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05. April 2014

... Felix Flaig und Johannes Hebsacker, Gründer eines Projekts zum Gedenken an Holocaust-Opfer

ZU BESUCH BEI...: Aufkleber gegen das Vergessen

  1. Felix Flaig (links) und Johannes Hebsacker wollen an die NS-Zeit erinnern. Foto: Sonnenberger

Der Gemeinderat von Villingen-Schwenningen hat im November 2013 zum zweiten Mal die Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an Holocaust-Opfer abgelehnt. Da wurden Felix Flaig und Johannes Hebsacker (beide 18) selbst aktiv. Im Kunstunterricht starteten sie das Projekt der "Virtuellen Stolpersteine". Georg Sonnenberger hat die beiden Schüler des St. Ursula Gymnasiums besucht.

An acht verschiedenen Orten in Villingen-Schwenningen kleben ihre Sticker. Hier kann der neugierige Spaziergänger mit dem Smartphone den QR-Code auf den Aufklebern scannen und wird so auf die Homepage "Virtuelle Stolpersteine" verlinkt, auf der man mehr über die Orte erfährt. Vor sechs Häusern, in denen jüdische Familien gewohnt haben, klebt an einem Fallrohr so ein Aufkleber. Informationen gibt es auch über das von Schülern entworfene Holocaust-Mahnmal am Villinger Bahnhof und der St. Ursula-Schule, deren Gymnasium sie besuchen.

Die Idee kam ihnen im Kunstunterricht. Ihre Lehrerin Anna-Maria Saurer wollte ein mediales Projekt mit ihnen machen, erinnert sich Felix. Zu diesem Zeitpunkt stand im Gemeinderat gerade zum zweiten Mal eine Abstimmung über die Verlegung von sogenannten Stolpersteinen an. Diese Gedenksteine, die der Künstler Gunter Demnig entwirft, wurden in vielen europäischen Städten in den Boden vor den letzten Wohnhäusern von jüdischen Bürgern eingelassen. Auf einer Messingplatte, die auf dem Stein angebracht ist, wird der Name und das Geburtsjahr der Bewohner eingraviert.

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"Der große Zünder für die Idee war, dass der Gemeinderat die Stolpersteine abgelehnt hat", erzählt Johannes. Beide meinen, dass Villingen-Schwenningen eine Form des Erinnerns an die Zeit des NS-Regimes braucht. "Aus Respekt vor den Verstorbenen und damit diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät", sagt Johannes. Mit ihrer Initiative wollten sie den ersten Schritt machen und damit die Diskussion über eine konkrete Form des Gedenkens voranbringen. Sie selbst sind unschlüssig, ob Stolpersteine oder ein Denkmal die bessere Variante wären.

Unterstützt wurden die beiden von ihrer Kunstlehrerin, die zum Beispiel beim Design der Aufkleber half. Die Informationen zu den Biographien der jüdischen Familien bekamen die Schüler durch ihren Geschichtslehrer Heinrich Schidelko. Der hatte schon mit einer anderen Klasse ein Projekt über jüdische Schülerinnen an der Mädchenschule St. Ursula angeregt und im Stadtarchiv viele Informationen zusammengetragen. Außerdem stellte ihnen Heinz Lörcher, der für die SPD im Gemeinderat sitzt, seine Recherchen Verfügung.

Die Schicksale der sechs jüdischen Familien, die auf der Homepage vorgestellt werden, stehen exemplarisch für die 70 bis 80 jüdischen Bürger, die Anfang der dreißiger Jahre in Villingen-Schwenningen gelebt haben. Die meisten Familienmitglieder kamen im Holocaust ums Leben. Manchen gelang die Flucht ins Ausland. Sigmund Bikart überlebte die Haft im Konzentrationslager Auschwitz.

Mit Pierre-Louis Bikart – dem Sohn des Überlebenden – hatten die Schüler schon Kontakt, als das Projekt noch in der Planungsphase war. Er zeigte sich sehr begeistert von ihrem Engagement. Als sie dann begannen, gab es auch Reaktionen von Familien ehemals Villingen-Schwenninger Juden, die heute in den USA und Israel leben. Auch in der Doppelstadt selbst wurde das Projekt wohlwollend zur Kenntnis genommen. "Leute haben sogar bei mir zu Hause auf dem Festnetz angerufen, von denen ich gar nicht wusste, woher sie die Nummer hatten", erinnert sich Johannes. Die Reaktion der Mitschüler sei dagegen eher verhalten ausgefallen.

Offenbar sind nicht alle Einwohner von Villingen-Schwenningen mit der Initiative einverstanden. Immer wieder werden Aufkleber entfernt. Ordnungsliebe oder gar Antisemitismus? Die Schüler wissen es nicht. Einen offensichtlich antisemitischen Hintergrund hat jedoch der zerkratzte Davidstern auf dem Aufkleber vor den St.-Ursula-Schulen. Drohungen gegen sie selbst hat es zwar nicht gegeben. "Trotzdem ist es verstörend, dass es Menschen gibt, die durch solche nächtlichen Störaktionen unser Projekt sabotieren wollen", sagt Johannes.

In den letzten Wochen hatten die Schüler nicht die Zeit, ständig neue Aufkleber anzubringen. Die Konzentration der beiden galt nämlich ganz dem Abitur. Die schriftlichen Prüfungen haben sie nun hinter sich. "Eigentlich lief alles ganz gut. Nur Mathe war bei mir nicht so toll", erzählt Johannes. Felix nickt zustimmend. Jetzt stehen in ein paar Wochen noch die mündlichen Prüfungen an. Danach will sich Johannes mehr Zeit für sein Hobby – die Musik – nehmen. Er spielt Querflöte in einem Orchester. Felix hofft, in den nächsten Wochen wieder mehr Zeit für sein ehrenamtliches Engagement als Ministrant und bei der Schülerzeitung zu haben. Für die Zukunft haben Felix und Johannes auch schon Pläne gemacht. Felix hat sich für ein Volontariat beworben. Er will Journalist werden. Johannes möchte ab September ein Freiwilliges Soziales Jahr im kulturellen Bereich machen, am liebsten an einer Oper.

Den Aufkleber mit dem zerkratzten Davidstern haben die beiden Schüler am Tag unseres Gesprächs durch einen neuen Sticker ersetzt. Am nächsten Tag war der Davidstern schon wieder zerkratzt. Der Vandalismus ärgert die Abiturienten. Sie hatten gehofft, durch ihr Projekt eine offene Debatte anzustoßen. "Die Leute sollten sich lieber konstruktiv einbringen", findet Johannes. Man merkt, dass ihn der Antisemitismus schockiert.

Autor: bz