfer Architekten Wilhelm Kreis. 1912 wird der Grundstein gelegt für das Genesungsheim für zwölf (!) Generäle samt Personal. Höhere Offiziere müssen damals ein ganzes Heer von Bediensteten gehabt haben, denn am Ende der Bauzeit, im Kriegsjahr 1914, erhob sich auf der Höhe ein mächtiger Bau, eine Mischung aus Schloss und Burg, eine Art Olymp für Generäle, dessen Vorbild ganz unbescheiden das barocke Jagdschloss Stupinigi bei Turin war.

Doch Kaiser Wilhelm II. wollte das großzügige Präsent nur annehmen, wenn die edle Spenderin auch für den Unterhalt aufkommt. Eine Schenkung in Höhe von drei Millionen Mark soll er verlangt haben, aus deren Zinsen die Betriebskosten bezahlt werden sollten. Dieses Geld hatte die Generalin nicht mehr, ihr Vermögen war aufgebraucht. Kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus, mit dem kaiserlichen Deutschland war es bald vorbei. Hertha Isenbart, finanziell am Ende und enttäuscht, nahm sich das Leben. Die Erben verkauften den pompösen Bau. Nur die Erinnerung blieb: "Vielen zur Genesung, einem zum Gedächtnis" ist in die grauen Granitquader des Eingangstors zum Schlosshotel eingemeißelt.

"Schon der Kaiser hat gewusst, dass sich dieses Haus nie und nimmer trägt", sagt Hoteldirektor Heinz H. Imhof (58), der das Schlosshotel seit knapp zwei Jahren leitet. Der welterfahrene Schwarzwälder ist der vorerst letzte General-Manager, der um den Bestand des Traditionshauses kämpft. Das Personalkarussell drehte sich in den letzten Jahren rasant. Den Rekord stellte ein Hotelchef auf, der exakt einen Tag blieb. Küchendirektor Christian Scharrer, vom Gourmetführer Gault Millau zum Koch des Jahres 2005 gewählt und erpicht auf den zweiten Michelin-Stern, hielt es nur noch ein Jahr aus. Als er ging, blieb das Gourmetrestaurant Imperial zehn Monate geschlossen.

Heinz H. Imhof kümmert sich nicht mehr um Sterne und Galaabende, er wickelt ab. Vor eineinhalb Monaten hat er noch Mitarbeiter eingestellt, auch für ihn kommt der Verkauf überraschend. Am 30. August wird er den letzten Gast freundlich verabschieden und den Schlüssel abziehen. Dann steht die Inventur und Übergabe an. Was wird aus dem Haus? Er weiß es nicht. Ebenso wie die Mitarbeiter, die zum Teil seit Jahrzehnten in dem Haus arbeiten. "Für manchen geht ein Lebenstraum kaputt." Ein Sozialplan wurde aufgestellt, wer kann, der geht. Und zwar so schnell wie möglich. In der Gastronomie sind Mitarbeiter gesucht – wenn sie jung und mobil sind.

"Ein Haus wie die Bühlerhöhe gibt es kein zweites", klagt der junge Barchef Wieland Hartauer, der erst im April anfing. Dabei kennt er die glanzvollen Zeiten nur aus Erzählungen. Die Zeiten, als Stresemann zur Kur kam, Adenauer Stammgast war und das komplette Kabinett nachkommen ließ, als Sultane und Emire samt Entourage sich für Wochen einmieteten, als Boris und Babs, Olli und Simone hier pompös und prächtig Hochzeit feierten. Als die Mandelas, Clintons und Flicks, die Kino- und Bühnenstars, die Nobelpreisträger und Sportgrößen auf der Bühlerhöhe abstiegen und dem Hotel mit dem spektakulären Blick über das Rheintal bis zu den Vogesen einen fast schon sakralen Ruf brachten.

In der Bar hängt hinter Glas ein knallrotes Fußballtrikot: Eine Erinnerung an die englische Nationalmannschaft, die während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in der Bühlerhöhe für vier Wochen ihr Mannschaftsquartier aufschlug. Für die Kicker wurde nochmals kräftig, wenn auch glücklos, investiert. Der erhoffte Durchbruch auf dem britischen Markt blieb aus.

In jüngster Zeit machte sich die Prominenz rar: Silvio Berlusconi hatte eine Reservierung zum Nato-Gipfel 2009 kurzfristig storniert – aus Sicherheitsgründen. Die 15-Kilometer-Fahrt nach Baden-Baden erschien dem Bundeskriminalamt für den italienischen Ministerpräsidenten samt 70-köpfiger Entourage zu gefährlich. Die Gästezahl schrumpfte, die Kosten blieben – das Hotel ist ein Millionengrab, das seine Eigner in Verzweiflung treiben kann. Das spürte auch Max Grundig, der das Schlosshotel samt Sanatorium 1986 für 7,6 Millionen Mark ersteigerte, weil er sich nach seiner Zeit als Konzernherr zu seinem 80. Geburtstag ein spektakuläres Denkmal setzen wollte. Die Denkmalschützer wurden angewiesen, nicht mit pingeligen Auflagen für unnötigen Ärger zu sorgen, die Umbaugenehmigung wurde in der Rekordzeit von sechs Wochen erteilt.

80 Millionen Mark wollte der ehemalige Radio- und TV-Fabrikant in die traditionsreiche Herberge investieren, am Ende sollten es fast 200 Millionen sein. Der Hobby-Hotelier sparte an nichts. Antiquitäten und Van Dycks aus Grundigs privatem Fundus, dazu viel poliertes Wurzelholz, Stuck sowie reichlich Marmor in den 83 Bädern, so stellte sich der Fabrikant aus Nürnberg ein Hotel der internationalen Luxusklasse vor. Es fehlte an nichts. Am Herd stand Franz Keller, der damals höchst bezahlte deutsche Koch. 250 Mitarbeiter kümmerten sich damals um die Gäste. Heute sind es noch 85.

Um die Rentabilität scherte sich Max Grundig nicht. Wenn es nicht reiche, müsse eben zugeschossen werden, lautete seine Devise. "Neu hätte ich billiger bauen können", rechnete er Lothar Späth, seinem Freund und damaligen baden-württembergischen Landesvater einmal vor, der "ihm die total vergammelte Bühlerhöhe" eingeredet hatte.

Max Grundig, dessen Bild noch immer in der Rotonde hängt, hatte nicht lange Freude an seinem teuren Spielzeug – er starb noch im selben Jahr. Geld wurde auch in den folgenden Jahren nicht verdient. Für einen Spielplatz der Schönen und Reichen liegt das trutzige Haus einfach zu einsam. Zudem war für die alte Klientel nicht der Komfort, sondern die Atmosphäre das Wichtigste: Der Gast dort, so beschrieb es einer der früheren Hoteldirektoren einmal, kenne die Welt und stehe über den Dingen. Auf der Bühlerhöhe hoffte er andere Werte zu finden als Geld, das hatte er sowieso – getreu dem snobistischem Motto, dass nicht Aufwand elitär sei, sondern raffiniert vorgespielte Bescheidenheit.

Am Ende kaufte SAP-Mitgründer Dietmar Hopp das Hotel. Als Betreiber verpflichtete Hopp zuerst die deutsche Astron-Hotelgesellschaft, die 2002 von der wenig renommierten spanischen Hotelkette NH Hoteles (Branchenspott: "Never heard") übernommen wurde. Die mit Standard-Bettenburgen erfahrene Gesellschaft war mit dem Fünf-Sterne-Exoten an der Schwarzwaldhochstraße schlicht überfordert. An allen Ecken und Enden wurde gespart, um das einstige Paradehotel massenkompatibel zu machen. Die Talfahrt begann. Auch Events wie ein Dinner im Dunkeln oder Krimiabende konnten den Abstieg nicht mehr aufhalten

Heute, vier Wochen vor Toresschluss, präsentiert sich der heroische Bau als fast schon kurios anmutende Melange zwischen Luxus und Mittelmaß: Der 18 Hektar große Park ist bestens gepflegt, der Kies in der Auffahrt pieksauber. Vor den Zimmertüren stehen immer noch Schuhe, die über Nacht blitzblank geputzt werden, an der Klinke hängt morgens die Zeitung des Tages, die Blumenarrangements in den Fluren sind opulent, der Barkeeper ist zu jeder Rezeptur bereit. Wer 250 Euro aufwärts für die Nacht bezahlt, hat Ansprüche. Doch die Speisekarte ist auf ein Mindestangebot heruntergefahren, die Sauna verströmt den Kurhauscharme der 70er Jahre, Entertainment gibt es auch nicht mehr. Hoteldirektor Imhof widerspricht nicht, wenn ihm vorgehalten wird, der Glanz sei an vielen Stellen abgeblättert. Es muss investiert werden, und zwar ganz kräftig. "Doch mit dem richtigen Konzept hat dieses einmalige Haus eine Zukunft."

Vier Nächte für

100 Euro – so billig

war Luxus noch nie.

Die Stammgäste nehmen Abschied. Der Porsche-Club hat sich nochmals angekündigt. Die beiden Geschäftsleute aus Belgien, die jeden Monat mit ihren beiden Dackeln mindestens für ein langes Wochenende auf die Bühlerhöhe kommen, können noch gar nicht recht glauben, dass sie ihr Lieblingshotel verlieren. "Rufen Sie uns an, wenn es etwas zu versteigern gibt", bitten sie den Direktor.

Es gibt Neugierige, die unsicher das Hotel betreten, die Kamera zücken und wie wild fotografieren, als ob die Pracht von heute auf morgen verschwunden sein könnte. Und es gibt Gäste, die überhaupt nicht in das Schlosshotel wollten. Sie hatten das benachbarte Kurhotel Plättig gebucht, das ebenfalls Dietmar Hopp gehörte. Das Plättig wurde von heute auf morgen geschlossen, die Gäste im Luxushotel untergebracht – zum Schnäppchenpreis: Vier Nächte inklusive Abendessen für 100 Euro. Für diesen Betrag ist im hoteleigenen Spa nicht einmal eine Gesichtsbehandlung zu bekommen.

2013, zum 100. Geburtstag, soll die Bühlerhöhe wieder als eines der besten Hotels in Deutschland dastehen, versprechen die neuen Eigentümer. In Sachen Geschichte müssen sie noch ein wenig nachsitzen. Der Grundstein für den Prunkbau wurde 1912 gelegt, die Eröffnung war 1914. Aber vielleicht setzen die neuen Schlossherren ja auf eine ganz neue Zeitrechnung.

Autor: Petra Kistler