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03. Dezember 2011

"Wir waren ja auch mal Kinder. Und sie werden auch mal alt"

Was geschieht, wenn ganz alte Menschen mit ganz jungen Menschen Zeit verbringen? Ein Freiburger Forschungsprojekt will das erstmals herausfinden.

  1. „Intergenerative Begegnung“ beim Plätzchenausstechen Foto: privat

Jan rennt im Kreis, ein Plätzchen in der Hand. Er drückt sich am Fenster entlang und dreht seine Runden, drei, vier, fünf. Eng kurvt er um die Stühle. In jeder Runde kommt er an Gertrud Koch, vorbei, die in ihrem Rollstuhl sitzt. "Jetzt warte doch mal", sagt sie leise, aber Jan hört sie gar nicht. Frau Koch lässt ihn laufen und lächelt: "Wir waren ja auch mal Kinder. Und die Kinder werden auch mal alt."

Immerhin hat Jan vorher stillgesessen, fast eine Stunde lang. Klar, er ist auf seinem Stuhl rumgerutscht; aber hauptsächlich hat er mit Frau Koch Plätzchenformen in den Teig gedrückt.

"Intergenerative Begegnungen" heißt das Projekt der Evangelischen Hochschule Freiburg. Kindergärten und Seniorenheime aus der ganzen Region nehmen teil. Das Projekt läuft drei Jahre, von diesem November bis 2014, und überbrückt vier Generationen: Kinder treffen sich mit alten Menschen, die ihre Urgroßeltern sein könnten. Jan kommt aus der Kindertagesstätte Pfiffikus in Waldkirch, Gertrud Koch aus dem St. Nikolai Spitalfonds, sie ist 87 Jahre alt. An der Hochschule haben die Altersforscher und Frühpädagogen bis jetzt nebeneinander her geforscht, nun tun sie sich zusammen. Damit läuft in Südbaden das weltweit erste Forschungsprojekt zu diesem Thema: Was bringt es den Kindern, was bringt es den Alten, wenn sie sich miteinander beschäftigen?

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Dörte Weltzien leitet das Projekt für die Evangelische Hochschule: "Wir haben schon immer vermutet, dass solche Begegnungen gut sind. Wir wollen das beweisen", sagte sie bei der Auftaktveranstaltung. Dass Kinder ein Altersheim besuchen, ist nichts Neues. Neu ist, dass eine Hochschule ihre Finger mit im Spiel hat und die Auswirkungen erforscht.

Im Spitalfonds in Waldkirch arbeiten sie wieder an den Plätzchen, meist in Zweiergrüppchen: Frau Koch pinselt die Eierlasur darauf, Jan streut die bunten Streusel. Frau Koch hat früher oft Kekse gebacken. "Heute geht das nicht mehr – mit meiner rechten Hand", sagt sie. Nach einer Krankheit sind ihre Finger zu verwachsenen Stummeln verkümmert. Sie kann damit nur noch mühsam den Teig zerdrücken. Kneten kann sie ihn nicht. Zusammen mit Jan, und wenn ab und zu die Betreuer mithelfen, geht die Arbeit aber voran. Selbst hat sie keine Enkel. Ihre Tochter ist geistig behindert, ihr Sohn starb bei einem Unfall. Die alte Frau ist froh, dass die Kinder hier sind.

Den anderen Senioren ist es mittlerweile etwas zu unruhig geworden. Als die Plätzchen auf den Blechen liegen, gehen sie. Und auch die Kinder rutschen schon wieder auf dem Boden herum, manche spielen mit Kuscheltieren. Sich aufeinander einzulassen, kann ganz schön anstrengend sein.

Deswegen hatte der Betreuer Benedikt Bieninger noch draußen gemahnt: "Denkt daran, die alten Leute mögen so Gekreische und Aufregung nicht!" Aber vielleicht war das gar nicht mehr nötig. Noch auf dem Parkplatz hatten die Kinder Weihnachtslieder durcheinander gesungen, aber als sie auf dem Pflaster vor dem Spitalfonds standen, waren sie schon ganz ruhig. Im Foyer roch es nach Sauberkeit und das Personal trug weiße Kittel, sodass ein Kind fragte, ob das ein Krankenhaus sei. Dann kamen sie in den Raum, indem die uralten Menschen schon im Stuhlkreis saßen, wo warmes Licht schien und Weihnachtslieder von der CD kamen. Aus der Aufregung der Kinder und der Langsamkeit der Alten wurde gemeinsame Ruhe.

Die Wissenschaftler wollen nicht nur die Senioren und Kinder befragen, ob es ihnen gefällt, wenn sie einander treffen; sie werden auch versuchen, das nachzumessen: Mit sogenannten Eye-Trackern beobachten sie, wie oft die Augen der Teilnehmer sich bewegen, wie lebhaft sie sind. Daraus werden die Forscher dann Rückschlüsse auf die Lebensqualität ziehen.

Es war das dritte Treffen im Spitalfonds St. Nikolai. Die Kindergartenleiterin Brigitte Jeckel, wissenschaftliche Laiin, aber vom Fach, was Menschen betrifft, ist jetzt schon zufrieden, auch wenn heute noch nicht so viel geredet wurde: "Wir können die Dialoge nicht erzwingen, das braucht Zeit. Aber es werden immer mehr." Anfang des Jahres wird sie mit den Leitern anderer Einrichtungen und den Wissenschaftlern erste Erfahrungen austauschen. Nächste Woche besuchen die Senioren den Kindergarten.

Autor: Ole Pflüger