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25. September 2014 09:00 Uhr

Mäh statt Mähen

Wie Schäfer Weltle mit seiner Herde die Landschaft am Belchen pflegt

Wanderschäfer wie Jürgen Weltle trifft man nur noch selten an – ein aussterbender Beruf. Seit Mitte August beweidet Weltles Herde den Belchen. Seine 200 Mutterschafe, 100 Lämmer und 100 Ziegen dienen der Landschaftspflege.

  1. Arbeitsplatz Hochschwarzwald: Jürgen Weltle mit seinen Schafen und Ziegen Foto: Gabriele Hennicke

  2. Die Herde von Wanderschäfer Jürgen Welte. Foto: Gabriele Hennicke

  3. Die Herde von Wanderschäfer Jürgen Welte. Foto: Gabriele Hennicke

  4. Die Herde von Wanderschäfer Jürgen Welte. Foto: Gabriele Hennicke

Die mageren Wiesen am Belchensüdhang sind durchsetzt mit Heidelbeersträuchern und violett blühendem Heidekraut. Einzelne ausladende Weidbuchen, Fichten und Mehlbeerbäume und riesige Felsenmassive wie der Rapsfelsen prägen die Steilhänge.

"In diesem unwegsamen Gelände können nur Schafe und Ziegen weiden, für Kühe ist es zu steil", sagt Schäfer Weltle, "wo es möglich ist, stelle ich flexible Wanderzäune auf und lasse die Herde fressen." Auf den Wiesen am Belchen gilt es im Auftrag der Naturschutzbehörde den wertvollen und darum geschützten Borstgrasrasen zu erhalten. Nach etwa zwei Tagen haben die Tiere alles abgeweidet. Heidelbeersträucher und Heidekraut haben sie auf ein erträgliches Maß zurückgestutzt, und so manch kleiner Baum oder Strauch, der über die Jahre aus offenen Weiden einen Wald machen würde, ist angeknabbert und auf dem Rückzug.

Ist das Werk getan, rückt die Herde ein Stück weiter. Weltle baut den Wanderzaun ab und mühevoll an anderer Stelle wieder auf, seine drei Hütehunde bewachen derweil die Herde. Wo es gar zu felsig wird und sich der Zaun nicht mehr aufstellen lässt, beaufsichtigen der Schäfer und seine bergerfahrenen Hunde, Mischlinge aus Border Collie und Altdeutschem Hütehund, die Ziegen und Schafe ständig, damit sie zusammenbleiben.

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Weltles Wohnwagen, der Schäferkarren des Schäfers von heute, steht beim Belchenhaus, Blick nach Süden. "Bei sonnigem Wetter ist es ein Traum hier oben, besonders am Abend und am frühen Morgen, wenn es still ist", begeistert sich Weltle, "es kann aber schnell ganz anders sein: Gewitter, Nebel, Regen, Schnee. Ich habe schon einige schwere Stürme hier oben erlebt."

Eine Woche später weidet die Herde unterhalb des 1264 Meter hohen Hohkelchsattels, der den Belchengipfel mit der Nase des Hohkelchs verbindet. Mit dem Landrover fährt Weltle auf dem breiten Wanderweg, dem Westweg des Schwarzwaldvereins, von der Passhöhe beim Haldenhof zwischen Münstertal und Kleinem Wiesental steil hinauf zum Sattel. Er hat heute auf einem Bauernhof gearbeitet, wo er einen Nebenjob als landwirtschaftlicher Helfer hat. Bevor es dunkel wird, will er nach der Herde schauen.

Der Schäfer steigt über den orangefarbenen Weidezaun und ruft: "Chomm, Alde, chomm!" Leitschaf und Herde eilen blökend herbei und umringen den Schäfer. Er kennt jedes Schaf, jede Ziege und sieht schnell, ob etwas mit einem der Tiere nicht stimmt. Heute ist alles in Ordnung. Die Herde beginnt wieder zu grasen. Zu hören ist nur noch das leise Rupfen, wenn die Tiere die Gräser abbeißen. Abendstimmung macht sich breit. Die Sonne lugt zwischen den Wolken hervor und beleuchtet den Belchen. Im Süden treten die Alpengipfel deutlicher hervor.

Idyllisch und abenteuerlich erscheint das Schäferleben auf den ersten Blick. Doch es hat viele Härten. Gut leben kann Weltle von seinem Beruf nicht. Seine Einnahmen bestehen aus Fördergeld gemäß der Landschaftspflegerichtlinie für besonders hochwertige und schützenswerte Flächen sowie aus Landwirtschaftssubventionen. Auch der Verkauf von Lammfleisch bringt Geld. "Der durchschnittliche Stundenlohn eines Schäfers in Baden-Württemberg beträgt 4,74 Euro, und das bei einem 14- bis 16-Stunden-Tag", sagt Anette Wohlfarth, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes. "Wenigstens der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde sollte drin sein. Sonst gibt es in zehn Jahren keine Wanderschäfer mehr."

Noch gibt es etwa 180 hauptberufliche Schäfer in Baden-Württemberg. Sie beweiden mit ihren Herden etwa 15 Prozent der Grünlandflächen, vor allem auf der Schwäbischen Alb und im Nordschwarzwald. In den vergangenen zehn Jahren ging der Schafbestand und damit die Zahl der Betriebe um etwa ein Drittel zurück. Die Schäferschule des Landes in Stuttgart-Hohenheim wird nächstes Jahr mangels Nachwuchs geschlossen.

Idealismus gleicht den geringen Verdienst aus

"Kein anderer Schäfer würde diese Flächen oben am Belchen für das wenige Geld pflegen", meint Wohlfahrt. Weltle nickt: "Ich mache das aus Idealismus und aus Freude an der Natur und am Umgang mit den Tieren. Einmal Schäfer, immer Schäfer. Ich war schon als Fünfjähriger mit meinem Großvater und dessen Herde unterwegs." Schon Weltles Urgroßvater war Wanderschäfer, ebenso Großvater und Vater, sogar seine Schwester ist Schäferin. Dabei hat der 56-Jährige, der in Müllheim-Zunzingen im Markgräflerland aufgewachsen ist, den Metzgerberuf gelernt und 15 Jahre als Metzger gearbeitet. Dann hatte er genug davon und machte sich mit einem Forstbetrieb selbstständig.

Vor 18 Jahren ergab sich die Chance, in die Landschaftspflege einzusteigen – mit Schafen. "Da habe ich nicht lange gezögert und mir langsam eine Herde aufgebaut." Angefangen hat er mit 20 Tieren und dabei immer wieder Fleischrassen mit Naturschutzrassen wie dem Rhönschaf oder dem Fuchsschaf gekreuzt. Von Anfang an gehörten auch Ziegen zur Herde, denn die sind für die Landschaftspflege unerlässlich, weil sie Büsche und kleine Bäume abfressen.

Weltle ist das ganze Jahr über mit seiner Herde unterwegs. Bald wird er das Belchengebiet verlassen und nach Neuenweg im Kleinen Wiesental hinunterziehen. Dort beweidet er Grünland in Hanglagen, die nicht mehr bewirtschaftet werden. "Die Schafe findet dort nahrhafteres Futter als im Hochgebirge, da bekommen sie wieder etwas Speck auf die Rippen."

Von Mai bis August, bevor er zum Belchen hinaufzog, hatte die Herde schon die gleichen Wiesen beweidet. Sobald der erste Schnee fällt, macht sich der Schäfer mit seiner Herde auf ins Rheintal. Den Winter verbringt er in Buggingen, Seefelden und Müllheim-Dattingen. Einen Stall, in dem die Herde den Winter verbringen könnte, hat Weltle nicht – so zieht er auch im Winter umher. Durch Weinberge, in denen die Herde den Unterwuchs frisst, über abgeerntete Maisfelder, die mit einer Zwischenfrucht bepflanzt sind. "Da sind viele Absprachen mit Landwirten notwendig. Die haben ja was davon, wenn ich mit meiner Herde komme. Schließlich erspart das Beweiden den Bauern den Aufwand fürs Mulchen, und die Schafe bringen Dünger ein."

Trotzdem wird es für Wanderschäfer immer schwieriger, Weideflächen zu finden. Die Böden im Rheintal werden intensiv bewirtschaftet, Brachflächen gibt es nur noch wenige. "Das Gebiet entlang der Rheintalbahn zwischen Müllheim und Heitersheim nutzten früher drei Schäfer, heute ernährt es gerade noch eine Herde", berichtet Weltle. Er ist froh, dass er im Frühling eine große Obstanlage in Dattingen beweiden kann, bevor er sich mit seinen Tieren wieder auf den Weg in die Berge macht.

Autor: Gabriele Hennicke