Theater

Tanzgastspiel in Freiburg

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Mi, 17. Januar 2018 um 20:07 Uhr

Theater

Klang- und Bewegungskunst verbinden sich in den Stücken des Choreografen Emanuel Gat und des Musiker Awir Leon. In Freiburg zeigen sie "Sunny".

Was für ein merkwürdiges Wesen! Pelzbehangen, mit Fransen versehen und mit einem Topf mit Grünzeug auf dem Kopf bewegt sich eine Art Schamane über die Bühne, dreht sich langsam, streckt das Bein aus. Was will uns der Choreograf damit sagen? Eine Finte, antwortet die Tanzdramaturgin des Theater Freiburg, Bettina Feldösi, und lacht. Und wirklich wird sich der Tänzer nach diesen ersten Minuten aus dem Kostüm schälen und in die Compagnie einreihen.

Bizarre Kostüme wird man in Emanuel Gats Choreografie "Sunny" später noch einmal sehen. Vorerst jedoch trägt das Ensemble Unterwäsche im Bademodenstil, und überhaupt ist das einstündige Tanzstück nichts für scheue Einzelgänger. Der 1969 in Israel geborene Emanuel Gat choreografiert für Compagnien. Und seine Tänzer erweisen sich in dem 2016 entstandenen Stück als soziale, empathiefähige Wesen. Sie legen den Arm auf die Schulter der Partnerin, manchmal dort auch den Kopf ab oder führen die Hände zum Herzen. Es sind oft sprechende Gesten. Momente, in denen der Fokus auf einer einzelnen Persönlichkeit, einem Paar oder der ganzen Compagnie liegt, wechseln sich ab. Immer wieder umringen sie den Musiker Awir Leon und sein Pult. Man kann sich Tanz als lebendes System vorstellen.

Gats Stücke touren weltweit

2004 gründete Gat, der erst mit 23 Jahren zum Tanz kam, seine eigene Equipe, gleich im darauf folgenden Jahr erhielt er den Kulturpreis des Staates Israel, weitere Auszeichnungen folgten. Seit 2007 lebt und arbeitet er im französischen Istres. Seine Stücke touren weltweit, darüber hinaus arbeitet Gat, der seine Tänzer nach Freiburg begleiten wird, auch für andere Compagnien und feste Häuser.
In "Sunny" tun die zehn Tänzerinnen und Tänzer etwas, das im klassischen Ballett mit seinen festen Rollen undenkbar wäre: Sie kommunizieren. Sie verabreden sich durch Blickkontakte zu Duos, tauschen kurze Sätze aus und lachen. Sie machen all das, was Menschen unwillkürlich tun, wenn sie miteinander agieren.

Spricht man Emanuel Gat darauf an, erscheint ihm das als ganz selbstverständlich. Schließlich, so sagt er, wechseln ja auch Fußballer während eines Matchs Worte miteinander. "Ich arbeite mit Menschen und nicht mit Robotern. Die Tänzerinnen und Tänzer machen all das, weil sie frei sind, es zu tun", so Gat. Und so ist es auch nur konsequent, dass Emanuel Gat nicht mit einer fertigen Choreografie zur ersten Probe kommt.

"Sunny" meint Bobby Hebbs 1966 veröffentlichten Popsong, der, so geht der Mythos, kurz nach der Ermordung von J. F. Kennedy entstand und nachdem Hebbs Bruder bei einer Messerstecherei den Tod fand. Das Liebeslied ist bei jeder Aufführung der erste Song, den Awir Leon spielt und singt. Jedes Mal anders, so wie er sich auch in den ersten Minuten immer einige Freiheiten erlaubt.

Der in Paris lebende Awir Leon, der sich in der letzten Zeit als Elektromusiker einen Namen gemacht hat, weiß, wie sich Tänzer auf der Bühne fühlen. Er war selbst einer und trat auch in Gats Compagnie auf. Die Kompositionen für "Sunny" sind unabhängig von der Choreografie entstanden. Als Musik und Tanz relativ fortgeschritten waren, legten Leon und Gat zusammen und ordneten die jeweiligen Stücke einander zu. "Ich illustriere niemals Musik", definiert Emanuel Gat im Gespräch sein Verhältnis zur Komposition. Tatsächlich brachte er mit "Silent Ballet" 2008 ein Tanzstück ganz ohne Musik heraus. Manche hielten es für sein bislang musikalischstes.

Ein mutiges Projekt für Freiburg

Es ist in Freiburg ungewöhnlich geworden, eine derart große Compagnie wie die von Emanuel Gat gemeinsam mit einem Livemusiker auf der Bühne des Großen Hauses zu erleben. Fast mutig. Die von Adriana Aleida Pees geleitete Tanzsparte traut sich etwas. Man wolle, erläutert Bettina Földesi, die bei den Gastspielen auch die Produktionsleitung innehat, dem Freiburger Publikum die Vielschichtigkeit der internationalen Tanzszene zeigen. Ob es auch gelingt, dieses mit wechselnden Künstlerpersönlichkeiten an das Haus zu binden, wird sich zeigen.

Emanuel Gats "Sunny" spiegelt jedenfalls eine ganze Bandbreite von Stimmungen wider: Manchmal wirken die Bewegungen so satt und lässig, als pralle die Sonne Südfrankreichs auf die Tanzenden, dann wieder geht ein frischer Wind über die Bühne. Auch Hebbs Ohrwurm steht ja für die Gleichzeitigkeit von Melancholie und Lebensfreude.

Emanuel Gat, Awir Leon: "Sunny", Samstag, 20. Januar, 19.30 Uhr, Theater Freiburg, Großes Haus.