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17. Oktober 2016

"Bleiben Sie selbst Mensch!"

Freiburg: Hans Poeschl inszeniert das Theaterstück "Terror".

  1. Strenger Blick der Richterin (Regine Effinger) Foto: Matthias Kolodziej

Da ist kein Vorhang. Warum auch? Wir sind an diesem Abend ja weniger in einem Theater als vielmehr in einem Gerichtssaal. Und wir sind auch keine Zuschauer, wir sind Schöffen in dieser dramatischen Versuchsanordnung mit Namen "Terror" im Freiburger Wallgraben-Theater. Mit "meine Damen und Herren Richter" werden wir im Laufe der nächsten zweieinhalb Stunden oft angesprochen. Die Vorsitzende Richterin macht uns zu Beginn klar, welche Aufgabe wir haben: Wir sitzen über Major Lars Koch zu Gericht. Der Kampfjetpilot hat – entgegen des Befehls seiner Vorgesetzten – ein Passagierflugzeug abgeschossen, das von einem mutmaßlich islamischen Terroristen entführt und in die vollbesetzte Allianz Arena in München gelenkt werden sollte. An Bord des Flugzeugs waren 164 Menschen, die alle starben. In der Arena waren 70 000 Menschen, die Koch durch sein Handeln retten wollte. "Bleiben Sie selbst Mensch!", gibt die Vorsitzende Richterin uns Schöffen noch auf den Weg, bevor die Verhandlung beginnt.

Mit diesem Appell "Bleiben Sie selbst Mensch!" freilich ist das Dilemma thematisiert, dem wir ausgesetzt sind. Genau das war die Absicht von Ferdinand von Schirach, dem Juristen und Verfasser des Theaterstücks "Terror": dass wir uns des Unterschieds zwischen der moralischen und der gesetzlichen Bewertung eines und desselben Falls bewusst werden.

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Der Gerichtssaal auf der Kellerbühne ist ein angemessen nüchterner Raum. Die Beteiligten sitzen jeweils auf Podesten – eines für die Richterin (Regine Effinger), eines für den Zeugen (Matthias Happach), ein weiteres, langgestrecktes für die Staatsanwältin (Natalia Herrera), die Nebenklägerin (Sybille Denker), den Angeklagten (Helge Gutbrod) und seinen Verteidiger (Dietmar Kwoka). Der Raum ist mit grauem Stein ausgekleidet und gleichmäßig beleuchtet. Nur, wenn die Staatsanwältin und der Verteidiger ihre Plädoyers halten, werden sie von einem Spot angestrahlt.

Diese Nüchternheit unterstreicht den dokumentarischen Charakter des Stücks, und Regisseur Hans Poeschl hat dankenswerter Weise auch auf theatrale Beigaben verzichtet. Es gibt keine Videoaufnahmen, keine erzwungene Dynamik, die Figuren haben zwar ihre individuellen Eigenheiten, doch werden auch diese nicht zugespitzt. Worte spielen in diesem Stück die Hauptrolle – und das ist auch gut so.

Denn der Inhalt duldet keine Ablenkung. Es ist mucksmäuschenstill im Theater, die Premierenbesucher sind, das ist spürbar, sehr konzentriert. Wir erfahren Einzelheiten über den Angeklagten Koch, einen Soldaten mit einem geradlinigen Lebenslauf, beeindruckenden Zeugnissen, mit einwandfreiem Leumund. Major Koch ist geständig. Er sagt Sätze wie: "Ich habe überlegt, ob ich einen Befehl missachte." Oder: "Ich habe es nicht fertiggebracht, 70 000 Menschen sterben zu sehen." Auf der anderen Seite hat er wenig Mitleid mit den Passagieren des Flugzeugs: Sie hätten damit rechnen müssen, in eine solche Lage zu geraten – in der Hand des Entführers sind sie nichts anderes als "Waffen. Und die muss ich bekämpfen". Als Schöffe darf man sich nicht von Sympathien oder Antipathien leiten lassen – aber: "Bleiben Sie Mensch" – wie sollte man sie ausblenden?

Das geht auch beim ersten Zeugen nicht. Oberstleutnant Christian Lauterbach war an jenem 26. Mai 2015, als die Tragödie passierte, für die Luftüberwachung zuständig. Er ist ein anderer Charakter als Koch – tritt großspuriger auf, nutzt viele Fachbegriffe und kommt der Aufforderung der Vorsitzenden Richterin, technische Details zu schildern, nur zu gerne nach. Und er sagt einen entscheidenden Satz: "Es ist nicht meine Aufgabe, Befehle zu hinterfragen." Er scheint es auch nicht als seine Aufgabe angesehen zu haben, mit den vielen Fachleuten in der Luftüberwachung dafür zu sorgen, dass das vollbesetzte Stadion in München geräumt wird – obwohl dafür Zeit gewesen wäre. Lauterbach hat Dienst nach Vorschrift gemacht – die Staatsanwältin legt den Finger in die Wunde. Aber was haben wir Schöffen davon? Lauterbach ist Zeuge, kein Angeklagter.

Aushalten müssen die Schöffen auch den Auftritt der Nebenklägerin, deren Mann im Flugzeug nach München war – und die jetzt Witwe ist. Sein letztes Lebenszeichen war eine SMS, die schilderte, dass die Passagiere den Plan hatten, den Terroristen im Cockpit zu überwältigen. Hatten sie eine Chance?

Nun haben Staatsanwältin und Verteidiger das Wort: Sie verkörpern die beiden Kategorien Recht und Moral. Wofür sollen wir uns entscheiden? Brauchen wir, wie die Staatsanwältin sagt, "etwas Verlässlicheres als unsere spontanen Entscheidungen"? Oder ist es so, dass wir Lars Koch, wie der Verteidiger sagt, nicht "wegen eines Prinzips verurteilen" dürfen? Wir Schöffen müssen entscheiden – ich würde es lieber nicht tun, würde viel lieber weiter abwägen, argumentieren, dass es so vieles gibt, was wir nicht wissen, dass Koch zwar verantwortlich ist, aber doch nicht allein...

Aber wir müssen entscheiden – jetzt. Es geht 70 zu 43 aus – Lars Koch wird freigesprochen. Er hat sich entschlossen, 164 Menschen zu opfern um 70 000 zu retten. "Unser Recht ist nicht in der Lage, jede moralische Frage zu klären", sagt die Vorsitzende Richterin. Dieser Satz ist an einem Theaterabend mit Leben gefüllt worden. Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu reden, wollen wir Menschen bleiben.

Begeisterter Applaus für eine tolle, konzentrierte Ensembleleistung.

Weitere Aufführungen bis 26. November.

Weitere Infos unter      http://www.wallgraben-theater.com

Autor: Heidi Ossenberg