Tiere

Warum gibt es weniger Wintervögel?

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Fr, 23. Dezember 2016

Südwest

Kohlmeisen, Buchfinken und Blaumeisen sind seltener zu sehen als in früheren Jahren. Wo sind all die Vögel hin? Eine Spurensuche.

FREIBURG. Seit einigen Wochen häufen sich beim Naturschutzbund Nabu in Stuttgart Anfragen, weshalb die Wintervögel in diesem Jahr ausbleiben. Vermutlich hat eine ganze Reihe von Gründen zu der beobachteten Vogelarmut geführt, sagt Nabu-Vogelexperte Stefan Bosch.

Die offizielle Zählung steht erst im Januar an. Dann wird es auch echte Vergleichszahlen geben. Aber wer mit offenen Augen durch die Welt geht, hat das Fehlen der typischen Wintervögel längst bemerkt. "In der Tat sind derzeit relativ wenige Vögel zu sehen", sagt Stefan Bosch vom Naturschutzbund Nabu.

Auffällig sei derzeit vor allem das Ausbleiben von Kohlmeisen, Blaumeisen und Buchfinken. "Eine einfache, schlüssige Erklärung für dieses Phänomen haben die wenigsten Fachleute parat", sagt Bosch. "Die Einflüsse auf Vogelbestände sind vielfältig und komplex."

Die Hauptursache für den "Vogelmangel" sehen die Fachleute aber in einem schlechten Brutergebnis mit weniger überlebenden Nachkommen als in anderen Jahren. "Gerade Arten, die wir jetzt am Futterhaus erwarten, scheinen dieses Jahr weniger Nachwuchs durchbekommen zu haben", sagt Bosch. Belastbare Daten fehlen. Aber die Hinweise mehren sich, dass viele Bruten in Baumhöhlen und Nistkästen nicht ausgeflogen sind.

Eine Erklärung könnte die nasskalte Witterung in der Brutphase im Frühjahr sein: Bosch hat in den Nistkästen beobachtet, dass manch ein frisch geschlüpftes Jungtier die ersten Tage nicht überlebte. Zu feucht und zu kühl sei es in den Höhlen gewesen. Das dürfte wohl auch in den Baumhöhlen der Fall gewesen sein.

Hinzu kommen weitere Faktoren wie die Monokulturen in der Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden wie Neonicotinoide, die die Lebens- und Ernährungsbedingungen von Wildvögeln dramatisch verschlechtern würden. Auch die aus der großflächigen Anbauweise folgenden Veränderungen in der Landwirtschaft spielen eine Rolle: Es fehle oft an Baum- und Heckenreihen, in denen die Vögel viel Nahrung finden, es fehlten Stauden und Kräuter, deren feiner Samen ein wichtiger Bestandteil der Ernährung sei.

Gerade der daraus resultierende auffällige Mangel an Fluginsekten könne vielen Vogelarten besonders in kritischen Phasen wie einem nasskalten Frühjahr zusätzliche Nachteile bringen. "Nahezu alle Singvögel sind in der Fortpflanzungsphase auf Insektennahrung angewiesen", erläutert Bosch.

Krankheiten dürften für den Vogelmangel jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen. "Der Ausbruch des Usutu-Virus im Spätsommer hat allenfalls lokal die Amselbestände reduziert", so die Einschätzung des Vogelfachmanns. Ansonsten müsste es mehr Funde toter Vögel geben, was derzeit nicht der Fall ist. Ebenfalls nur lokale Auswirkungen hat ein Erreger, der ein Finkensterben vor allem bei Grünfinken verursacht. Die Vogelgrippe scheidet bei Gartenvögeln als Ursache weitgehend aus.

Die Wahrnehmung der
Vogelarmut wird auch   dadurch geprägt, dass die meisten hier ansässigen Zugvögel das Land in Richtung Süden bereits verlassen haben, jene aber, die aus Nord- und Nordosteuropa kommen, um hier zu überwintern, noch nicht angekommen sind. Denkbar, so Bosch, sei auch, dass in deren Heimatregion die Brut schlecht ausgefallen sei. Dazu gebe es aber keine Erkenntnisse.

Während Mauersegler, Kraniche oder Wespenbussarde die Wintermonate in wärmeren Gefilden verbringen, harren Standvögel wie Amsel, Meise oder Spatz hierzulande aus. Um die kalten Tage zu überstehen, haben sie unterschiedliche Strategien entwickelt: Die meisten Vögel übernachten aufgeplustert und gut geschützt in Gebüschen oder an Baumstämmen. "Durch das Aufplustern entsteht um den Körper eine isolierende Luftschicht, die vor Minusgraden effektiv schützt", erklärt Bosch. Höhlenbrüter wie Kohlmeisen nutzen Nischen, Spechthöhlen oder Nistkästen zum Übernachten. Während Amseln oder Meisen alleine übernachten, finden sich Rabenkrähen und Kolkraben in Schlafgemeinschaften zusammen. Zaunkönige und Baumläufer kuscheln sich in kalten Nächten im Gebüsch oder Unterholz eng zusammen. "So wärmen sie sich gegenseitig und sparen Energie", sagt Bosch. Verschieden sind auch die Strategien bei der Nahrungssuche – Eichel- und Tannenhäher legen zum Beispiel Depots an.

"Wir verfolgen die Entwicklung weiterhin kritisch. Und wir sind gespannt auf die Ergebnisse der großen Gartenvogelzählungen Anfang Januar", betont Experte Bosch.