Teningen

Teninger Klippenspringerin lebt einen etwas anderen Alltag

Patrik Müller

Von Patrik Müller

Do, 30. Oktober 2014 um 11:06 Uhr

Teningen

Vor einer Klasse stehen oder bei Wettkämpfen aus 20 Metern Höhe ins Wasser springen? Die Europameisterin Anna Bader hat beides versucht – und im Playboy war sie auch noch. Ein Interview.

Anna Bader ist Klippenspringern. Bei Wettkämpfen stürzt sie aus 20 Metern Höhe ins Wasser, ihr Rekord liegt bei 24 Metern. Nach ihrer Bronzemedaille bei der Schwimm-WM 2013 in Barcelona wurde sie Referendarin. Sie unterrichtete Schüler am Scheffel-Gymnasium in Lahr, legte dann aber eine Pause ein, um sich auf den Sport zu konzentrieren. Patrik Müller sprach mit ihr über Unterrichtsbesuche, Playboy-Fotos und die Suche nach einem Baggersee mit Sprungmöglichkeit.

BZ: Was ist schlimmer: Zum ersten Mal aus 24 Metern ins Wasser springen oder zum ersten Mal vor einer Klasse stehen?
Bader: Mmmh...ich muss überlegen. Die Schulklasse war definitiv etwas ganz Neues für mich, das Unterrichten hat mir aber mehr Spaß gemacht, als ich erwartet hatte. Schwer war eher die Vorbereitung, die ganze Stunde zu strukturieren – man will sich ja nicht blamieren.

BZ: Anders gefragt: Vor welchem Termin haben Sie schlechter geschlafen?
Bader: Stressig war beides. Ich erinnere mich noch gut an den 24-Meter-Sprung. Es war in Italien, es waren viele Zuschauer da und ich bin noch nie aus dieser Höhe gesprungen – es war nicht ganz einfach, die Augen zuzukriegen. Auf die erste Schulstunde habe ich mich gefreut. Muffensausen hatte ich eher vor Unterrichtsbesuchen, wenn ich bewertet wurde.

BZ: Sie haben ein halbes Jahr Springen und Unterrichten verbunden. War das leicht?
Bader: Die ersten Wettkämpfe liefen gut, auch wenn es manchmal krass war: Einmal hatte ich am Donnerstag Schulrechtsprüfung und am Freitag einen Wettkampf in Norwegen – das Flugzeug ist um drei Uhr nachts gelandet. Ich musste powern, um alles unter einen Hut zu kriegen. In der Sommerpause wollte ich bei einem Wettkampf in Russland einen Handstandsprung ausprobieren. Der war nicht optimal. Es gab Punktabzug, weil meine Arme beim Eintauchen oben waren, nicht unten. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass mir das Training in der Turnhalle fehlt – das war vor lauter Stress auf der Strecke geblieben.

BZ: Wie ging es weiter?
Bader: Der Sport entwickelt sich wahnsinnig schnell. Vor einem Jahr habe ich bei der Schwimm-WM in Barcelona Sprünge gemacht, die zu den schwierigsten überhaupt gehören – die kriegen jetzt ganz viele andere Mädchen in guter Qualität hin. Ich hatte das Gefühl, dass ich mehr Zeit investieren muss. Ich habe einige Sprünge im Kopf und weiß, dass ich die mit dem richtigen Training schaffen kann – also habe ich den Antrag gestellt, das Referendariat zu unterbrechen.

BZ: Schüler, die Ihren Namen googeln, finden Sie im Playboy. Ein Problem?
Bader: Das Wichtigste ist, dass man offen damit umgeht. In der ersten Stunde in der Oberstufe habe ich mich vorgestellt. Ich habe den Schülern erzählt, dass ich einen etwas anderen Weg gegangen bin, dass ich von Klippen gesprungen und in Shows aufgetreten bin und diese Fotos gemacht habe. Von meiner Seite aus, habe ich gesagt, steht das einem guten Unterricht nicht im Weg und das sollte es von eurer Seite aus auch nicht – wenn ihr Fragen habt, dürft ihr mir die gerne stellen. Damit war das Eis gebrochen. Es gab offene Münder, aber keine Fragen.

BZ: Haben Sie die Fotos mal bereut?
Bader: Ich würde wieder zusagen. Es ist nach wie vor eine Ehre, gefragt zu werden, und es war eine coole Erfahrung. Es verändert aber die Art, wie die Leute auf dich reagieren. Auf der einen Seite katapultieren dich solche Fotos in eine Art Berühmtheit, auf der anderen Seite halten dich die Leute dann für besonders freizügig. Es ist komisch, wenn sich das eigene Bild nicht mit dem deckt, das andere Leute von dir haben. Ich habe mich damit abgefunden und sage: Ist halt so.
"Meine Oma sagt: Ach, Anna, wenn du das willst, dann mach das."
BZ: Wie gut können Sie von der Randsportart Klippenspringen leben?
Bader: Es hängt von den Ansprüchen ab. Im Moment ist es eine Grauzone. Als ich wegen der Prüfung einen Tag kurz vor knapp nach Norwegen gekommen bin, waren die Leute nicht begeistert – ich habe ihnen dann erklärt, dass ich auch sehen muss, wo ich bleibe und meine Existenz nicht auf eine Handvoll Events gründen kann. Ab und zu trete ich bei Shows auf, ich saß bei einer belgischen Turmspringshow in der Jury – ich schreibe keine roten Zahlen. Meine Oma sagt: Ach, Anna, wenn du das willst, dann mach das. Bei mir hast du immer Kost und Logis.

BZ: Wie halten Sie es in Teningen eigentlich aus, ganz ohne Klippen, ganz ohne Meer?
Bader: Die Bedingungen hier sind fast schon optimal. Ich habe hier meine Familie, ich habe meinen Freund hier kennengelernt. Nach Luzern sind es zwei Stunden mit dem Zug, dort kann ich trainieren, im Freiburger Westbad und in Denzlingen gibt es Zehn-Meter-Türme. Mir fehlt eigentlich nur eine Sache: Es gibt hier ja tiefe Baggerseen mit hohen Kieskränen. Ich hätte gerne die Erlaubnis, da zu trainieren. Ich unterschreibe auch gerne, dass ich keinen verklage, wenn etwas passiert – und nehme Freunde mit, die als Sicherungstaucher ausgebildet sind.

BZ: Sie sind jetzt 30. Wie lange springen Sie noch?
Bader: Die Älteste, die immer noch gut bei Wettkämpfen abschneidet, ist 39, knapp zehn Jahre älter. Ich springe weiter, so lange es mir Spaß macht und solange ich mich nicht verletze. Die Gesundheit steht für mich ganz weit oben – so unwahrscheinlich das klingt.
Anna und die Klippen

Die 30-Jährige ist eine Weltenbummlerin mit Wurzeln in Teningen. Anna Bader stand als lebende Statue in einer Fußgängerzone in Barcelona und arbeitete als Artistin bei einer Wassershow in Macao. Sie ist siebenfache Europameisterin im Klippenspringen, bei der Schwimm-WM 2013 holte die Bronzemedaille. Im Januar begann sie ein Referendariat am Scheffel-Gymnasium in Lahr, unterrichtete Englisch und Erdkunde und schaffte den Sprung ins zweite Jahr – beschloss aber, das Referendariat zu unterbrechen. Sie lebt bei ihrer Großmutter Hildegard in Teningen.

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