Von Bauern und Revolutionären, Kriegsgegnern und Naziopfern

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Do, 06. Juli 2017

Südwest

Die neue Binzener Ortschronik zur 1250-Jahr-Feier ist auch ein regionales Geschichtsbuch / Hubert Bernnat arbeitet darin vor allem das 19. und 20. Jahrhundert auf.

BINZEN. Es ist keine reine Ortschronik: "Binzen. Geschichte der Gemeinde". Das Buch, das zur Feier der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes vor 1250 Jahren am 7. Juli erscheint, ist vor allem auch eine gut lesbare Regionalgeschichte. Und noch einen Vorzug hat dieses Werk: Es arbeitet die jüngere Geschichte, besonders die des Nationalsozialismus, genau und präzise auf. Anders als noch die Ortschronik zur 1200-Jahr-Feier 1967, die die Geschehnisse nur sehr ungenügend und beschönigend darstellte, wie so viele Chroniken aus jener Zeit.

Bei seinen Ausführungen über das frühe Binzen stützt sich Bernnat zum Teil auf die Chronik von 1967, für die Fritz Schülin zahlreiche Originalquellen ausgewertet hat. Doch anders als Schülin legt Bernnat nicht so sehr Wert auf kleinste Details, in denen sich Unkundige leicht verlieren können. Er stellt vielmehr am Beispiel Binzens dar, unter welchen Bedingungen die Menschen über die Jahrhunderte am südlichen Oberrhein lebten und wie die großen historischen Ereignisse auch ihr Leben prägten: Lange Zeit waren sie der Herrschaft von Bischöfen und anderen Lehensherren unterworfen, mussten ihnen Dienste leisten. In Binzen waren dies der Bischof von Basel und die Herren von Rötteln, später die Markgrafen von Hachberg-Sausenberg und dann die Markgrafen von Baden. Basel war das Zentrum der Region – wie auch heute noch. Die Bauern aus Binzen und anderen Dörfern verkauften dort ihre Waren. Zwei Stunden zu Fuß mussten sie gehen. Immer wieder wurden sie Opfer von Streitigkeiten zwischen verschiedenen Herrschaften. Im 15. Jahrhundert kam Binzen unter die Knute eines Hans von Baldegg, eines üblen Gesellen. Er verwüstete die Saatfelder, tat Frauen und Bauern Gewalt an.

Besonders stark sind die Kapitel, die sich mit dem 19. und 20. Jahrhundert beschäftigen. Hier hat Bernnat selbst viele Originalquellen ausgewertet und eingeordnet. Anschaulich arbeitet der frühere Rektor des Hans-Thoma-Gymnasiums in Lörrach heraus, wie die Menschen in Binzen und dem Markgräflerland im Zuge der Französischen Revolution von 1789 mehr Freiheiten und Rechte gewannen. Für die Veränderung setzten sich mutige Menschen aus dem Volk ein; auch in Markgräfler Dörfern gab es Anhänger der Revolution von 1848/49, in Binzen aber nur wenige. Doch die Markgrafen selbst erkannten die Zeichen der Zeit: Nach und nach erhielt die Presse mehr Freiheit, zumindest Männer durften wählen.

Eine wichtige Lücke schließt Bernnat mit seinen gut recherchierten Kapiteln über den Ersten und Zweiten Weltkrieg in Binzen. Natürlich gibt es dort lokale Besonderheiten, doch vieles, was sich ereignete, dürfte zumindest für Südbaden exemplarisch sein. Interessant ist, dass man in Binzen am Vorabend des Ersten Weltkriegs wenig von Kriegsbegeisterung spürte. Im Gegenteil. Einen Tag vor Kriegsbeginn veranstalteten "Lörracher Sozialdemokraten eine Protestversammlung mit mehreren hundert Teilnehmern gegen den drohenden Krieg", schreibt Bernnat. Da es in Binzen besonders viele Sozialdemokraten gab, dürften Bürger aus der Gemeinde dabei gewesen sein. Selbst einen Monat nach Kriegsbeginn beschäftigte sich der Gemeinderat nur mit Alltagsproblemen einer Winzergemeinde, etwa, wer künftig Rebhüter sein wird.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war in Binzen – wie im übrigen Deutschland – entbehrungsreich. Zwar hielt die Demokratie Einzug, doch das Geld verlor Tag für Tag an Wert. Die Menschen konnten sich kaum noch etwas von ihrem Geld leisten. Wer in Binzen den gemeindeeigenen Ziegenbock zur Besamung seiner Ziegen ausleihen wollte, musste eine Milliarde Mark "Sprunggeld" bezahlen – eine kaum vorstellbare Summe. Bernnat zeigt am Beispiel Binzen auf, wie infolge der Krise die Demokratiefeinde an Einfluss gewannen. Dominierten erst Sozialdemokraten und bürgerliche Parteien im Gemeinderat, waren es bald Kommunisten und Nationalsozialisten. 1933 siegte dann in Binzen die NSDAP. Insbesondere Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten bekamen sofort nach Hitlers Machtergreifung die Repressionen zu spüren: Es gab Hausdurchsuchungen, Verhaftungen.

Verdienstvoll ist, dass Bernnat das Schicksal eines Euthanasieopfers aus Binzen öffentlich macht: Die psychisch kranke Bertha Metzel wurde 1940 in Grafeneck ermordet. Zwar war Binzen kein "Musterdorf" der Nazis wie Haltingen oder Wollbach, doch es gab auch dort nur wenige Helden des Widerstands. Zu ihnen zählt neben den Kommunisten aus der Familie Moser der Maler Max Brombacher, der sich selbst tötete, weil er nicht auf Kriegsgefangene schießen konnte.

Gerade die jüngere Geschichte hat Bernnat mit vielen Augenzeugenberichten angereichert, was die Lektüre spannend und eindrücklich macht. Das eine oder andere Kapitel ließe sich auch im Geschichtsunterricht verwenden, um Schülerinnen und Schülern die Geschehnisse der Vergangenheit begreifbarer zu machen.

Hubert Bernnat: "Binzen. Geschichte der Gemeinde." Herausgeber Gemeinde Binzen 2017. 320 Seiten, 25 Euro