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14. Januar 2016 09:59 Uhr

Landgericht Freiburg

Gerichtsverhandlung: Minderjährige zur Prostitution gezwungen

Vor dem Freiburger Landgericht geht es um Menschenhandel, Prostitution – und um die Enttäuschungen ausgebeuteter Frauen. Klar wird auch, wie die "Loverboy"-Masche funktioniert.

  1. Vor dem Freiburger Landgericht geht es um Menschenhandel, Prostitution – und um die Enttäuschungen ausgebeuteter Frauen. Foto: dpa

In Düsseldorf ist gerade "Coco Rouge", das "unterwürfige Luder", im Angebot, in Dresden ist die "feenhafte Lilli" frei, in Freiburg verspricht "Josefine" "wahren Genuss mit allen seinen Spielarten und Möglichkeiten". Nur "Barbie 1998" und "Nancy 21", aber auch "Mimi" und "Sissi tabulos", "Alex 21" und "Sunny 18" sind nicht mehr zu finden auf der Internetseite Kaufmich. Vor einigen Monaten wurden ihre Profile gelöscht. Die Polizei hatte das Trio ausgehoben, das von Bad Krozingen die Körper der jungen Frauen anbot. Diese besuchten die Freier zu Hause oder ließen sie auf ein Hotelzimmer kommen.

"Barbie", "Nancy", "Sunny" und "Alex" haben auch echte Namen, es sind echte junge Frauen – und sie könnten vermutlich einiges erzählen über das Geschäft mit dem käuflichen Sex. Vielleicht werden sie es auch müssen: als Zeuginnen in einem Prozess vor dem Landgericht Freiburg gegen zwei Männer und eine Frau wegen des Vorwurfs des Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Prostitution sowie der Zuhälterei.

Zu der Aussage wird es aber möglicherweise nicht kommen. Und im Grunde sind sich die Prozessbeteiligten einig, dass man den Frauen einen Gefallen tut, wenn man ihnen den Gang in den Zeugenstand erspart. Eine der Nebenklageanwältinnen erzählt, ihre Mandantin sei gerade dabei, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Bei jeder Erwähnung des Prozesses gerate sie in Panik, es drohten schwere psychische Rückschläge. Eines der Opfer tritt nicht als Nebenklägerin auf, weil sie fürchtet, einen Prozess nicht durchzustehen.

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Eine solche Konstellation ist wie geschaffen für das, was man landläufig als "Deal" bezeichnet, eine Verständigung der Parteien nach Paragraf 257 der Strafprozessordnung. Ein solcher wird angestrebt. Zuvor aber hat Staatsanwältin Julia Bosch die umfangreiche Anklage vorgetragen. Und obwohl sie sich dabei sehr beeilt, braucht sie fast eine Dreiviertelstunde. Bosch trägt vor, was sie den beiden 34 Jahre alten Männern und der 25-jährigen Mitangeklagten vorwirft. Die drei hätten auf verschiedene Weise die Frauen "zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution" gebracht, einige der Frauen seien jünger als 21 gewesen, ein Mädchen gar minderjährig. In mindestens zwei Fällen komme der Einsatz körperlicher Gewalt hinzu. Und alles soll erwerbsmäßig betrieben worden sein – und bandenmäßig.

Die Loverboy-Methode

Die Masche ist als "Loverboy-Methode" bekannt. Dennis K., ein gelernter Kaufmann und ehemaliger Zeitsoldat der Bundeswehr, kantiges Gesicht, kurz geschnittenes Haar, sportliche Figur, gewann jeweils das Vertrauen der jungen Frauen und versicherte, er plane eine gemeinsame Zukunft mit ihnen. K. trägt an diesem Tag im Gericht eine weiße Jeansjacke mit Pelzkragen, er ist groß und schlank. Man ahnt, dass zu ihm passt, was er neben seinem Soldatenjob machte. K. betrieb eine eigene Eventagentur mit Escortservice, in dieser arbeitete er selbst als Tänzer und Animateur. Als er genug hatte von der Uniform, lebte er vorübergehend von der Agentur.

Ganz anders Gazmen S., der aus dem Kosovo stammt. Er kam als Kind nach Deutschland, machte eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner. Dann zerbrach eine Beziehung. Er erzählt: "Ich bin vom Weg abgekommen. Mit 24 habe ich begonnen im Rotlichtmilieu zu arbeiten." Er zog nach Basel, wurde Geschäftsführer eines Nachtclubs mit Bordellbetrieb. Er spricht leise, wirkt schüchtern, unsicher, hat einen leichten Bauchansatz. K. und S. kannten sich seit vielen Jahren, waren fast Nachbarn in Westfalen. Sie trafen sich wieder im Dreiländereck. Die Polizei hatte hier für K. eine Bleibe in Weil am Rhein organisiert. K. war im Zeugenschutzprogramm, nachdem er in einem Prozess in Düsseldorf gegen Mitglieder einer Rockergruppe ausgesagt hatte. Es ging um Förderung der Prostitution und Schutzgelderpressung, und K. wurde in Sicherheit gebracht. In Untersuchungshaft ist er einem aus der Gruppe begegnet, jetzt wird er wieder geschützt.

In Basel wurde aus dem Duo ein Trio, als Angelina K. dazustieß, eine gelernte Kauffrau, blond, schlank und mit betont streng gezogenen schwarzen Brauen. Sie arbeitete in dem besagten Club. Die drei waren wohl der Meinung, dass man etwas mehr Geld verdienen könnte, wenn man die Sache selbst in die Hand nimmt. Staatsanwältin Bosch erläutert die Rolle, die die inzwischen 25 Jahre alte Mitangeklagte spielte, die zeitweise selbst ihr Geld als Prostituierte verdiente, mit Eintritt einer Schwangerschaft dann aber eine neue Einnahmemöglichkeit für sich entdeckte. Sie erstellte die Profile für die Internetseite, sie organisierte die Termine, indem sie die Handys der Mädchen verwaltete, sie buchte die Hotelzimmer. Aber sie lernte auch eine 17-Jährige an, indem sie sie nach Lörrach zu ihrem ersten Kunden begleitete.

Bis zu zehn Freier täglich

Dennis K. soll in der Regel die Mädchen angebracht haben mit seinen Versprechungen, Gazmen S. hatte Kontakte zu den Hotels in ganz Deutschland, wo die Frauen immer wieder wochenweise tätig waren. Und Angelina K. organisierte die Termine mit den Freiern. Sechs, acht, zehn Kunden mussten "Nancy" und "Mimi" und die anderen täglich bedienen, bis zu 1000 Euro nahmen sie dadurch pro Tag ein. Die Hälfte der Einnahmen soll an die beiden Herren gegangen sein, die sich die Einnahmen wiederum teilten. Und wenn einer der Frauen Zweifel kamen, dann soll Dennis K. wieder mal in die vermeintlich gemeinsame Zukunft investiert und ein Auto gekauft haben. Damit die Kredite bedient werden konnten, mussten die Frauen eben etwas mehr tun. So lautet jedenfalls die Version der Staatsanwaltschaft.

Diese deckt sich nicht mit der Darstellung der Beschuldigten, die alle Angaben gemacht haben. Doch die Details stehen nur in den Ermittlungsakten. Vorgetragen werden die Aussagen vermutlich aber nicht. Denn Bestandteil der angepeilten Vereinbarung ist, dass die Beschuldigten ein Geständnis ablegen, zumindest für einen Teil der Anschuldigungen. Im Gegenzug verzichtet die Anklage darauf, den vollen Strafrahmen auszuschöpfen. Vor allem aber bleibt es den Opfern erspart, vor Gericht über Dinge zu sprechen, die sie gerne hinter sich lassen würden. Die Vertreter von drei Nebenklägerinnen erklärten sich mit dem Prozedere einverstanden. Ob es dazu kommt, wird sich erst in einer Woche zeigen.
Sexuelle Ausbeutung

Laut Bundeskriminalamt ist die Zahl der Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit sexueller Ausbeutung zuletzt leicht rückläufig, im Jahr 2014 gab es 392 Ermittlungsverfahren, 60 weniger als im fünfjährigen Mittel. 17 Verfahren liefen in Baden-Württemberg, ein Brennpunkt ist Berlin. 50 Prozent der Ermittlungen werden von der Polizei selbst initiiert, die andere Hälfte geht aus Anzeigen der Betroffenen zurück. Ein Viertel der Tatverdächtigen sind Deutsche. Vor allem in den Fällen, in denen Frauen aus Osteuropa ausgebeutet werden, sind meist Männer aus den Herkunftsländern beteiligt (Rumänen 21 Prozent; Bulgaren 20 Prozent).

95 Prozent der Opfer sind Frauen. Davon stammen 38 Prozent aus Rumänien, jeweils 16 Prozent aus Bulgarien und aus Deutschland. Mit Sorge beobachten die Kriminalisten den wachsenden Anteil der Frauen aus China. Hier gibt es ein sehr hohes Maß an Abschottung durch die Täter. Das macht die Ermittlungen besonders schwer.

Fast die Hälfte der Opfer wurde durch die sogenannte "Loverboy-Methode" angeworben.

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Autor: Franz Schmider