Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

10. August 2013

"Eine blöde Krankheit"

BZ-PORTRÄT: Der Teninger Volker Hodel hatte Hautkrebs – und gründete eine Selbsthilfegruppe.

  1. Volker Hodel hatte Hautkrebs - und überlebte Foto: Patrik Müller

TENINGEN. Mit einem verdächtigen Muttermal fing alles an. Dann war sie da, die Diagnose: Schwarzer Hautkrebs. "Es war extrem knapp", sagt Volker Hodel heute. Der Teninger hat überlebt. Heute leitet der 49-jährige Betriebswirt eine Selbsthilfegruppe in Freiburg – und weiß, dass der Krebs irgendwann zurückkehren kann.

Ein Sonnenanbeter war er nie. Ein Solarium hat Volker Hodel nie von innen gesehen, im Schwimmbad legt er sich immer unter den Baum und wandert mit dem Schatten. Er hat sich immer eingecremt, mit hohem Lichtschutzfaktor. Einen Sonnenbrand hatte er ein einziges Mal im Leben – beim Skifahren, als er schon ein bisschen älter war und die Haare schon ein bisschen weniger geworden waren.

Einerseits. Andererseits waren da die Muttermale. Hunderte von ihnen, buchstäblich, allein am linken Bein unterhalb des Knies sind es knapp 90 Stück. Trotzdem war Hautkrebs lange Zeit kein Thema für Volker Hodel. Hautkrebs war etwas, das er aus dem Fernsehen und der Zeitung kannte.

Dann, im September 2010, kam der Anruf. "Ich war beim Mittagessen, als das Telefon geklingelt hat", erzählt Volker Hodel. "Der Arzt hat gefragt, ob ich schnell vorbeikommen kann."

Werbung


"Die Ärzte haben mir

ein Rumpsteak aus

der Wade geschnitten."

Er war nie ängstlich, aber immer vorsichtig. Ein Jahr zuvor war er schon mal beim Hautarzt gewesen. Ein Muttermal an der Wade hatte ihm nicht gefallen, es stand ein bisschen heraus, er machte sich Sorgen. Ist harmlos, sagte der Arzt und schnitt ihm zwei andere Male heraus, eines am Bauch, eines am Rücken. Ein Jahr später sprach Hodel seinen Arzt wieder auf das Muttermal an der Wade an. Der ließ sich breitschlagen, griff zum Skalpell und schickte den Hautklumpen ins Labor.

Ein paar Tage später war das Ergebnis da. Der Arzt griff zum Telefon, Hodel fuhr in die Praxis. "Der Doc saß da wie ein Häufchen Elend", sagt Hodel. Der Tumor war 5,3 Millimeter dick. "Im Internet findet man eigentlich immer nur Fälle mit vier Millimetern. Ab vier Millimetern, heißt es, ist man fast schon tot."

Die Ärzte in der Freiburger Hautklinik schoben ihn in den OP und säbelten ihm den Tumor aus der Wade – und das Fleisch in einem Radius von zweieinhalb Zentimetern. "Die Ärzte haben mir ein Rumpsteak aus der Wade geschnitten", sagt Hodel. Eine Woche später betäubten sie ihn noch einmal und holten ihm einige Lymphknoten aus dem Körper – seither zieht sich eine 53-Zentimeter-Narbe von seinem Bauch zur Wade. "Im Nachhinein war das unnötig", sagt Hodel, "aber es ist einfach eine Standardprozedur."

Er hatte Glück. Im Krankenhaus teilte Hodel das Zimmer mit einem Mann, dessen Tumor viel kleiner war – der ist vor einigen Monaten gestorben. "Hautkrebs ist eine blöde Krankheit", sagt Hodel. "Alles kann sehr schnell vorbei sein."

Der Krebs hat Hodels Leben verändert. Alle drei Monate fährt er in die Klinik, seine Frau umkringelt verdächtige Stellen vorher mit dem Kugelschreiber. Er selbst, sagt er, sei vor diesen Terminen nicht nervös. "Vielleicht sehe ich das zu locker", erklärt er. "Ich sage mir einfach: Ich habe die Diagnose und kann es nicht ändern."

"Viele Menschen halten

Hautkrebs nur für eine Art

Sonnenbrand."

Hodel ist Risikopatient. Der Krebs kann zurückkehren. Vielleicht morgen, vielleicht in fünf Jahren, vielleicht nie. "Man muss positiv bleiben", sagt er. "Man darf sich nicht zu viele Gedanken machen, man darf sich nicht in die Krankheit vergraben und nur das Negative suchen."

Volker Hodel ist Betriebswirt, er managt Großprojekte, arbeitet mehr als 38,5 Stunden in der Woche. Als er nach der OP im Krankenhaus lag, tippte er auf seinem Notebook herum. Als er drei Monate krankgeschrieben war, arbeitete er von zu Hause aus. "Ich hab’ volle Kanne alles gemacht", sagt er.

Hodel ist keiner, der sich vor Verantwortung drückt. Als beim Elternabend in der Theodor-Frank-Realschule niemand Lust auf den Sitz im Elternbeirat hatte, sagte er zu seiner Frau: "Ich warte jetzt noch drei Minuten, dann mache ich’s. Das ist mir zu doof." Er war auch derjenige, der die Freiburger Selbsthilfegruppe ins Leben rief.

Jeden dritten Montag im Monat treffen sie sich, in Freiburger Selbsthilfebüro im Zentrum Oberwiehre, von 18 bis 20 Uhr. Mal sind sie zu zehnt, mal zu zwölft. Sie sprechen über ihre Krankheit, über Therapien, über Ärzte. Und sie verstehen sich. "Viele Menschen halten Hautkrebs nur für eine Art Sonnenbrand, der wieder abklingt", sagt Hodel.

Manchmal rufen ihn Leute an. Menschen mit Hautkrebs, Verwandte von Menschen mit Hautkrebs. Sie reden, stundenlang, erzählt Hodel, dann bedanken sich die Anrufer. Viele kommen trotzdem nicht in die Gruppe. "Einige", sagt er, "haben eine gewisse Scheu. Und viele Menschen wollen nicht über das Thema reden."

Sein Sohn, erzählt er, kam vor kurzem mit einem Sonnenbrand nach Hause. "Er hat ’nen Anschiss gekriegt", sagt Hodel. Vor ein paar Tagen, als die Sonne vom Himmel knallte, lag er im Schwimmbad unter einem Baum. "Direkt vor mir saß eine Frau mit zwei kleinen Kindern in der prallen Sonne. Stundenlang." Er schüttelt den Kopf. "Hautkrebs", sagt er, "ist eine der aggressivsten Krebsarten. Und es gibt nichts dagegen."

Hodel hofft. Dass dass der Krebs nicht zurückkehrt, dass die Ärzte bei ihren Forschungen Fortschritte machen. Bis dahin wird seine Frau weiter Kringel um die dunklen Stellen auf seiner Haut malen, bevor er in die Uniklinik fährt.

Kontakt: Volker Hodel ist telefonisch

erreichbar unter Tel. 07641 / 571061.

Mehr Infos auf der Webseite www.selbsthilfegruppe-freiburg.

HAUTKREBS

Das sogenannte maligne (bösartige) Melanom, der schwarze Hautkrebs, ist ein bösartiger Tumor in den Pigmentzellen der Haut. Das Problem: Er verbreitet seine Metastasen sehr schnell über die Lymph- und Blutbahnen und kann tödlich enden. UV-Strahlung – zum Beispiel durch Sonnenlicht – gilt beim Gros der Experten als Hauptursache. Laut Deutscher Krebshilfe erkranken pro Jahr rund 195 000 Menschen in Deutschland an Hautkrebs, 24 000 davon an schwarzem Hautkrebs – an dieser Form sterben 3000 Menschen jährlich.  

Autor: pam

Autor: Patrik Müller