Alles kann, nichts ist

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 23. Mai 2017

Theater

Romeo Castelluccis Münchner "Tannhäuser"-Neuinszenierung, dirigiert von Kirill Petrenko.

Früher war alles einfacher. Zum Beispiel im Theater. Man ging als Kritiker in eine Premiere, suchte herauszufinden, wie sich ein Regisseur an einem Stück abarbeitete, welche Metaphorik er für dessen Aktualität fand und fällte dann sein Urteil: schlüssig oder nicht schlüssig, werktreu oder nicht. Doch die Zeiten, in denen Regietheater eine Art Kampfbegriff war und das Publikum im Zweifelsfall sowie so nur wegen der Musik in die Oper ging, sind auch vorbei.

Nehmen wir zum Beispiel Romeo Castellucci. Der Mann wird wie ein Messias des Theaters gefeiert. Ein Regisseur, der "die europäische Theaterlandschaft radikal verändert" habe, wie das hauseigene Theatermagazin der Bayerischen Staatsoper weiß. Weshalb dessen "Tannhäuser"-Neuinszenierung dort schon im Vorfeld zur Premiere des Jahres avancierte. Und weshalb die Schlange derer, die vor dem Münchner Nationaltheater mit dem Zettelchen "Suche Karte" standen, an gute alte Festspieljahre, zum Beispiel in Bayreuth, erinnerte.

Man könnte auch nur die Seiten 28 bis 46 im Programmheft lesen, und man wäre erstaunt, welch philosophisch-theoretischen Überbau so ein Abend verträgt. Romeo Castellucci erzählt darin im Interview zum Beispiel, wie er versucht, der Stereotypen-Falle im "Tannhäuser" zu entgehen. Viele seiner Vorgänger nämlich gingen von einem Dualismus in Wagners Oper aus: hier die lustvolle Welt der Venus, dort die christlich-keusche der Elisabeth. Und Tannhäuser hin- und hergerissen zwischen beiden. Falsch. Castellucci sagt: Tannhäuser befindet sich immer am falschen Ort. Frei nach "Dein ist mein ganzes Herz": "Wo du nicht bist, kann ich nicht sein ..."

Nun hat der italienische Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner auch eine Venuswelt entworfen, in der Lust eher etwas mit Frust zu tun hat. Frau Venus erinnert an jene aus Willendorf, ein wabernder, glitschig-amorpher Fleischkloß, der nahtlos in ähnliche Körper übergeht. So jedenfalls interpretiert Castellucci Tannhäusers Ausruf: "Zu viel!". Zu unklar, möchte man an dieser Stelle einwerfen, denn der Münchner Venusberg ist begrenzt von einer Frauensilhouette, hinter der sich reale, schönere Körper widerspiegeln. Später reitet dann auch eine halbnackte Frau auf einem Pferd, das sich sichtlich unwohl fühlt, auf der nun durch einen Kreisausschnitt sichtbaren Hinterbühne auf, bevor sich diese in eine Art riesige Vulva verwandelt. Wer jetzt kein Symbollexikon und keinen Freud zur Hand hat, ist klar im Nachteil.

Die Symbolik nämlich ist Castelluccis Lieblingswerkzeug. Zum Beispiel der Pfeil. "Es ist, als würde er in den Venusberg geschossen und verlangsamte sich, bis er schließlich, dem Paradoxon von Zenon folgend, ganz stillstünde." Sagt Castellucci. Und freut sich vermutlich, dass die meisten Theaterbesucher mit dem Paradoxon von Zenon wenig anfangen können. Und dass die, die wissen, dass ein gewisser Zenon, seines Zeichens Philosoph in der Antike, damit ein fiktives Wettrennen zwischen einer Schildkröte und Achilles meinte, auch nicht unbedingt schlauer werden aus diesem Bild.

Auf Grabsteinen verfallen
die Leichname zu Staub

Castellucci lässt eingangs, zu Ouvertüre und Bacchanal (gespielt wird im Wesentlichen die – späte – Wiener "Tannhäuser"-Fassung von 1875), rund 30 amazonenhaft aussehende, barbusige Bogenschützinnen Pfeile verschießen: erst auf ein überdimensionales Auge, dann auf ein Ohr. Und schließlich wenden sich die Damen gegen das Publikum, aber nein, das geht zu weit: Der Pfeil soll sich ja verlangsamen. Den gesamten dritten Akt über hängt er nur noch in der Luft, während die Zeit sich in höchste Potenzen multipliziert. Von einer vergehenden Sekunde in Milliarden und Abermilliarden. Und währenddessen zerfallen die auf zwei Grabsteinkuben platzierten Leichname von Klaus und Anja über viele Stadien hinweg zu Staub. Christoph Schlingensief hatte so etwas Ähnliches mit einem Hasen in seinem Bayreuther "Parsifal" auf Video realisiert. Aber man vergisst ja so schnell. Und Klaus und Anja? Ach so: Klaus ist Klaus Florian Vogt und singt den Tannhäuser. Und Anja Harteros ist die Elisabeth. Frei nach Castellucci sind vermutlich beide am falschen Ort.

So könnte man stundenlang weitererzählen. Zum Beispiel von der Wartburghalle im zweiten Akt, die sich aus riesigen wandernden, weißen Schleiern zusammensetzt. Castellucci sagt, es gebe einen eindeutig sexuellen Bezug. Wahrscheinlich von Elisabeth zur Halle, weil die eine die andere grüßt. Deshalb müssen sich vermutlich viele menschliche Körper darin in Nacktkostümen wogenartig wälzen. Sieht schön aus und lässt immer irgendeine Interpretation zu.

Denn Castelluccis Theater atmet den Geist der Postmoderne: Alles kann, nichts ist. Ideale Verhältnisse für die Sänger? Nun ja, Castellucci stellt sie auf die Bühne, bewegt sie manchmal in Zeitlupe à la Robert Wilson. Gut fürs Singen. Trotzdem ist das Tannhäuser-Debüt von Klaus Florian Vogt Geschmackssache. Im Venusberg kämpft er mit den Höhen, von Akt zu Akt wird sein knabenhafter Tenor souveräner. Aber die Registerwechsel bleiben brüchig. Ganz und gar merkwürdig, manieristisch singt Christian Gerhaher den Wolfram: keine Phrase, der er eine konsequente Linie gönnte, dafür geht’s manchmal fast in Richtung Sprechgesang.

Tadellos dagegen der Landgraf von Georg Zeppenfeld, charismatisch die wandlungsfähige, hochsensible Elisabeth von Anja Harteros. Elena Pankratova scheint von ihrer (soliden) Venus mehr begeistert zu sein als das Publikum beim Schlussapplaus. Einheitlich dagegen ist die Zustimmung für den voluminös-flammenden Staatsopernchor. Und bei Kirill Petrenko und dem Staatsorchester lodern die Ovationen förmlich auf. Der Münchner Generalmusikdirektor und designierte Berliner Philharmoniker-Chef arbeitet sich detailreich an der Partitur ab; manches hört man mit neuen Ohren. Großartig sind seine Steigerungen, ist sein Sinn fürs Timing. Und angeblich mag er diese "Tannhäuser"-Inszenierung. Früher war eben vieles einfacher.

Weitere Termine: http://www.staatsoper.de
TV-Sendung am 9. Juli, ab 21.45 auf Arte und unter http://www.staatsoper.de/tv
Am 1. Juni startet in den Kinos die Doku "Ganz große Oper" über die Bayerische Staatsoper.