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22. September 2011

Wider den Wandel

BZ-SOMMERSERIE (TEIL 6 UND SCHLUSS): Das Kleine Wiesental schrumpft wie viele kleine Gemeinden. Vom Versuch, diese Entwicklung aufzuhalten.

  1. Gerd Schönbett, Bürgermeister des Kleinen Wiesentals, vor der bemalten Schulfassade im Ort. Foto: Roth/Sattelberg/Bergmann

Berge trennen und schaffen so Abgeschiedenheit, sie verstellen den Blick und eröffnen Aussichten, sie bedeuten Mühsal und sind für andere eine Verlockung, Berge prägen in vielfältiger Weise das Leben der Menschen und das Erscheinungsbild der Landschaft. In einer Sommerserie nähern sich Redakteure der Badischen Zeitung dem Leben mit den Bergen an.

Gerd Schönbett behält gerne den Überblick. An die Wand neben seinem Schreibtisch in der Amtsstube hat er sich eine Luftaufnahme des Ortes gepinnt, dem er als Bürgermeister vorsteht. So überschaubar wie das Bild ist die Realität nicht gerade. Der Bürgermeister der Gemeinde Kleines Wiesental steht vor großen Problemen. Er lässt die zusammengefalteten Hände auf die Knie sinken.

Gerd Schönbett treibt eine Sorge um, die er mit vielen Kollegen kleiner Gemeinden in ländlichen Gebieten teilt: Die Jungen gehen, die Alten bleiben und die Probleme kommen. Strukturwandel oder demografischer Wandel nennt sich das Phänomen abstrakt, Schönbett aber erlebt es konkret. "Wenn das so weiter geht, können wir in zehn Jahren auf unser Ortsschild schreiben: Seniorengemeinde Kleines Wiesental." Er lächelt verlegen, lustig ist die Lage nicht.

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2009 wurden die acht Gemeinden im Tal der kleinen Wiese südlich des Belchen im Landkreis Lörrach zusammengelegt, es sollte ein Befreiungsschlag sein. Seither residiert Schönbett in der Gemeindeverwaltung, einem charakterlosen Zweckbau in der Ortsmitte, in dem auch die Sparkasse untergebracht ist. Das ehemalige Rathaus liegt gegenüber an der gewundenen Durchfahrtsstraße. Vor der ausgetretenen Sandsteintreppe tuckert ein mit Heu beladener Traktor im Leerlauf, im Hintergrund ragt die Kirchturmspitze empor. Das Rathaus dient heute noch als Postkartenmotiv für die Touristen, die diese Idylle suchen.

Die jungen Bewohner aber erwarten mehr, sie wollen Perspektiven und Bewegung, nicht Stillstand und schon gar keinen Rückschritt. Das weiß auch Gerd Schönbett. Doch um Anreize zum Bleiben zu schaffen, fehlt es der Bedarfsgemeinde an Geld. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer bröckeln, mehr als 60 Prozent der Bewohner pendeln in die umliegenden Städte zur Arbeit. Hinzu kommen Defizite bei der Infrastruktur. Die Internetfunkverbindung reicht gerade so für den Hausgebrauch, mehr aber auch nicht. Für Freiberufler ist das wenig attraktiv. "Auch die Landwirtschaft steckt tief in der Strukturkrise", sagt Schönbett. 80 Prozent der Grünflächen sind Hanglage, da sind Sonderkulturen unmöglich. Was also tun? "Wenn ich das wüsste, dann hätten wir die Probleme nicht."

Der demografische Wandel – die Menschen werden immer älter, weniger Kinder kommen zur Welt – , ist das eine. Das andere ist der "demografische Klau", wie es das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung nennt. Gemeint ist das Abwandern der jungen Menschen in die Ballungsräume und in der Folge die beschleunigte Überalterung ländlicher Regionen. Was die Jugend im Dorf nicht mehr findet, sucht sie anderswo: Arbeit, Kinderbetreuung, Schulen, Ärzte, Läden. Für die Gemeinde Kleines Wiesental hat das statistische Landesamt eine besorgniserregende Quote ermittelt: 40 Prozent der Berufseinsteiger im Alter bis 30 Jahren sind zuletzt abgewandert.

Ursula Kleinedler lässt ihren Blick über die Wiese vor ihrem Rektorenzimmer schweifen. Das wollte sie schon immer sein: Schulleiterin auf dem Land. Auch ihre eigenen Kinder sollten auf dem Land aufwachsen. Dann sagt die 54-Jährige einen Satz, der so gar nicht in die Idylle passen will, auf die sie da blickt. "Als ich zum ersten Mal hierher kam, wusste ich: Hier will ich alt werden. Heute frage ich mich: Kann ich hier überhaupt alt werden?" Die anfängliche Begeisterung für das Leben fernab sozialer Brennpunkte ist einer realistischeren Sicht gewichen.

Seit diesem Frühjahr ist die Schließung der Hauptschule im Ortsteil Tegernau beschlossene Sache. Als die Anmeldungen für die nächste fünfte Klasse auf ihrem Schreibtisch landen, ist der Stapel schnell ausgezählt. Die Rektorin drückt Daumen und Zeigefinger aufeinander: Zwei Anmeldungen sind eingegangen. Auch in der Grundschule kennt der Trend nur eine Richtung – nach unten. Im Eingang der Schule hängen Kinderzeichnungen, darauf zu sehen ist der Rattenfänger von Hameln, der die Kinder aus dem Dorf lockt. Im neuen Schuljahr werden in der ersten Klasse elf Schüler unterrichtet, in den nächsten Jahren wird das kaum anders aussehen.

Benjamin ist zehn Jahre alt. Was der demographische Wandel ist, weiß er noch nicht genau, geschweige denn, wie man ihn buchstabiert. Was er für sein Leben bedeutet, ist dem aufgeweckten Jungen mit der runden Brille hingegen schon bestens bekannt. Weil die weiterführende Schule der Gemeinde geschlossen wird, wird er künftig morgens um Viertel vor sieben mit seinem gepackten Ranzen an der Bushaltestelle stehen, früher als alle anderen Kinder. 21 Kilometer lang windet sich die einzige Straße in Serpentinen zur Ebene hinunter bis nach Maulburg, wo das Schulzentrum steht. Einmal muss er umsteigen. Seiner Mutter Andrea Cöppicus ist nicht wohl dabei. "Er ist doch erst zehn", sagt sie besorgt. "Im Winter", erzählt Benjamin mit leuchtenden Augen, "hat es hier oben echt viel Schnee." Neuenweg liegt auf 1414 Metern Höhe, ist staatlich anerkannter Erholungsort, 40 Kilometer Wanderwege sind angelegt, 2001 gab es die Goldmedaille beim Landeswettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden".

Seit die Familie 2006 ans obere Ende des Kleinen Wiesentals gezogen ist, ist Andrea Cöppicus, wie viele andere Mütter auch, "Taxi-Mama". Ballett, Yoga, Taekwondo, wer sich in der Freizeit nicht am Angebot der Jugendfeuerwehr oder der Fasnachtsclique orientiert, muss weit fahren. Dem Drang nach Individualität setzt die bergige Gegend klare Grenzen. "Man muss sich eben ganz anders organisieren." Einmal in der Woche geht es mit der Familienkutsche runter in die Stadt zum Großeinkauf. Der Betrieb eines mobilen Dorfladens wurde vor einem Jahr eingestellt. Das hat auch seine Vorzüge, sagt Andrea Cöppicus. "Die Kinder können ihr Taschengeld nicht so ausgeben." Benjamin protestiert lautstark. Andererseits müsse man sich aber überlegen, ob man nicht näher zu einem Schulstandort zieht, der Kinder wegen. Auch die Zukunft des Kindergartens gilt keineswegs als gesichert.

Die Kleinen sind jedoch nicht die einzigen Sorgenkinder der Gemeinde. Ziehen junge Familien weg, hat das Auswirkungen für die gesamte Infrastruktur. Darunter leiden auch die Alten.

Dieter Miss streicht mit dem Handrücken die gewellte Landkarte glatt. Mit rotem Marker hat der Inhaber eines Schuhgeschäfts in Weil am Rhein, der mit seiner Frau Nadia seit Jahren im Ortsteil Wies lebt, über Bergkuppen, Taleinschnitte und rund 1000 Höhenmeter hinweg die Gemeindegrenze eingezeichnet. Das landschaftlich reizvolle Gebiet fasst er nüchtern in Zahlen: 80 Quadratkilometer, 3000 Einwohner, zwei Ärzte und seit 2009 immerhin wieder einen genossenschaftlich geführten Dorfladen mit Fahrdienst in Wies. Das Ehepaar Miss hat ihn mit aufgebaut, sie sind Gründungsmitglieder der Genossenschaft, die den Laden betreibt, Dieter Miss ist Vorstandsmitglied und Geschäftsführer.

Der Dorfladen ist eine Art Leuchtturmprojekt im ländlichen Raum. Als der letzte Laden 2007 dichtmachte, wurde es still im Dorf. Die Menschen, die hier leben, vor allem die Älteren unter ihnen, spürten den Einschnitt schmerzlich. Fast schon unheimlich sei es gewesen, erzählt Hedi Dörflinger. "Man hat niemanden mehr gesehen, vor allem im Winter." Und so wurde immer wieder eine bange Frage gestellt unter den Nachbarn auf abgelegenen Höfen: "Lebt der noch?"

Dabei hat die rüstige Mittachtzigerin Glück. Hedi Dörflinger lebt mit ihrer ganzen Familie unter einem Dach, alleine ist sie deshalb trotzdem oft. Die Kinder fahren zur Arbeit, die Enkel sind in der Schule. Sie hütet das Haus und sieht dabei zu, wie die Wiesen zuwachsen. Neulich sei einer da gewesen, der über Aufforstung reden wollte. "Aufforstung" – sie verzieht den Mund. Ein Leben lang ging es immer nur um die Offenhaltung der Flächen. So kennt sie ihr Wiesental, den Südschwarzwald überhaupt.

Wie jeden Dienstag, wenn das ehrenamtlich geführte Dorfladentaxi über die verstreuten Dörfer fährt, sind die Veränderungen im Tal Thema auf der Terrasse im Laden. Hier treffen sich die, die eigentlich nicht mehr mobil sind – und das sind viele – zum Einkauf und zum ausgedehnten Kaffeeplausch. Hier lebt die Dorfgemeinschaft wieder auf. Auch Anna Ketterer ist stets dabei. Fein säuberlich hat die 92-Jährige auf einem Zettel notiert, was sie am dringendsten benötigt. Äpfel, Milch, Mausefallen. "Die braucht man hier eben", sagt sie verschmitzt. Doch der Dorfladen ist nicht nur ein Ort, an dem Nostalgie gelebt wird, er ist ein Zukunftsprojekt.

"Wir haben da was verpasst", gesteht Alfred Winkler. Der SPD-Landtagsabgeordnete leitet in Stuttgart den Arbeitskreis Ländlicher Raum. Mit dem Strukturwandel kennt er sich bestens aus. Während in den 70er Jahren der Rückzug von der Stadt aufs Land als Zugewinn an Lebensqualität gefeiert wurde, kippte die Stimmung Ende der 80er Jahre. In dieser Zeit schossen auf mancher Stadtrandwiese Discounter wie Pilze aus dem Boden. Ende der 90er Jahre folgte die Konzentration im Gesundheitswesen, jetzt sind die Schulen an der Reihe. "Der demographische Wandel tut sein Übriges." Winkler ist davon überzeugt, dass die Strukturkrise zumindest teilweise hausgemacht ist. Es wäre die Aufgabe der Politik gewesen, sagt der Abgeordnete aus dem Landkreis Waldshut, sich stärker in Flächennutzungspläne einzubringen, um die Nahversorgung auf dem Land zu erhalten. "Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir da nicht die Käseglocke drüberstülpen."

Als Nadia Miss vor zwölf Jahren aus der Stadt aufs Land zog, hielt sie die Stille kaum aus. "Ich habe ständig das Radio angestellt." Heute hat sie sich mit der Situation arrangiert. Mit dem Dorfladen sei neuer Schwung entstanden. Nadia Miss sagt, sie habe gemerkt, dass man sich selbst einbringen müsse, wenn sich etwas verändern soll. Sie hat eine Mutter-Kind-Gruppe gegründet, zu der auch Senioren eingeladen sind, und Tanzkurse organisiert. Jeden Dienstag klappert sie mit dem Familienwagen die umliegenden Ortschaften ab und sammelt die Kundschaft ein. Auch im Rathaus ist man aktiv: Ein neues Baugebiet soll ausgeschrieben werden, und Bürgermeister Gerd Schönbett träumt von einem Ärztehaus im bald leerstehenden Schulgebäude. Dafür braucht er natürlich Geld und Ärzte, die aufs Land ziehen wollen, aber die Vision immerhin, die hat er schon.

Autor: Julia Jacob