Bildung

Trend zum Gymnasium hält an – Realschule verliert Schüler

Andreas Böhme

Von Andreas Böhme

Di, 16. April 2013 um 08:01 Uhr

Südwest

Erstmals verliert die Realschule in der Gunst der Fünftklässler und deren Eltern: Das zeigen die vorläufigen Anmeldezahlen für die weiterführenden Schulen.

Die Zahlen hat Kultusminister Andreas Stoch, SPD, in Stuttgart vorgestellt. Leidtragende in der Entwicklung der Schülerzahlen sind aber weiter Haupt- und Werkrealschulen – viele von ihnen müssen inzwischen um ihren Fortbestand fürchten. Der Trend zum Gymnasium ist dagegen ungebrochen.

Die ersten Zahlen zum Schulübergang bestätigen die inzwischen schon gewohnten Größenordnungen: Fast 45 Prozent der Eltern wollen ihre Kinder aufs Gymnasium schicken, Tendenz steigend. Ein sattes Drittel der Fünftklässler soll vom kommenden Herbst an die Realschule besuchen, allerdings etwas weniger als im Vorjahr. Insgesamt, so Kultusminister Stoch, beweise sich aber einmal mehr der Trend, dass viele Eltern mindestens einen mittleren Bildungsabschluss für ihren Nachwuchs anstreben. Ob der den Erwartungen auch tatsächlich gerecht werden kann, dies zu beurteilen fehlt noch immer die Datengrundlage. Es gebe Einzelmeldungen, sagt Stoch, aber keine Gesamtübersicht über die Zahl jener Schüler, die nach der Freigabe der Grundschulempfehlung an der falschen Schule gelandet sind und nun Gefahr laufen, im Sommer das Klassenziel nicht zu erreichen.

Auch wenn die Elternentscheidungen nicht immer pädagogisch korrekt sind, verteidigt Stoch die von der grün-roten Landesregierung abgeschaffte Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung. Eine Erhebung unter den 21 Schulämtern zeige einen hohen Beratungsbedarf der Eltern, zum Teil schon ab der dritten Klasse. Die Unterschiede sind allerdings groß: So wurden in Freiburg weniger Beratungsanfragen gezählt als zuvor, 60 Kilometer weiter westlich in Donaueschingen ist die Nachfrage relativ hoch, nochmals 60 Kilometer weiter meldet Konstanz "wesentlich weniger" Elternanfragen.

Auf der Verliererseite stehen unverändert die Haupt- und Werkrealschulen: 862 gibt es noch im Land, 126 aber starten ohne fünfte Klasse in den Herbst, weil die Grundschüler samt und sonders in Real- oder Gemeinschaftsschulen sowie die Gymnasien abgewandert sind. An weiteren 223 Schulen wird die vorgeschriebene Mindestzahl von 16 Schülern nicht erreicht. Kurz: Für ein Drittel aller Haupt- und Werkrealschulen stellt sich derzeit die Existenzfrage.

Manche retteten sich durch Zusammenlegungen, aber, warnt Stoch, "unter pädagogischen Gesichtspunkten sind Kleinstschulen nicht sinnvoll". Auch die Situation der Realschulen hält Stoch für schwierig. Dennoch sieht er gute Chancen für diesen Schultyp, der früher Puffer war zwischen Gymnasium und Hauptschule – solange es den Realschulen gelinge, sich auf inhomogenere Klassen einzustellen.

Im kommenden Monat will Stoch Details der regionalen Schulentwicklungsplanung präsentieren und dabei die Kommunen stärker einbinden als bislang. Weiterführende Schulen, so der Grundgedanke, sollen in erreichbarer Nähe des Wohnorts sein. Dabei müsse man vom angestrebten Abschluss her denken und weniger von der bloßen Entfernung, sagt Stoch. Er hält auf dem Land Fahrtzeiten von einer halben Stunde für durchaus "erreichbar". Eine Alternative sei nicht vorstellbar: "Wenn wir nichts machen, wird es weiterführende Schulen nur noch in großen Gemeinden geben."

Die vorläufige Analyse der jetzt bekannten Übergangszahlen mündet nun in die Zuweisung von Lehrerstellen. Auf die Statistik ist dabei nur bedingt Verlass: Ursprünglich hatten die Planer mit einem Minus von 51 000 Schülern quer über alle Schularten gerechnet, nun sind es nur 39 000. Diese Zahl weicht deutlich von der jüngsten Prognose aus dem Jahr 2010 ab, Auswirkungen auf das Stellenprogramm werde sie aber nicht haben: Stoch hält am Abbau von 1000 Planstellen in diesem Jahr fest.