Vom Zauber orientalischer Musik

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Sa, 01. September 2018

Sulzburg

In Sulzburg findet dieser Tage die Orientalische Sommerakademie statt / Das Eröffnungskonzert in St. Cyriak bot Einblicke in eine besondere musikalische Welt.

SULZBURG. Welchen Zauber orientalische Musik entfalten kann, erlebte das Publikum beim ersten öffentlichen Konzert der diesjährigen Orientalischen Sommerakademie in Sulzburg. Sechs Dozentinnen und Dozenten gestalteten in der gut besuchten Kirche St. Cyriak einen Abend, an dem man die Reichhaltigkeit der musikalischen Ausdrucksweise und die vielen Nuancen und Klangqualitäten der Instrumente erleben und genießen konnte.

Die tausendjährige Kirche mit ihrer hinter steilen Stufen und wuchtigen Quadern versteckten Apsis war hier mehr Gefäß als Kulisse. Der Perkussionist Firas Hassan und der Nay-Flötist Mohamad Fityan eröffneten als Duo das Konzert. Beide Männer sind vor Jahren vor dem Bürgerkrieg aus Syrien geflohen, Hassan unterrichtet inzwischen unter anderem an der Popakademie Mannheim, Fityan wurde in Damaskus berühmt, war unter anderem Solist im syrischen Nationalorchester und Solist in der Syrischen Jazz Big Band. Jetzt lebt er in Berlin und hat eine eigene Online-Akademie, seine Konzerte führen ihn um den ganzen Globus.

Die orientalische Musik folgt eigenen, komplizierten Gesetzen, die Energieströme und Stimmungen in Töne fassen können. Niemand käme auf die Idee, den Zehnachteltakt des ersten Stücks nachzuzählen, die Musik ist einfach da. Der Klang der Nay fächert ungeahnte Obertöne auf, windet sich in engen Arabesken in höchste Höhen und wird von der Rahmentrommel weitergetragen, die ihrerseits über ein verblüffend großes tonales Spektrum verfügt. Durch die Blastechnik, mit der Fityan feine Tremoli und Vibrationen erzeugt, entwickelt die Rohrflöte geradezu vokale Qualitäten. Später greift Hassan zur Darbuka, einer unter dem linken Arm gehaltenen Bechertrommel, und auch hier gibt es tausend Möglichkeiten vom dominanten Grundschlag bis zum raschelnden Mäusegetrippel. Der aus Tunesien stammende Aoud-Spieler Achref Chargui brachte mit seinem Instrument einen warmen Saitenklang herein, auch hier faszinierte eine vollendete Spieltechnik, die mit atemberaubend schnellen Läufe und Verzierungen die Musik zum Wirbeln und Tanzen bringt. Chargui spielt Weisen aus dem Iran und der Türkei, holt die Nay hinzu, verständigt sich mit seinem Duo-Partner mit Blickkontakt, und beide entwickeln einen farbenreichen musikalischen Dialog.

Dann kommt Sofia Labropoulou aus Athen mit ihrer Kanun, der trapezförmigen Kastenzither, die man zum Spielen auf die Knie legt. Sie webt damit prachtvolle mehrstimmige Klangteppiche, aus denen sich die Girlanden der arabischen Tonleiter mit ihren eigenwilligen Intervallen hervorschlängeln. Und am Ende gibt es arabisch-andalusische Musik, die sich im 11. Jahrhundert im unter maurischer Herrschaft stehenden Spanien entwickelte.

Im fünfköpfigen Ensemble dominiert die aus Algerien stammende Sängerin Naziha Azzouz mit ihrer expressiven, wandelbaren Stimme, die die Inhalte der Lieder so plastisch formt, dass sie zu Erzählung, Appell, Klage oder Freudengesang werden. Man versteht, ohne die Sprache zu können. Das Ensemble wird jetzt ergänzt von der algerischen Djoze-Spielerin Imène Sahir, die mit ihrer Kniegeige als zusätzliches Register einen seidigen Hauch ins Spiel bringt. Als Naziha Azzouz anfängt in die Hände zu klatschen, springt der Funke augenblicklich aufs Publikum über, als habe es schon lange darauf gewartet, der eigenen, durch die Musik geweckten Energie Ausdruck zu verleihen. Ein schönes Erlebnis an diesem Abend war auch die fast spürbar kribbelnde kreative Energie zwischen den Musizierenden, die sich aus ihrem jeweiligen Wirkungskreis in dieser Besetzung für die Sommerakademie zusammengefunden haben und die während der Workshops der folgenden Tage für einen spannenden künstlerischen Austausch sorgen wird. Musik als verbindendes Element zwischen den Kulturen – an diesem Abend war das hautnah zu erleben.