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25. Oktober 2011 10:18 Uhr

Baden-Württemberg

Schnüffeln für den Fiskus: So arbeiten Steuerfahnder

Der Kauf von Steuer-CDs ist die Ausnahme: Das Tagesgeschäft von Steuerfahndern ist das Klein-Klein der mühsamen Recherche. Wir haben einen von ihnen getroffen.

  1. „Die meisten Menschen sind ehrlich“ – eine gute Ablage ist die beste Rückversicherung. Foto: FOTOLIA/KUSS

Er schaut sich einmal kurz um, dann kommt er schnurstracks auf mich zu. Er wirkt ein wenig gehetzt. Sieht sonst gar nicht aus wie jemand, der Leuten auf die Füße tritt. Eher der Typ Sozialkundelehrer, der letztlich doch nie eine Fünf austeilt. Ich hätte ihn nie erkannt. Er aber mich. Schließlich ist er Profi. Wir hatten uns am Telefon verabredet. Er kann nur meine Stimme kennen. Mich verrät kein Notizblock, kein Diktiergerät. Trotzdem steht er jetzt an meinem Bistrotisch. "Guten Tag." Dabei bin ich hier nicht allein in der etwas heruntergekommenen Gaststätte in Bahnhofsnähe. Da ist die Gefahr geringer, der eigenen Klientel zu begegnen. Das sind diejenigen, die von Peter Matthäus (Name von der Redaktion geändert) ins Visier genommen werden.

Steuerfahnder haben kein Gesicht – zumindest kein offizielles

Alle Versuche, mir im Vorfeld ein Bild zu machen, sind gescheitert. Steuerfahnder haben kein Gesicht. Zumindest kein offizielles. Auch nicht im Zeitalter von Facebook. Kein Bild, keine Telefonnummer, kein Büroanschluss, keine Adresse. Ob ein Foto im Profil möglich ist? "Sind Sie verrückt?" Manchmal versucht man, erzählt er, hinter seinem Rücken den Dienstausweis zu fotokopieren. "Bei Einsätzen in Bankfilialen probieren sie das oft. Bis jetzt konnte ich das noch immer verhindern."

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Worauf er in Imbiss-Stuben wie dieser hier schauen würde? Wohl zuerst nach den Rechnungen? "Die Rechnungen können Sie vergessen. Sehen Sie sich lieber die Lieferscheine an. Wie viele Servietten wurden angeschafft? Senf, Ketchup? Oder Brötchen, die werden ja tagesfrisch eingekauft. Da kommt man dem tatsächlichen Umsatz schon ein Stückchen näher."

Peter Matthäus wählt seine Kunden nicht selbst aus. "Die Fälle kommen zu uns." Matthäus spricht schnell und leise, als sei ihm das, was er sagt, unangenehm. Ein Wink vom Kollegen, dem bei einer Betriebsprüfung was faul vorkommt. Schwache Umsätze, aber ein starker Sportwagen vor dem Büro. Da lohnt sich ein zweiter, tieferer Blick in die Bücher. Auch anonyme Hinweise kommen vor. Vom Inhaber des Konkurrenzbetriebs. Oder der betrogenen Ehefrau. "Oft vergessen diese, am Telefon die Rufunterdrückung einzuschalten." Matthäus lacht. "Dann schaue ich sofort im Internet nach und rede die Frau mit ihrem Namen an." Je stichhaltiger die Vorwürfe sind, desto größer die Chance, dass er sich mit einem Kollegen auf den Weg macht. Seine Fahndungsstelle kann längst nicht jeden Fall verfolgen. Zu wenig Personal, um alle Anzeigen abzuarbeiten.

Peter Matthäus arbeitet beim Finanzamt, aber er hat die gleichen Eingriffsrechte wie ein Polizist. Er darf vernehmen, durchsuchen, beschlagnahmen. Bei Gefahr in Verzug auch verhaften. Nur eine Waffe trägt er nicht. Die Ausbildung ist gründlich. Meist bewerben sich Betriebsprüfer mit längerer Berufspraxis auf eine offene Fahnderstelle. "Lebenserfahrung ist wichtig", sagt Matthäus. "Schon allein um nicht gleich vor Schreck umzufallen, wenn ein ausgebuffter Rechtsanwalt mal ,Huch’ macht." Der Neuling paukt sechs Monate lang Recht: Bürgerliches-, Straf- und Steuerrecht, Strafprozessordnung. Nebenher Schulungen bei der Kripo. Bei den ersten Fällen geht ein älterer Kollege mit. Als persönlicher Ausbilder. "Betriebsprüfer müssen sich immer fragen: Hat er oder hat er nicht? Als Fahnder kannst du dir sicher sein. Du hast es nur noch mit Steuerhinterziehern zu tun." Peter Matthäus scheint das als einen Vorzug anzusehen.

Schulungen in Informationstechnologie, Peilsendereinsatz, Videoobservation, automatisiertes Scannen von Rechnungsbelegen: Die Fahndungsstellen, die bei den großen Finanzämtern angesiedelt sind, begnügen sich nicht mit dem Zählen frischer Brötchen. "Wir sind keine Experten, aber richtig gute Allrounder. Wir stoßen auf kriminelle Energie. Der müssen wir noch mehr Energie entgegenhalten. Als Fahnder frage ich mich oft: Wie würde ich als Betrüger vorgehen?" Als Lehrer, denke ich, würde Matthäus einem doch mal eine Fünf verpassen. Und nehme mir im Stillen aber ganz fest vor, die Belege für diese berufliche Verabredung von der Zugfahrkarte bis zur Spesenquittung zuhause säuberlich abzuheften.

Der Schock, wenn Steuerfahnder vor der Tür stehen

Ob ihm die Ertappten manchmal Leid tun? "Es gibt kaum Ärger, ich gehe freundlich mit den Leuten um. Ich nehme die Sache eher sportlich." Ob die Betroffenen das auch so sehen? "Natürlich ist das erst einmal ein Schock, wenn wir vor der Tür stehen. Wer gut beraten ist, sagt erstmal nichts. Nur die schlecht Beratenen werden aggressiv." Auch Herablassung kommt vor. Ein vermögender Unternehmer, der einen satten Betrag unterschlagen hatte, herrschte ihn an: "Glauben Sie, ich habe das vorsätzlich gemacht? Ich zähle mein Geld doch nicht!" Die Steuerfahnder haben einen speziellen Humor entwickelt, mit dem sie den täglichen Anfeindungen begegnen. Die Kollegen in Wuppertal, eine besonders erfolgreiche Truppe, haben sich ein Feuerzeug machen lassen mit der Aufschrift: "Es gibt Schlimmeres als Verwandtenbesuche", die Kölner verteilen Kugelschreiber mit dem Aufdruck: "Eine Selbstanzeige macht Spaß."

Nein, Mitleid habe er nicht, sagt Peter Matthäus. "Wenn, dann höchstens Mitleid mit der Dummheit der Leute." Wenn sie nicht einmal an Fingerabdrücke denken. Oder das Smartphone liegen lassen. "Das ist für uns eine wahre Goldgrube. Da finden Sie Adressen, Bewegungsprofile, einfach alles."

Wer zahlt schon wirklich alle Steuern? Selbst die Schriftstellerin Bettina von Arnim schummelte und deklarierte ihren Pudel 1842 als Jagdhund. Für den galt nämlich der ermäßigte Hundesteuertarif. Mittlerweile ist das deutsche Steuerrecht ein wuchernder Wahnsinn aus 200 Gesetzen und 100 000 Verordnungen. Der Kommentar zum deutschen Einkommensteuergesetz umfasst 25 000 Seiten. Steuern "auf alles, was geht, kriecht, rennt, fliegt oder still steht", sagt der amerikanische Ökonom Arthur B. Laffer. Die elektronische Steuererklärung heißt wie der diebische Vogel "Elster". Die übergroße Mehrheit (78 Prozent) der Bevölkerung findet das nicht witzig. Sie hält das deutsche Steuersystem für ungerecht. Ist Steuerhinterziehung da nicht geradezu ein Notwehrrecht?

"Die meisten Menschen sind ehrlich", hält Matthäus dagegen. "Natürlich gibt es Ausnahmen. Da, wo viel Mehrwertsteuer im Spiel ist, verhält es sich mit der Ehrlichkeit so fifty-fifty." Die Meinungsforscher kommen übrigens zum gleichen Ergebnis. 57 Prozent der Deutschen finden, dass Steuerhinterziehung in keinem Fall in Ordnung ist. Wirtschaftsforscher sprechen vom "Steuerzahlerrätsel": Bei der verhältnismäßig geringen Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, müsste es eigentlich viel mehr Steuerhinterzieher geben.

Bezahlung wie bei regulären Finanzbeamten

Die rund 30.000 Steuersünder, die jährlich überführt werden, erbringen durchschnittlich 1,5 Milliarden "bestandskräftig festgesetzte Mehrsteuern". Das sind aber nur fünf Prozent jener schätzungsweise 30 Milliarden, die Jahr für Jahr am Fiskus vorbeigeschleust werden. Sie aufzuspüren wäre für Männer wie Peter Matthäus eine wahre Sisyphusarbeit. Spektakuläre Steuer-CDs sind die Ausnahme.

Das Tagesgeschäft eines Fahnders besteht aus viel Klein-Klein. Die "Zentralen Fahndungs-Nachrichten", ein "streng geheimes behördeninternes Mitteilungsblatt" (Focus Money) offenbaren den Alltag: Ein 36 000 Friseur-Artikel umfassendes Kalkulations-Programm, prozentuale Garverluste von Dönerfleisch, Berechnungen von "Decksprüngen", mit denen Hundezüchter überführt werden.

Das alles muss mit schlechter Ausstattung bewältigt werden. "Unsere Hardwareausrüstung", sagt Matthäus, "ist dürftig. Wir haben erschreckend wenig Speicherkapazität. Vor jedem neuen Fall müssen Daten auf dem Computer umgeschaufelt werden, um Platz zu schaffen." Auch personell ist man in der Defensive. Den 2600 Fahndern in Deutschland stehen knapp 86 000 Steuerberater gegenüber. "Und nicht jeder Amtsrichter hat Ahnung vom Steuerstrafrecht; manchmal wissen die nicht einmal, was Vorsteuern sind."

Bezahlt werden Steuerfahnder wie reguläre Finanzbeamte auch. Einziger Vorteil: Die monatliche Polizeizulage von gut 100 Euro. Alles andere, Boni für erfolgreiche Ermittlungen oder behördeninterne Rankings, sind Gerüchte. Das bestätigt auch Detlef Schmedding. Der Rechtsanwalt und Steuerberater kennt beide Seiten; bevor er sich selbständig machte, arbeitete er als Sachgebietsleiter bei der Steuerfahndung in Freiburg. In der Wirtschaft wird besser bezahlt. Bei Betriebsprüfungen kommt es deshalb schon mal vor, dass versucht wird, einen allzu erfolgreichen Fahnder während des laufenden Verfahrens abzuwerben. "Dann würde zwar ein anderer Fahnder einspringen. Der erfasst dann aber vielleicht nicht das kernige Detail", sagt Matthäus.

Die baden-württembergische Steuerverfolgung gilt als lasch

Dabei gilt Baden-Württemberg, was die Steuerverfolgung anbelangt, als besonders lax. Der Bundesrechnungshof rügte schon vor Jahren die uneinheitliche Außenprüfung von Einkommensmillionären. Das Steuerberater Magazin bezeichnete 2007 Baden-Württemberg gar als das "Musterländle für nette Betriebsprüfer: Wenig Prüfungen, wenig Mehrergebnisse." Auch die Strafen fallen im Süden deutlich milder aus. "Was das Strafmaß betrifft", sagt Matthäus, "so herrscht ein eklatantes Nord-Süd-Gefälle."

Für die Oberfinanzdirektion Karlsruhe sind das "unzutreffende Behauptungen". Allerdings will die neue Landesregierung jetzt 50 neue Fahnderstellen einrichten. "Die haben die Weichen gestellt. Der Weg geht durchaus in die richtige Richtung", freut sich Matthäus.

Eine Freude, die nicht jeder teilt. Für den Juristen Christian Rode, dessen Mandanten mit dem Steuerrecht in Konflikt geraten sind, setzt die Regierung am falschen Hebel an: "Statt die Steuergesetzgebung zu reformieren, erhöht man den Druck. Die Durchsuchungen der Fahnder werden mit mehr Aufwand betrieben, als notwendig wäre. Und sie dauern ungeheuer lange. Viel Wirbel, wenig Erfolg."

Erfolg aber ist nicht das alleinige Motiv für Peter Matthäus. Es geht ihm nicht nur um die Mehreinnahmen die, wie er weiß, im Falle Baden-Württemberg in den Kanälen des Länderfinanzausgleichs verschwinden. Hingegen treibt Peter Matthäus, den Fahnder, bei seiner Arbeit etwas ganz anderes an, etwas, das er mit dem Begriff "Gerechtigkeitsgefühl" umschreibt. Hinzu kommt der Anspruch und die Möglichkeit, das Recht auch durchzusetzen. Für Leute, die Steuerhinterziehung als Kavaliersdelikt ansehen, hat er kein Verständnis. "Gehen Sie mal in eine Bank und nehmen 50 000 Euro mit. Da kreisen die Hubschrauber!"

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Autor: Stephan Kuß