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07. Dezember 2010 00:00 Uhr

Porträt

St. Blasien: Die lautlosen Schreie hören

Johannes Siebner hat als Direktor des jesuitischen Kollegs St. Blasien den Missbrauchs-Skandal miterlebt. Er entschuldigte sich bei den Opfern. Ihr Wohl war ihm wichtiger als der Ruf seiner Schule. Ein Porträt.

  1. Das Kolleg in St. Blasien Foto: Kathrin Blum

  2. Johannes Siebner Foto: privat

Die Geschichte lässt ihn nicht los. Wie auch? Pater Johannes Siebner ist Mitglied eines Ordens, den er selbst als Täter-Institution bezeichnet; es waren seine Mitbrüder, die in katholischen Schulen Nähe und Zuneigung in Herrschaft und Gewalt umschlagen ließen. Der Jesuit ist Direktor einer Schule, an der es zu Übergriffen kam. Er war Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin, wo unsägliche Dinge geschahen, unter den Betroffenen sind auch seine Schulfreunde. Er saß am "Eckigen Tisch". So heißt die Initiative, bei der sich mehr als 40 Missbrauchsopfer mit Vertretern der Täterseite auseinandersetzten.

Es waren anstrengende Monate, aufwühlende Erinnerungen, ein aufreibender Prozess – aber es gibt keine Alternative. "Zum Glück haben wir diese Debatte", sagt Johannes Siebner.

Der Direktor des Kollegs St. Blasien ist kein Typ, der die Wahrheit in Watte packt. "Wenn eine Eiterbeule aufplatzt, dann stinkt es nun mal." Das ist so ein typischer Siebner-Satz. Einer von vielen, Siebner redet schnell. Er sitzt in seinem Büro, auf seinen grauen Pullunder ist das Zeichen der Jesuiten eingestickt. Er will nichts beschwichtigen oder beschwören. Er sei ganz ruhig und klar, sagt er – und muss doch unvermittelt aufspringen und tief durchatmen, so bewegt ihn die Auseinandersetzung mit der Geschichte.

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Die Täter wurden geräuschlos versetzt. Die Opfer wurden vergessen.

Es ist die Geschichte eines Skandals: Am 21. Januar 2010 schrieb der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, einen Brief an 600 ehemalige Schüler; der Ordensmann machte öffentlich, dass bis in die neunziger Jahre Schüler systematisch missbraucht wurden.

Es waren zudringliche Gespräche hinter verschlossenen Türen. Es war die Aufforderung, die Genitalien zu zeigen oder sich selbst zu befriedigen. Es waren Bestrafungs- und Initiationsrituale, die Sex und Religion vermischten. Die Opfer waren pubertierende Buben und Mädchen.

Mertes löste mit seinen Briefen ein Erdbeben aus, das selbst den Vatikan erschütterte. Es war der Beginn der Missbrauchsdebatte, sie stürzte die katholische Kirche in die tiefste Krise seit Jahrzehnten.

Wenige Tage später erreichte das Berliner Beben den Südschwarzwald. Auch in St. Blasien gab es Machtmissbrauch, Übergriffe, harte körperliche Strafen. Auch hier wurde bis in die neunziger Jahre weggeschaut, geschwiegen. Zwei Dutzend Fälle wurden bekannt. Pater Wolfgang S., einer der Haupttäter, bekam Therapieangebote – und wurde stets geräuschlos versetzt. Von Berlin nach Hamburg, von Hamburg nach St. Blasien, von St. Blasien nach Spanien und Chile. Um das Leid der anempfohlenen Schützlinge kümmerte sich niemand. Der Ruf des Kollegs war stets wichtiger als das Wohl der Opfer.

Als das Beben begann, wusste Siebner, was auf ihn zukam. Er war einige Tage zuvor von Mertes informiert worden. "Es war ein gewaltiger Sturm, aber es war kein Krawall", erinnert sich der 49-Jährige, der zu dieser Zeit bereits seit acht Jahren im Kolleg war. Während Kamerateams das Canisius-Kolleg in der Hauptstadt belagerten, herrschte im tief verschneiten St. Blasien Ruhe – "den meisten war die Anfahrt wohl zu weit."

Pater Siebner hätte in Deckung gehen können; warten, bis sich das Beben wieder beruhigt. Nicht wenige haben ihm dazu geraten. Viele hätten sich solch ein Verhalten wohl auch gewünscht.

Er hat sich anders entschieden: Er wollte nicht schweigen, er wollte die Wahrheit wissen – auch wenn das Kolleg, der Orden oder die katholische Kirche darunter leiden würden. Er wollte keine Solidaritätsbekundungen, keine Unterschriftenlisten, keine Leserbriefe, in denen die großen Verdienste der Schule geschildert würden. Er wollte sich auch nicht mit den Tätern beschäftigen. Er wollte, sagt er, den Opfern gerecht werden.

Warum dieser offensive Umgang? "Offen, nicht offensiv", widerspricht Siebner. "Offensiv klingt zu aggressiv. Es geht nicht um meine Agenda. Es auch nicht um das Kolleg oder um mich. Aber mir war klar: Wenn ich etwas sage, dann lesen und hören dies die Betroffenen." Er glaubt ihnen. Und er ist dankbar, dass die Opfer gesprochen haben.

Damit hat sich Siebner – wie auch sein Mitbruder und Mitstreiter Klaus Mertes – nicht nur Freunde gemacht. Mertes wurde als Nestbeschmutzer bezeichnet. Ältere Ordensbrüder sind zum Teil entsetzt über das, was an Spekulationen und Kritik über sie hereinbrach; sie zogen Vergleiche mit der Verfolgung der Jesuiten im Nationalsozialismus.

Dass es im Kolleg eine unausgesprochene Wahrheit, ein dunkles Familiengeheimnis gibt, hat der junge Ordensmann geahnt. Bei jedem Altschülertreffen führt er die Ehemaligen durch das Kolleg. Die Tour führt immer zum früheren Schlafsaal, wo 20 Kinder in einem Raum untergebracht waren. Das Bett des verantwortlichen Paters stand in einer Nische. Im Schlafsaal setzt stets die große Vergangenheitsverklärung ein, die alten Herren schwärmen von Kissenschlachten und nächtlichen Streichen – "wisst ihr noch .. .!" Die Erniedrigungsrituale, die es unter den Schülern auch gab, sind kein Thema. "Es gibt Menschen, die konnten nicht kommen. Und es gibt auch Menschen, die wollten nicht kommen", sagt der Kollegdirektor stets an dieser Stelle und weist auf die Lücken hin. "Es war doch nicht alles so toll in diesen Jahren." Das ist der Moment des großen Schweigens. "Alle wussten, was ich meine – nur ich nicht."

Johannes Siebner kennt einige Betroffene, die jetzt zu sprechen begonnen haben. Sie haben mit ihm in den siebziger Jahren das Canisius-Kolleg in Berlin besucht, "die letzte freie Schule vor Wladiwostok", wie Kritiker des Berliner Bildungssystems spotten. Sie gehören zur Opferseite, er repräsentiert die Täterseite.

Er hat sich mit ihnen getroffen – beim "Eckigen Tisch", beim Ehemaligentreffen. Stunden haben sie geredet, haben ihre Geschichten erzählt, geweint, gewütet, gestritten. Sie haben gefragt, warum niemand etwas bemerkt hat. Es gebe Opfer, die den Orden zerstören wollten, sagt Siebner: "Es gibt aber auch eine große Sehnsucht nach Versöhnung."

Es gab Gerüchte über die sexuelle Ausbeutung von Schülern am Canisius-Kolleg, Gerüchte, die auch der damalige Schulsprecher Siebner kannte – "bei mir ist aber nie der Gong angegangen". Mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigte er sich erstmals in Australien, wo er Jesuiten aus den USA traf. "Für die war das ein großes Thema."

Als er im Kolleg St. Blasien als Direktor anfing, war er für das Problem sensibilisiert. Manche waren erstaunt, wie sehr er auf die Einsehbarkeit von Klassenzimmern pochte, welchen großen Wert er auf einen klaren Verhaltenskodex legte. Das führte zu Irritationen – von Generalverdacht war die Rede.

Das Thema Distanz und Nähe beschäftigt ihn. Mit Klaus Mertes hat er ein Buch geschrieben: "Schule ist für Schüler da". "Wer meint, als Erzieher einen jungen Menschen drängen zu müssen, ihm seine Probleme zu offenbaren, drängt sich auf", ist dort zu lesen. "Gerade weil die Arbeit in der Schule nicht ohne Nähe, ohne persönliche Zuwendung auskommt, ist es wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer ihre Rolle als Vertreter einer Institution erkennbar annehmen."

Johannes Siebner, der Sohn eines Berliner CDU-Politikers, der sich auch gut eine Tätigkeit als Journalist oder in der Erwachsenenbildung hätte vorstellen können, glaubt an Institutionen. Er sagt aber auch, dass das Verschweigen und Verdrängen eine typische Angst von (nicht nur kirchlichen) Institutionen ist. Die Angst, dass der gute Ruf Schaden nehmen könnte, sei groß. Siebner zitiert in solchen Augenblicken gern Jesus: "Die Wahrheit wird euch frei machen."

Auch wenn die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen die Akte St. Blasien noch nicht geschlossen hat, klar ist: Die Taten sind juristisch verjährt. Jetzt geht es darum, Lehren zu ziehen. Siebner hat nicht nur mit Opfern gesprochen, er hat sich in das Thema sexueller Missbrauch eingearbeitet. Autoritäre Strukturen erleichtern den Missbrauch in Institutionen, zitiert er Ursula Enders von der Opferberatungsstelle Zartbitter, "die Täter brauchen nur bei der Leitung zu schleimen und können Seilschaften bilden".

Internate sind geschlossene Institutionen. Die Nähe schweißt Schüler, Lehrer und Patres zusammen. Wie garantiert man bei 900 Schülern transparente Strukturen und Verfahren? Wie kann ein Schulklima geschaffen werden, in dem Erwachsene ihre Macht und das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wird, nicht missbrauchen können? Wie entsteht eine Atmosphäre, die Mut macht und nicht Angst, die zu Zivilcourage ermutigt und nicht zu Duckmäusertum? Wie soll Sexualmoral vermittelt werden?

Das sind die Fragen, die Siebner umtreiben. "Ich wünsche mir bei uns ein Klima, in dem unser aller Gehör so sensibel ist, dass wir den Schrei eines Kindes hören, wenn es verletzt wird oder Schmerzen hat – so ein Schrei kann ja vielleicht auch lautlos daher kommen", sagt er der Schülerzeitschrift in einem Interview.

Tätige Reue muss sein. Die Schule soll aber nicht darunter leiden.

Er wünsche sich ein Kolleg, sagt der Direktor, in dem jeder einen findet, dem er vertrauen kann. Doch dies reicht nicht: Es braucht unabhängige Anlaufstellen und außerhalb des Hauses, an die sich Schüler, Erzieher und Lehrer wenden können. Die Opferberatungsstelle Wendepunkt soll diese Aufgabe übernehmen, eine erfahrene Freiburger Rechtsanwältin wird als Ombudsfrau verpflichtet. Sein Kurs kommt an: Der Ruf des Kollegs St. Blasien hat nicht gelitten, die Anmeldezahlen sind so hoch wie eh und je.

Dennoch muss Buße sein. Erst wollten die Jesuiten in der Entschädigungsfrage vorangehen, die Opfer nicht lange warten lassen. Jetzt wollen sie eine Entscheidung des Runden Tisches abwarten. "Wir wollen nicht die besseren sein." Eine pauschale Zahlung im vierstelligen Bereich für jedes Opfer wurde ins Gespräch gebracht. Der Orden ist nicht reich, sagt Siebner. Die Schulen sollen auch nicht darunter leiden. Also müssen Siebner und seine elf Mitbrüder in St. Blasien ihr Leben einschränken. "Vielleicht können wir uns künftig nur noch zwei statt drei Wochen Urlaub leisten."

Überkommt ihn nie der heilige Zorn? Doch, es gibt Augenblicke, in denen Siebner gegen den Papierkorb tritt. Zum Beispiel, wenn ein Täter immer noch leugnet. In St. Blasien kommen die Opfer zu Wort. Demnächst auch im Kollegbrief.

Hintergrund: Chronik eines Skandals

Im Januar werden die Übergriffe am Berliner Canisius-Kolleg bekannt. Innerhalb von Wochen weitet sich der Missbrauchsskandal auf Deutschland aus. Immer mehr Opfer melden sich zu Wort. 200 Fälle sind mittlerweile aus den deutschen Jesuitenschulen bekannt. Auch im Benediktinerkloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen kommen Missbrauchsfälle ans Licht.

In zahlreichen deutschen Bistümern werden Übergriffe bekannt. Im Erzbistum Freiburg gingen in diesem Jahr 70 Anzeigen wegen Missbrauchs und Übergriffen durch Priester und andere Kirchenmitarbeiter ein. Der Augsburger Bischof Walter Mixa ("Die eine oder andere Watsch’n") muss wegen Misshandlungsvorwürfen seinen Rücktritt anbieten. Nicht nur an kirchlichen Schulen und Internaten, auch an weltlichen Einrichtungen gab es Missbrauch: An der Odenwaldschule, einer Vorzeigeeinrichtung der Reformpädagogik, wurden mindestens 125 Kinder und Jugendliche durch den damaligen Schulleiter Becker und einige Lehrer über Jahre missbraucht. Die Taten wurden verharmlost, verschwiegen und gezielt vertuscht.

Die Bundesregierung richtete im April einen "Runden Tisch" und eine unabhängige Anlaufstelle für sexuellen Kindesmissbrauch ein. Dort sind in den vergangenen sechs Monaten mehr als 8000 Anrufe und Briefe von Opfern eingegangen. Über die juristischen Konsequenzen und die Entschädigung der Opfer wird noch debattiert.

Autor: Petra Kistler