Bürgerentscheid

Menschen im Münstertal stimmen am Sonntag über den Bau von Windrädern ab

Rainer Ruther

Von Rainer Ruther

Do, 24. Januar 2019 um 11:09 Uhr

Münstertal

In der Gemeinde Münstertal wird wieder einmal heftig über Windkraft diskutiert. Es geht um potentielle Gefahren fürs Trinkwasser durch Bau und Betrieb der Windräder. Am Sonntag entscheiden die Bürger.

Im Münstertal wird wieder einmal heftig über Windkraft diskutiert. Nach zwei Bürgerbefragungen 2011 und 2017, die zuerst eine starke, denn ein knappe Mehrheit für die Windkraft ergeben haben, soll nun am Sonntag ein Bürgerentscheid die Frage beantworten, ob konkret auf dem Breitnauer Kopf Rotoren errichtet werden dürfen. Dabei steht gar nicht die Nutzung der Windkraft selbst zur Debatte, wie etwa derzeit im Wiesental, sondern es geht um Gefahren fürs Trinkwasser durch Bau und Betrieb der Windräder.

Noch 2011 stimmten bei einer Bürgerbefragung 80 Prozent für Windräder auf dem Gemeindegebiet

Auch wenn Strom aus Windkraft gut ist für das Weltklima – dem Klima in der Gemeinde haben die Auseinandersetzungen um die Windkraft nicht gutgetan. Dabei stand am Anfang ein eindrucksvolles Bekenntnis: Im März 2011 erbrachte eine Bürgerbefragung 80 Prozent Zustimmung für Windräder auf Gemeindegebiet. Doch gebaut wurde keines. Dennoch hatte sich nur sechs Jahre später der Wind gedreht: In einer erneuten Befragung gab es nur noch eine knappe Mehrheit von 52 Prozent pro Windkraft.

Am 27. Januar kommt es nun zum entscheidenden Akt: In Münstertal findet ein Bürgerentscheid statt zur Frage: "Sind Sie dagegen, dass die Gemeinde Münstertal Verträge abschließt, die den Bau von Windenergieanlagen auf der Breitnau ermöglichen?" Gemeint ist damit ein Vertrag der Gemeinde mit dem ostfriesischen Unternehmen Enercon, den der Gemeinderat bereits gebilligt hat. Darin erklärt sich die Kommune bereit, gegen Pacht Wege für Baufahrzeuge, Trassen für Stromleitungen und Gelände für den ökologischen Ausgleich bereitzustellen.

Vandalismus und Drohungen prägten den Windräder-Streit

Die Diskussion über die Windkraft war lange Zeit relativ fair gelaufen. Erst mit dem Enercon-Vertrag kochten die Emotionen hoch. Im Gemeindeblatt befehdeten sich Gegner und Befürworter der Windenergieanlagen, es gab Vandalismus gegen Poster und kleine Werbe-Windräder, anonyme Drohungen gegen Vertreter beider Seiten und auch gegen Münstertals Bürgermeister Rüdiger Ahlers: alles Gift fürs Miteinander in der Gemeinde. Es ging sogar so weit, dass Ahlers öffentlich zu einem "Waffenstillstand" aufrufen musste.

Um die Eskalation zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen. "Schon bald nach der Abstimmung 2011 hatte eine Gruppe von Bürgern eine GmbH gegründet und Kontakt zum Windkraftunternehmen wpd aufgenommen. Man wollte ein Bürgerwindrad in einem Windpark von zwei oder drei WEA auf der Breitnau. Das Unternehmen zog sich jedoch nach kurzer Zeit wieder aus dem Geschäft zurück, angeblich wegen mangelnder Windhöffigkeit des Standorts. Im April 2018 gab auch das Energieunternehmen EnBW auf, das zwischen Münstertal und Ehrenkirchen einen Windpark bauen wollte: zu wenig Wind, zu geringe Aussichten auf Profit."

Zudem kam aus Staufen, dessen Trinkwasser von eben diesem Berg stammte, Protest: Man habe auf die Quellen am Breitnauer Kopf jahrzehntealte Rechte. "Die Stadt Staufen und die Stadtwerke Müllheim-Staufen lehnen das Vorhaben ab", erklärte Bürgermeister Michael Benitz. Man werde "alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um eine Bedrohung für die Staufener Trinkwasserversorgung abzuwehren."

Vielen Münstertälern wurde zugleich klar, dass auch große Teile ihrer eigenen Gemeinde Wasser aus zwei Quellen auf dem Berg beziehen. Drohte mit dem Bau der Windkraftanlagen eine Verschmutzung des Grundwassers, gar ein Versiegen von Quellen? Neun Mitglieder des Gemeinderats hatten in einem Beitrag für die Infobroschüre zum Bürgerentscheid diese Fragen klar verneint, eine Minderheit von sechs Gemeinderäten hatte sich den Gegnern von Windkraft auf der Breitnau angeschlossen und formuliert: "Die Risiken vor allem für unsere Trinkwasserversorgung sind nicht kalkulierbar."

Ein Beitrag gegen den Klimawandel

Bürgermeister Ahlers vertraut auf die reinigende Kraft der Abstimmung am 27. Januar. "Was kommt, müssen wir aushalten", so sein Appell. "Das Mehrheitsvotum ist von beiden Seiten zu akzeptieren. Der Bürgerentscheid wird die Situation entspannen." Und warum setzt er sich persönlich so stark für die Windkraft ein? "Für mich", antwortet der Bürgermeister, "gehört die Windkraft als unverzichtbarer Teil zum Energiemix der Gemeinde dazu. Und jeder von uns ist gefordert, dem Klimawandel zu begegnen."

Die Befürworter des Breitnau-Windparks, darunter viele, die dort Geld investieren wollen, erkennen "verstärkt Rückenwind für unser Windenergie-Projekt. Die Menschen spüren, dass der Klimawandel bei uns angekommen ist und dringend etwas dagegen getan werden muss."

Eine Mehrheit für die Ablehnung des Vertrags würde in Münstertal aber nicht das Ende der Windkraft bedeuten. Denn nicht alle Gegner der Anlagen auf dem Breitnauer Kopf sind zugleich Gegner von Windkraft an sich. Ihre Befürchtung ist aber, dass die Anlagen die Schüttung der Quellen beeinträchtigen. Die Energiewende, so sagen sie, kann man trotzdem unterstützen. Und so gibt es in der Gemeinde Münstertal noch einen weiteren aussichtsreichen Standort für drei Windrotoren, und zwar im Gebiet Hörnle. Die Planungen dafür ruhen allerdings derzeit.

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