Stuttgart

Studie: Gemeinschaftsschule könnte scheitern

Andreas Böhme

Von Andreas Böhme

Sa, 09. März 2013 um 00:00 Uhr

Südwest

Die Gemeinschaftsschule droht zu scheitern, wenn die Landesregierung nicht bald konkrete inhaltliche wie strukturelle Vorgaben macht, sagt der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl. Er hat eine von der GEW beauftragten Expertenstudie vorgelegt.

19 Experten, 15 Themenbereiche, ein Ergebnis: "Die Einführung der Gemeinschaftsschule ist grundsätzlich sinnvoll", sagt das Autorenteam um die Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl und Sybille Meissner. Sie verantworten eine knapp 400 Seiten starke Studie, die nicht etwa vom Kultusministerium beauftragt wurde, sondern von der Lehrergewerkschaft GEW. Abseits tagespolitischer Hektik widmen sich die Autoren zahlreichen Aspekten des nach Haupt-, Real- und Sonderschule sowie Gymnasium fünften Schultyps im Land. Angesichts der demografischen Entwicklung, dem rechtlichen Zwang zu Inklusion und dem veränderten Übergangsverhalten von der Grundschule eigentlich sogar zu spät, sagt Bohl, setzt aber ein Aber hinter die grundsätzlich positive Bewertung.

"Fundamentale Problemlagen" macht er in Baden-Württemberg aus. Die beiden ersten Antragsrunden ließen befürchten, dass es den Gemeinschaftsschulen an der notwendigen Heterogenität fehle. Sprich, ohne gymnasiales Angebot fehlt es an Anreizen. Gerade schwache Schüler, so gibt Bohl den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte wieder, lernen mehr, wenn sie gute Schüler in der Klasse haben. Umgekehrt gilt das nicht so automatisch, deshalb müsse es für leistungsstarke Schüler zusätzliche individuelle Angebote geben. "Man wird auch in der Gemeinschaftsschule damit leben müssen, dass die Leistungsschere auseinandergeht."

Bohl vermisst außerdem klare Vorgaben für die kommunale Bildungsplanung: "Die Expertengruppe sieht die Gefahr, dass Potenziale der Gemeinschaftsschule aufgrund konkurrierender, schwächender oder unzureichender Vorgaben nicht ausgeschöpft werden." Gerade in der Stadt sei die Konkurrenz zwischen Gemeinschaftsschulen und den gewohnten Realschulen und Gymnasien groß, dieser Wettbewerb gehe aber immer zu Lasten des neuen Schultyps. Auch die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten gestalte sich insofern schwierig, weil das Sonderschulsystem im Südwesten hoch differenziert ist. Eine mehrjährige Übergangsphase sei notwendig, um die Expertise der Sonderschullehrer zumindest regional und eventuell auch nur teilweise in neue Schulstrukturen einzugliedern. Kultusminister Andreas Stoch erklärte gestern, er werde sich trotz des Drucks der UN-Konvention Zeit lassen, inklusive Konzepte an allgemeinbildenden Schulen auszuarbeiten.

Bohl teilt nicht uneingeschränkt die Auffassung der GEW, dass die neue Schule auf alle Fälle mehr Lehrer benötigt als bisher. Entscheidend sei vielmehr, was sie fachlich können, wie sie dies vermitteln – und natürlich das Zusammenspiel vieler Lehrer mit unterschiedlich speziellen Fertigkeiten in einem Kollegium. Dabei ist sich der Wissenschaftler deshalb mit GEW-Chefin Doro Moritz einig, dass man eine Mindestgröße für Gemeinschaftsschulen festschreiben muss, um ein möglichst breites Spektrum an pädagogischem Personal zu versammeln. In der derzeitigen Phase der kultuspolitischen Planungsarmut seien wenige gute Gemeinschaftsschulen besser als viele kleine, die sich eher wegen der Standorterhaltung bilden, denn aus pädagogischen Erwägungen.