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17. Februar 2014 12:49 Uhr

Freiburg

Wie nahe steht die Regenbogen-Schule der Gülen-Bewegung?

Die Freiburger Regenbogen-Grundschule soll der Gülen-Bewegung nahestehen – doch viel mehr weiß man in der Stadt und in der Schulverwaltung auch nicht. Gülen selbst strebt einen Gottesstaat an.

  1. Fethullah Gülen, der Kopf der nach ihm benannten Bewegung Foto: Selahattin Sevi/Handout Zaman Da

  2. Hier war ein Unterrichtsbesuch noch erlaubt: Die Regenbogen-Grundschule im März 2013. Links Schulleiterin Öznur Eser Foto: Ingo Schneider

Ausgestorben. Niemand da. Keine Kinder, keine Lehrer. Die Klassenräume der Regenbogen-Grundschule in Freiburg stehen leer. Schräg gegenüber von dem auf einem städtischen Grundstück errichteten Pavillon liegt das Deutsch-Französische Gymnasium. Einen Steinwurf entfernt rauscht die Dreisam. Ein paar Krähen krächzen, sonst ist es still. Zwei Tage zuvor haben Spiegel und Report Mainz Beiträge veröffentlicht, in denen sie aus einem internen Papier des baden-württembergischen Verfassungsschutzes zitieren: Darin wird vor der sogenannten Fethullah-Gülen-Bewegung gewarnt.

Gülen? Den Namen hat man häufig gehört in den vergangenen Wochen. Ein früherer mächtiger Freund des türkischen Premiers Erdogan, der ihm aber aktuell das Leben schwer macht mit Korruptionsvorwürfen gegen seine Familie und seine Regierung.Der 1941 in der Türkei geborene islamische Prediger Fethullah-Gülen lebt im US-Staat Pennsylvania und ist Kopf und Guru der nach ihm benannten Bewegung. Diese ist stark umstritten, nicht nur in der islamischen Welt. Sie engagiert sich in 140 Ländern mit Nachhilfezentren und privaten Schulen für die Bildung vor allem türkischstämmiger Kinder und Jugendlicher.

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Die Bewegung galt bis vor wenigen Monaten noch als Vertreterin eines moderaten Islams. Erst durch das Zerwürfnis mit Erdogan wurde deutlich, wie stark sie in der Türkei vernetzt ist. Erdogan behauptete sogar, dass wichtige Teile des öffentlichen Lebens von der Fethullah-Gülen-Bewegung unterwandert seien.

Laut Spiegel heißt es in dem internen Papier des Landesamtes für Verfassungsschutz (LfV) Baden-Württemberg: Gülens Gedankengut stehe in mancherlei Hinsicht im Widerspruch zur freiheitlich demokratischen Grundordnung. Die Bewegung verfolge einen türkischen Nationalismus in "seriösem Gewand" mit "islamistischen Komponenten". Gülen selbst strebe einen Gottesstaat an. Ein Pressesprecher des LfV sagt: "Wir können das Papier nicht rausgeben." Wie das Dokument bei den Medien gelandet sei, verstehe im Amt niemand.

Allein in Deutschland betreiben Anhänger Gülens etwa 300 Bildungsstätten. Offiziell gibt es keine Liste der gülennahen Schulen. Auf die Frage jedoch, welche Privatschulen in dem Ruf stehen, gülennah zu sein, antwortet das Kultusministerium mit einer E-Mail, in der die Bezeichnung "gülennah" vermieden wird: "In Baden-Württemberg gibt es folgende Privatschulen mit türkischem Hintergrund: die Johannes-Kepler-Schulen in Karlsruhe, in Mannheim die Sema-Privatschulen, in Stuttgart die Bil-Privatschulen, in Ludwigsburg die Carl-Friedrich-Gauß-Schulen, in Böblingen die Prisma Privatschulen und in Freiburg die Regenbogen-Grundschule."

Zunächst keine Zeit für die Presse

Ein Anruf bei der Regenbogen-Grundschule in Freiburg. Geschäftsführer Sedat Sek, 34, nimmt ab. Ob die Regenbogen-Grundschule gülennah sei oder nicht, könne er nicht beantworten. Man dürfe jedoch gerne einen Brief oder eine E-Mail schicken. Für ein persönliches Gespräch habe er keine Zeit. Er sei die nächsten zwei Wochen beschäftigt. Die Schulleiterin ebenfalls.

Beim Landesamt für Verfassungsschutz heißt es in einer Stellungnahme auf der Website: Die "Gülen-Bewegung" sei kein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes. Das LfV prüfe aber "im Rahmen seines gesetzlichen Auftrags, ob ausreichende Anhaltspunkte für eine Beobachtung vorliegen". Diese Prüfung habe ergeben, "dass Schriften, die Fethullah Gülen beziehungsweise mehrere Einrichtungen seiner Bewegung in der Vergangenheit publiziert haben, inhaltlich zu einzelnen Bestandteilen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Widerspruch stehen. Hierzu zählen zum Beispiel das Gleichberechtigungsgebot, die Religionsfreiheit, Volkssouveränität und Gewaltenteilung sowie die Freiheit der Lehre."

"Die Schule hat nichts mit Gülen zu tun" Kemal Türk
Die Schule liegt verlassen da. Ein Blick durch die Fenster zeigt: keine Kinder. Ans Telefon geht niemand. Den Namen der Schulleiterin sucht man vergeblich auf der Homepage der Schule. Öznur Eser, 38, Rektorin der Schule ist für den Rest der Woche nicht zu erreichen. Anruf bei der Akademischen Plattform, dem Trägerverein der Regenbogen-Grundschule. Mitglieder des Vereins gründeten die Privatschule im Herbst 2010. Schriftführer Kemal Türk kann erklären, warum niemand in der Schule ist. Die vier Klassen samt Schulleiterin und Geschäftsführer seien Reiten in Umkirch, so Türk. Die folgenden Tage laufen die Gespräche über ihn. "Die Schule hat nichts mit Gülen zu tun", versichert Türk. Im Laufe des Gesprächs räumt er ein, dass einige der Gründungsmitglieder von Gülen inspiriert seien – wie er auch. Er lese seiner Tochter aus dessen Schriften vor.

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Friedmann Eißler von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen kennt diese Formel. "Von Gülen inspiriert – bedeutet nichts anderes, als dass die Schule gülennah ist", sagt er. Ziel der Gülen-Bewegung sei es, eine islamisch denkende und handelnde Elite heranzuziehen, die die Gesellschaft prägen solle, so Eißler.

Für die Turkologin Ursula Spuler-Stegemann von der Universität Marburg ist die Sache klar: "Die Anhänger von Gülen betreiben Kaderbildung. Sie wollen ihre eigenen Leute mit guter Ausbildung und Prägung in einflussreiche Positionen in dieser Gesellschaft bringen. Diese Sorte Islam zeigt sich nach außen weltoffen. Sie ist aber – das sehen wir an den Schriften – schariakonform." Das religiöse Recht, die Scharia, stehe nach den Vorstellungen Gülens im Ernstfall über dem säkularen Recht. Das harmoniere nicht mit unserer Verfassung. "Es handelt sich bei der Gülen-Bewegung um ein in sich geschlossenes System, das dem einer Sekte sehr nahe kommt", sagt Spuler-Stegemann.

"Sie sind eben mehr ein als Bildungsverein. Sie agieren in Deutschland und international auf mehreren Ebenen, besitzen Zeitungen, Fernsehsender, Schulen und sind in der Wirtschaft bestens vernetzt. Dazu sollten sie stehen", verlangt der Freiburger Grünen-Stadtrat Ibrahim Sarialtin. Auch die Regenbogen-Grundschule und die Akademische Plattform sind gut eingebettet in das lokalpolitische Leben Freiburgs. Im Schulbeirat sitzen der Freiburger Polizeipräsident Bernhard Rotzinger, der CDU-Kreisvorsitzende Klaus Schüle und der CDU-Kommunalpolitiker Hansjörg Klumpp. Zur Eröffnung der Schule kamen die damalige Grünen-Stadträtin und heutige Landtagsfraktionschefin Edith Sitzmann sowie ihre Parteifreundin, die Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik.

Einladungen zu Istanbulreisen

Hans Steiner vom Büro für Migration und Integration der Stadt Freiburg sagt: "Die Akademische Plattform sucht gezielt den Kontakt zu öffentlichen Personen in der Stadt." Bekannt seien vor allem ihre Istanbulreisen, zu denen sie mehrmals im Jahr einlade. Andere Politiker, die nicht genannt werden wollen, sagen: Jeder bekommt die Einladungen – mit der Polizei haben sie angefangen, mit der Verwaltung und den Politikern machen sie weiter. Zitiert werden wollen die wenigsten: ein sensibles Thema.

Aus Sicht von Ursula Spuler-Stegemann liegt das Problem der Gülen-Bewegung in der Diskrepanz zwischen dem, was nach außen demonstriert wird, und dem, was nach innen gelehrt wird. Äußerlich gebe es Offenheit und Dialogbereitschaft, doch bei konkreten Fragen ende die Dialogbereitschaft rasch: Wie finanziert sich die Schule? Wer hat das Sagen? Sind die Einrichtungen vernetzt mit anderen gülennahen Schulen? Darauf gebe es keine Antwort.

"Es sind Vorzeigeschulen, denen werden sie selten etwas nachweisen können", sagt Ursula Spuler-Stegemann. Die religiöse Ausrichtung finde in der Freizeit oder in den "Lichthäusern", das sind Wohngemeinschaften, statt. Dort werde ein von Fethullah Gülen geprägter konservativer Islam vermittelt. Gülen gebe seiner Cemaat – der Gemeinschaft – die islamischen Werte auch in der hiesigen Gesellschaft vor.

Unterrichtsbesuch ist nicht möglich

Freitagmittag. Erneuter Anruf bei Kemal Türk. "Es gibt in Freiburg keine Lichthäuser", sagt er. Die Recherche stockt. Nach einer Woche Funkstille kam es immer noch nicht zu einem Gespräch mit der Schulleiterin. Türk schlägt einen Unterrichtsbesuch in der Folgewoche vor. Vereinbart wird Montag 16 Uhr. Ein paar Stunden später ruft Türk zurück. Ein Unterrichtsbesuch sei doch nicht möglich. Ein Treffen mit dem Vereinsvorstand schon.

Montagmorgen. Türk sagt auch das Treffen mit dem Vereinsvorstand ab. Die Eltern hätten sich dagegen entschieden. Warum? "Weil ich ihnen davon abgeraten habe."

Jörg Fritz, Landtagsabgeordneter der Grünen Baden-Württemberg, sieht die Bewegung kritisch: "Die Schulen sind nach außen hin neutral, aber im Hintergrund läuft die Indoktrination in den Vereinen, Ferienfreizeiten und Wohngemeinschaften. Das bestätigt jeder, der sich mit dem Thema länger befasst hat."

Die Landesregierung hat bis jetzt keine einheitliche Meinung zur Verfassungstreue der Gülen-Bewegung. Nach Informationen der Stuttgarter Zeitung lehnt Integrationsministerin Bilkay Öney Besuche in Privatschulen ab, die als gülennah gelten. Im Gegensatz zu Winfried Kretschmann, der vergangenes Jahr bei der Eröffnung des Neubaus der Bil-Schulen in Stuttgart war. Bernhard Lasotta, integrationspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, fordert von der Landesregierung eine einheitliche Positionierung. Die Gülen-Bewegung ermögliche unter dem Deckmantel der säkularen und liberalen Integration und des Dialogs Parallelgesellschaften, behauptet Lasotta.

Insider sagen, man könne die Gülen-Bewegung nicht mit deutschen Vereinen vergleichen. Man sei da nicht Mitglied in einem offiziellen Sinne. Dennoch seien sie straff organisiert und hätten Regionalkoordinatoren, die beispielsweise für den Frankfurter oder den Stuttgarter Raum zuständig seien. "Das Ganze ist doch eine Verschwörungstheorie", hält dem der Freiburger Polizeichef und Schulbeirat Rotzinger dagegen. Die Regenbogen-Schule leiste hervorragende Integrationsarbeit. Den Unterricht hat er freilich noch nicht besucht.

"Das Beunruhigende daran ist, dass alles so gut aufgestellt ist, so schlau, dass man von politischer Seite nicht heran kann", sagt Friedmann Eißler. Kein Politiker wolle sich vorwerfen lassen, gegen die Integration zu arbeiten. Ein offener kritischer Diskurs werde so ausgebremst. Keiner traue sich die Frage zu stellen, ob dahinter ein Netzwerk stecke und inwiefern die Schulen tatsächlich der Integration dienten.

Regierungsschuldirektorin Sonja Wasmer von der Freiburger Schulaufsicht besuchte die Regenbogen-Grundschule im Juli 2013, als es um die staatliche Anerkennung ging. Die Schule hat diese Anerkennung bekommen. "Pädagogisch ist alles vorbildlich gewesen", sagt sie. Es bestehe kein Grund zur Sorge.

Dient aus Wasmers Sicht die Schule der Integration? "Die Schule ist auch offen für deutsche Kinder." Und wie viele Kinder, die nicht türkischstämmig sind, werden dort unterrichtet? Das könne sie jetzt nicht sagen. Da müsse sie nochmals in die Akten schauen. Sek Sedat, der Geschäftsführer, gibt an, es würden sieben Schüler mit deutschem Hintergrund dort unterrichtet. Andere Quellen nennen drei.

"Es ist immer wieder mal das Gerücht herumgegangen, dass die Grundschule der Gülen-Bewegung nahe steht, deswegen haben wir sie ja eingeladen, um uns das pädagogische Konzept vorstellen zu lassen", sagt Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik. Das Ergebnis sei positiv ausgefallen. Wenn die Schule aber nun als gülennah gelte, werde sie mal mit dem Leiter des Staatlichen Schulamtes sprechen. "Jetzt ist eine Situation eingetreten, in der man sich das Ganze genauer zu Gemüte führen muss", sagt Hans Steiner vom Büro für Migration und Integration Freiburg. Bisher schien aber niemand in der Stadt sonderlich alarmiert zu sein.

"Rein rechtlich ist es schon möglich, in die Schule reinzuleuchten, aber jede Verwaltung braucht nun mal einen Aufhänger", sagt Schulvizepräsident Alexander Sutor vom Regierungspräsidium Freiburg. Was denn so ein Aufhänger wäre? Nun, wenn die Schule in eine finanzielle Schieflage geriete. Oder Eltern sich beschwerten.

Am Dienstag kommt es doch noch zu einem Gespräch mit der Schulleitung der Regenbogen-Grundschule. Kemal Türk bietet Tee und Kekse an. Sek Sedat nimmt hinter dem massiven Holzschreibtisch Platz. Man fragt sich, wo Öznur Eser sitzen wird. In der Mitte. Links von ihr Kemal Türk, rechts davon Geschäftsführer Sek Sedat. Warum ist es denn so schwer gewesen, Sie zu erreichen, Frau Eser? "Wir arbeiten im Team, Herr Türk, Herr Sedat und ich." Sie habe zwei Kinder und könne das nicht alles allein stemmen. Lesen Sie die Schriften Gülens? Ja, das tue sie. Nochmal: Mit der Schule habe das nichts zu tun. Ob die Schüler in der Freizeit DVDs oder Infomaterial zum Thema Gülen bekämen. Sek Sedat antwortet: "Nein, die Kinder sind um 17 Uhr zu Hause, wie soll das gehen?"

Gibt es Verbindung zu anderen Privatschulen? Nein. Was ist mit der Bil-Schule in Stuttgart? Ach so. Ja, da sei er mal gewesen, sagt Türk. Aber nur um sich die Architektur anzuschauen. Ob er wisse, dass diese Schule als gülennah gelte? Nein, wisse er nicht. Dann gibt es strenggenommen ja eigentlich gar keine Gülen-Schule in Deutschland? Das wisse er nicht.

Am Ende des Gesprächs hat Kemal Türk noch eine Frage: Ob man denn Lust hätte, mal nach Istanbul zu fahren?

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Autor: Nadine Zeller