BZ-Interview

Stefan Gössling forscht über psychologische Aspekte des Autofahrens

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Mo, 17. Oktober 2016

Südwest

BZ-INTERVIEW: Stefan Gössling forscht über die "Psychologie des Autos" – und hat auch die The-Fast-And-The-Furious-Filme geguckt.

Immer wieder machen rücksichtslose Raser die Straßen unsicher. Was treibt sie an? Und warum nehmen sie das Risiko in Kauf? Patrik Müller sprach mit dem Wissenschaftler Stefan Gössling – er schreibt gerade ein Buch über psychologische Aspekte des Autofahrens.

BZ: Herr Gössling, was fasziniert Menschen eigentlich so sehr an Autos?
Gössling: Fahrzeuge sind überall, wir werden sozialisiert in einer Autowelt. Gehen Sie in die Apotheke, holen Sie sich das Junior-Heftchen für Kinder – jeden Monat wird ein neuer Sportwagen vorgestellt. Der eigene Wagen zum 18. Geburtstag – ein Initiationsritus. Es geht da um viel mehr, als nur von A nach B zu kommen.
BZ: Und was fasziniert einige so sehr am Rasen?
Gössling: Man kann das Phänomen vielleicht anhand der Filmreihe The Fast And The Furious erklären. Die ist wahnsinnig erfolgreich, der siebte Teil hat 1,6 Milliarden Euro eingespielt. In den Filmen geht es um die illegale Renn- und Tunerszene, Rasen wird glamourisiert. Respekt bekommt, wer ein brillanter Fahrer ist, wer schnell unterwegs ist und dicht auffährt. Das ist die eine Seite. Es geht aber um noch etwas anderes – um Gemeinschaft nämlich.
BZ: Wie äußert sich das?
Gössling: Die Hauptfiguren sind junge Männer auf der Suche nach Identität. Sie kommen aus schwierigen Verhältnissen und haben ihre Väter früh verloren. In der illegalen Rennszene finden sie Gleichgesinnte. Der Status innerhalb der Gruppe wiederum rekrutiert sich aus dem Fahrverhalten. Frauen sind in den Filmen fast nur als Accessoires zu sehen, tanzend im knappen Rock.
BZ: Paul Walker, einer der Hauptdarsteller, ist im Porsche gestorben.
Gössling: Das Thema Tod ist in den Filmen zentral, der Tod der Väter, von Freunden, Partnern, auch der in Kauf genommene eigene Tod. Was keine Rolle spielt, ist dagegen der Tod anderer Verkehrsteilnehmer. Autos werden zerstört, Leute rennen um ihr Leben. Der Andere existiert aber nicht. Der Fokus liegt auf dem eigenen Bedürfnis: Ich will jetzt rasen.
BZ: Laut Polizei sind Raser oft junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren.
Gössling: Das ist die Sturm- und Drangphase, in der man zeigen muss, dass man ein Alphatier ist. Sozialverhalten ist immer auch eine Reflektion von Reproduktionsverhalten. Durch unser Fahrverhalten wollen wir zeigen, dass wir jemand sind. Und auch Rasen impliziert eine Form von Sozialkapital.
BZ: Ist die Situation im Autoland Deutschland eigentlich eine besondere?
Gößling: Hier wird das Problem durch institutionelle Strukturen noch gefördert. Wir sind offensichtlich das einzige Land außer Libyen, das keine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn hat. Es wird als Mythos hochgehalten, dass wir das als Autonation brauchen. Die Polizei hätte aber gern Tempo 130 auf der Autobahn. Zwei Drittel der Bevölkerung, das zeigen verschiedene Studien, wollen das übrigens auch. Nur: Tempolimit ist ein politisches Tabu – obwohl jeder weiß, dass man schwere Unfälle und viele Staus vermeiden könnte.

Stefan Gössling (46) lebt in Freiburg. Der studierte Geograf ist Professor in Lund und Kalmar (Schweden), forscht über Klimawandel und Mobilität und arbeitet an einem Buch mit dem Titel "The psychology of cars".