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18. Mai 2015

Homosexualität

Viele Lesben und Schwule fühlen sich noch immer zurückgewiesen

Die Gesellschaft ist toleranter geworden im Umgang mit Homosexuellen – doch viele Schwule und Lesben fühlen sich noch immer zurückgewiesen.

  1. Stefan Kaufmann (links) und sein Partner Rolf Pfander bei der kirchlichen Trauung: Der CDU-Bundestagsabgeordnete beobachtet eine konservative Rückwärtsbewegung. Foto: dpa

Die Haare hat Mira vermutlich von ihrem Vater. Glatt und hellblond – das Gegenstück zu den braunen Locken ihrer Mutter Marion Lüttig. Wie ihr Vater aussieht, weiß Mira mit ihren fünf Jahren allerdings nicht. Sie weiß nur, dass es einen Mann gab, der ihrer "Mama" und ihrer "Mami" geholfen hat, sie zu bekommen. Dass der Mann seinen Samen in den Niederlanden gespendet hat, wird Mira wohl später erfahren, ebenso wie seinen Namen – wenn sie es denn möchte. Das Mädchen strahlt und sitzt auf dem Sessel im Wohnzimmer. Auf dem Tisch steht das iPad, darauf läuft ein Zeichentrickfilm. Neben dem Sofa lehnt eine Gitarre, die Fenster geben den Blick frei auf den Garten. Reihenhausidylle in Mannheim.

"Es gibt viele unterschiedliche Familienkonstellationen", sagt Marion Lüttig, an ihrer linken Hand glänzt der goldene Ehering. "Die haben alle ein Recht zu bestehen." Seit zehn Jahren ist sie mit ihrer Frau Grit Läuter-Lüttig zusammen, seit mehr als acht Jahren verpartnert. Mira ist ihr leibliches Kind, ihre Frau hat das Mädchen adoptiert und brachte damals noch ihren siebenjährigen Sohn Lukas mit in die Beziehung.

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Doch das Glück der Familie Läuter-Lüttig passt vielen nicht ins Weltbild. Seitdem 2013 Pläne der grün-roten Landesregierung bekannt wurden, dass in den Schulen künftig über "sexuelle Vielfalt" und alternative Lebensformen neben dem traditionellen Familienkonzept gesprochen werden soll, gab es bereits sechs Kundgebungen gegen diese Pläne. Die Initiatoren befürchten, wie sie selbst sagen, eine Überforderung ihrer Kinder mit dem Thema Sexualität unter dem Motto "Demo für alle". Eine entsprechende Online-Petition unterschrieben mehr als 192 000 Menschen. "Ich habe gedacht, wir sind weiter in der Gesellschaft", sagt Marion Lüttig.

Sie ist Mitglied des Landesvorstands des baden-württembergischen Lesben- und Schwulenverbands und wurde mehrfach in Mails beschimpft. "Ich nehme gesellschaftlich gesehen eine Rückwärtsbewegung wahr", sagt sie zur Akzeptanz von Schwulen und Lesben. Der Verband sieht grundsätzlich eine "homophobe Mobilisierung in der Gesellschaft", sagt der Sprecher Helmut Metzner. "Diese neue Bewegung ist eine ernste Gefahr für unsere offene Gesellschaft."

Wie viele Menschen in der Bevölkerung homosexuell sind, lässt sich nicht sagen. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland geht von fünf bis zehn Prozent aus. Das wären im Südwesten bis zu 1,06 Millionen Menschen.

Vor einem Jahr gewann die Sängerin Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen mit ihrem Lied "Rise like a Phoenix". Als Zeichen für Akzeptanz von Menschen, die nicht ins gewohnte Mann-Frau-Schema passen, sang die österreichische Dragqueen später auch vor Mitgliedern des Europäischen Parlaments. Doch was hat der Sieg des schwulen Künstlers Tom Neuwirth, der hinter der Kunstfigur Conchita Wurst steht, wirklich bewegt?

Diskriminierung trifft
häufig die Kinder

"Es hat auf jeden Fall eine breite Diskussion über Geschlechterrollen angestoßen", sagt der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann. "Für die Akzeptanz von Schwulen hat es aber nichts gebracht." Auch Kaufmann, der seit 16 Jahren offen schwul lebt, nimmt ein "konservatives Rollback" in der Gesellschaft war. Auch er wird immer wieder übers Internet beschimpft. "Es wäre gut, wenn Sie nie geboren worden wären" oder "Es wäre gut, wenn Sie bald die Erde verlassen würden", müsse er lesen, erzählt der 45-Jährige – kurze braune Haare, Brille, dunkler Anzug. "Das ist natürlich auch verletzend."

Angeheizt haben nun zuletzt die "Hardcore-Katholiken", wie Kaufmann sie nennt, die Berichterstattung darüber, dass Kaufmann und sein Mann Rolf Pfander einen Dankgottesdienst in einer katholischen Kirche haben wollten. Nachdem die beiden sich im vergangenen Jahr verpartnert hatten, wollten sie die Verbindung kirchlich besiegeln. Doch als der Bischof von ihren Planungen erfuhr, untersagte er den Gottesdienst. "Das hat uns natürlich tief getroffen", sagt Kaufmann. Sein Partner trat nach 46 Jahren aus der katholischen Kirche aus und in die alt-katholische Kirche ein. Sie ist eine Abspaltung der katholischen Kirche. Am 2. Mai feierten die beiden Männer mit 350 Gästen und einem alt-katholischen Pfarrer in der Schlosskirche des Alten Schlosses ihren Segnungsgottesdienst.

Marion Lüttig trat mit 19 Jahren ebenfalls aus der katholischen Kirche aus. Die junge Frau aus Westfalen hatte ein katholisches Privatgymnasium besucht, war in der katholischen Landjugendbewegung aktiv, wollte Religionspädagogik studieren und Gemeindereferentin werden. Den Studienplatz hatte sie schon in der Tasche. Dann stellte sie fest, dass sie lesbisch ist. In den Kleinanzeigen eines Veranstaltungskalenders hatte sie von einem Treff einer schwul-lesbischen Gruppe in der Kirche. Sie schaute sich beides an – und plötzlich war alles klar. "Ich habe gedacht: Ach super, ich bin doch nicht beziehungsunfähig."

Von ihrer neuen Erkenntnis erzählte sie Freunden und Bekannten. "Ich habe es allen auf die Nase gebunden, ob sie wollten oder nicht." Ablehnung habe sie nicht erlebt, sagt Lüttig. Aber es seien auch nur wenige Menschen darunter gewesen, die sie ernst genommen hätten. Von ihren Studienplänen und ihrem ursprünglichen Berufswunsch verabschiedete sie sich. Für die junge Frau war klar: "Ich kann als Lesbe nicht in der katholischen Kirche sein. Ich kann das nicht: nicht offen leben." Stattdessen ließ sie sich zur Speditionskauffrau ausbilden.

Und wie reagierten ihre Eltern darauf, dass sie lesbisch ist? Marion Lüttig seufzt lange. "Meine Mutter war ziemlich am Boden zerstört gewesen und hat überlegt, was habe ich falsch gemacht?" Ihr Vater habe noch jahrelang zu seiner Tochter gesagt: "Man kann Entscheidungen auch noch ändern." Nach ihrer beruflichen Neuorientierung hatte Lüttig durch ihre Homosexualität keine Nachteile mehr.

Auch Stefan Kaufmann hat seine Liebe zu Männern nicht daran gehindert, Anwalt zu werden und in der CDU Karriere zu machen. "Sonst wäre ich nicht das, was ich bin." Kaufmann lacht. Allerdings sagt er auch: "Es gibt immer noch Kollegen, die sind homophob." Es gebe CDU-Abgeordnete im Bundestag, die über "die Schwuchtel" Volker Beck lästern, während Kaufmann danebensitzt. Beck ist Abgeordneter der Grünen und schwul.

Kaufmanns Aufstieg in der Partei begann erst kurz nachdem er sich mit 29 Jahren geoutet hatte. Am Ende der Schulzeit verliebte er sich in einen Mitschüler, der sein bester Freund wurde. Sie studierten gemeinsam in Tübingen, wohnten zusammen, fuhren zusammen in den Urlaub, redeten viel, auch über platonische Beziehungen. "Es war eine heimliche Liebe." Erst mit 29 Jahren sprach ihn sein bester Freund darauf an, ob er sich vielleicht für Männer interessieren könnte – und wenn es so wäre, wäre es kein Problem für ihn. "Das war der zentrale Satz", sagt Kaufmann. Zwei Wochen später outete er sich. Wenige Monate später traf er den ein Jahr älteren Rolf Pfander. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Pfander.

Privat wurde Marion Lüttig wegen ihrer sexuellen Orientierung bis heute nie angegangen. Auch im Kindergarten von Mira habe es höchstens mal den einen oder anderen skeptischen Blick gegeben, sagt sie. Nach einem Report des Statistischen Landesamts aus dem Jahr 2013 hat jedoch schon jede zweite eingetragene Lebensgemeinschaft im Südwesten Diskriminierung erfahren. Oft sind davon die Kinder in der Schule betroffen.

In der Öffentlichkeit werde viel über Geschlechteridentität und sexuelle Orientierung gesprochen, sagt Marion Lüttig. Mit Folgen. "Dass so viel von Schwulen und Lesben die Rede ist, irritiert Menschen." Es entstünde bei manchen das Gefühl: "Ich darf nicht mehr so sein, wie ich bin" – oder die selbst gewählte Vater-Mutter-Kind-Familie sei nicht mehr das gesellschaftliche Ideal. Kaufmann sagt, dass in den vergangenen Jahren viel erreicht worden sei. Doch seiner Wahrnehmung nach werde jetzt die konservative Gegenbewegung aktiv. Das Kultusministerium spricht beim Bildungsplan mittlerweile nur noch von "Vielfalt". Das Wort "sexuelle" wurde gestrichen.

Tag gegen Homophobie

Der Gedenktag, der am Sonntag gefeiert wurde, geht auf den 17. Mai 1990 zurück: Damals beschloss die Weltgesundheitsorganisation, Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen. Um öffentlich auf die Diskriminierung von Schwulen, Lesben oder Transsexuelle hinzuweisen, riefen Betroffene den 17. Mai im Jahr 2004 zum Gedenktag aus. Er wird heute in mehr als 130 Ländern mit Diskussionen und Straßenfesten begangen. Aus Sicht des Europarats zählen Hassverbrechen und Gewalt nach wie vor zu den hartnäckigsten Verstößen gegen die Menschenrechte. Dazu gehörten auch Mobbing. "Zur Bekämpfung dieser Verbrechen ist ein solider rechtlicher und politischer Rahmen erforderlich", fordert der Europarat zum Gedenktag 2015. In Moskau löste die Polizei eine Kundgebung auf.  

Autor: dpa

Autor: Stefanie Järkel