Wenn Kulturgüter bedroht sind

Bettina Wieselmann

Von Bettina Wieselmann

Mi, 22. Januar 2014

Südwest

Im Stuttgarter Landesmuseum hat der Notfallverbund den Ernstfall geprobt.

STUTTGART. Mit Blaulicht und Martinshorn biegen am Montag zwei Löschfahrzeuge der Stuttgarter Feuerwehr auf den Schillerplatz ein, zwängen sich durch die Durchfahrt des Alten Schlosses und kommen im Innenhof des Landesmuseums Württemberg zum Stehen. Droht eine Katastrophe wie 1931, als kurz vor Weihnachten das Schloss in Flammen aufging und sechs Tage nicht zu löschen war? Viele Tausend Schaulustige aus ganz Süddeutschland reisten an und verschickten die eilig gedruckten Postkarten vom brennenden Schloss.

Doch es ist nur eine Übung des Notfallverbunds Stuttgart, die den Namen trägt: "Es wird ernst". Vergangenen Sommer hatten zwölf staatliche und kommunale Kulturinstitutionen in der Landeshauptstadt – Museen, Bibliotheken, Archive – sowie die Berufsfeuerwehr beschlossen, für den Fall des Falles so gut wie möglich gewappnet zu sein. Einheitliche Notfallpläne bis hin zu wichtigen Symbolen für die Feuerwehr, vernetzte Verantwortliche, geschulte Mitarbeiter gehören dazu. Dass Katastrophen und deren Bekämpfung zu immensen Schäden auch an Kulturgütern führen, wurde deutlich, als die Elbe in Dresden Museen flutete, in Weimar die Herzogin-Anna-Amalie-Bibliothek brannte oder Kölns Stadtarchiv in die U-Bahn-Grube stürzte. Wie in anderen Städten hat man auch in Stuttgart Konsequenzen gezogen und einen Notfallverbund gegründet. "Ein einzelnes Haus ist überfordert, wir brauchen dann die Kollegen", sagt Cornelia Ewigleben, Direktorin des Landesmuseums.

Ehe im Landesmuseum im Ernstfall die Königskrone oder andere Schätze geborgen werden, geht es um Menschenrettung. "Das hat immer Priorität", sagt Denis Disam von der Feuerwache 1. In voller Montur mit Atemschutzgeräten und Äxten ausgestattet, bergen seine Leute in Kellerräumen des Museums zwei Mitarbeiterinnen. Disco-Nebel sorgt dabei für Gruseln. "Krass, wie schnell man die Orientierung verliert", sagt Andrea Funck, die mit einer Brandfluchthaube über dem Kopf in den Innenhof gebracht wird. "Zwei, drei Atemzüge vom echten schwarzen Rauch, dann war’s das", beschreibt Disam die schnelle tödliche Wirkung der Atemgifte.

An die 40 Mitarbeiter des Landesmuseums, des Stadtmuseums, der Württembergischen Landesbibliothek sowie des Wirtschaftsarchivs warten jetzt auf ihren Einsatz. Sobald die Feuerwehr die verrauchten Örtlichkeiten freigibt, werden deponierte Objekte in Körben nach oben gebracht – selbstredend keine Originale, sondern Duplikate oder nicht mehr gebrauchte Dinge. In einem Zelt im Innenhof wird sortiert und dokumentiert. "Wichtig ist, erst einmal zu sichten, was wie gerettet werden kann", sagt Vera Trost von der Landesbibliothek. Verhindert werden muss, dass Rettungsversuche zur eigentlichen Katastrophe werden. Bei einem Brand mit Löschwasserschäden weiß man, dass "klatschnasse Bücher 48 Stunden tiefgefroren" werden müssen. Deshalb gibt es Verträge mit großen Kühlhäusern. Feuchte Bücher müssen dagegen aufgefächert trocknen, um Schimmel zu verhindern. Bücher aus Kunstdruckpapier können gleich entsorgt werden, sie sind nicht zu retten.

Die Feuerwehr wiederum weiß, dass sie die spülmittelartige Lösung im Löschwasser im Brandfall sobald wie möglich abschaltet. "Die ist nämlich Gift für unsere Kulturgüter", sagt Markus Speidel, Sprecher des Notfallverbunds und Historiker beim Stadtmuseum, dessen Depot in einem potenziellen Überschwemmungebiet steht. Denn dieser "Vernetzer" sorgt dafür, dass das Wasser tief in die Gegenstände eindringt – gut fürs Löschen, aber schädlich für Buch oder Bild. Was im Fall des Falles zuerst gerettet werden muss, legen die einzelnen Häuser fest. "Unser Ziel ist es, dass auch wir anhand von Listen helfen können, wenn ein Raum zum Beispiel nur mit einem Atemschutzgerät betreten werden kann. Aber so weit sind wir noch nicht", sagt Feuerwehrmann Disam. Die erste Bilanz der Übung fällt gut aus: "Alles ist wie am Schnürchen gelaufen", sagt die Notfallbeauftragte des Landesmuseums, Karola Richter.