Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

12. Dezember 2016

Das Absurde in der Normalität

Premiere des Loriot-Programms "Spielen Sie doch einfach, was da steht" im Wallgraben-Theater.

  1. Die hohe Kunst des Komischen: Peter Haug-Lamersdorf, Natalia Herrera Foto: Matthias Kolodziej

Ach ja, Kulturpessimismus wäre angezeigt. Es gibt junge Menschen, die niemals einen wilden Waldmops in seiner natürlichen Umgebung gesehen haben, die mit dem Satz "früher war mehr Lametta" nichts anfangen können oder die es merkwürdig finden, dass ein Opa seinem Enkelkind ein Atomkraftwerk zu Weihnachten schenkt. Ach ja, die Zeiten ändern sich, Vicco von Bülow ist seit mehr als fünf Jahren tot, seine große Zeit liegt noch um einiges länger zurück.

Aber noch ist nicht alles verloren: Das Freiburger Wallgraben-Theater hält tapfer an einer Tradition fest, die in die Mitte der 1970er Jahre zurückreicht. Damals war es die erste deutschsprachige Schauspiel-Bühne, die Loriot-Sketche aufführen durfte – Heinz Meier, Mitbegründer des Privattheaters und Ensemblemitglied bei Loriot, sei Dank.

Heute kann sich das Publikum bei Regine Effinger und Hans Poeschl bedanken, die wissen, dass dieser Humor zeitlos ist. Loriots Vermögen, das Absurde in der Normalität in Szene zu setzen, ist nach wie vor grandios komisch, entlarvend ohne verletzend zu sein, albern ohne peinlich zu wirken.

Werbung


"Spielen Sie doch einfach, was da steht", heißt das Programm – und das ist auch die Idee, von der sich Christian Lugerth leiten ließ. Der Regisseur hat Loriots Geschichten von womöglich aus der Zeit gefallenem Beiwerk befreit und sich auf den Kern, auf die zerbröselte zwischenmenschliche Kommunikation, das Aneinander-vorbei-Reden, konzentriert. Sinnfällig wird dies nicht nur im Titel des gut zweistündigen Abends, sondern auch im Bühnenbild auf der Kellerbühne: Das rot-samtene Loriot-Sofa steht als Vergewisserung am Bühnenrand, als Requisiten aber reichen ein paar schlichte Stühle und ein Gazevorhang, mal ein Tisch, mal eine Stele. Und natürlich ein Klavier.

An den Tasten sitzt Jacco Venhuis, der einzige Neuling auf der Wallgraben-Bühne an diesem Abend. Der ausgebildete Gesangspädagoge, Sänger und Logopäde spielt, aber er rezitiert auch und stellt dar. Die anderen Schauspieler sind bewährte Wallgraben-Kräfte: Regine Effinger, Hans Poeschl, Peter Haug-Lamersdorf, Matthias Happach und Natalia Herrera. Sie alle beherrschen die hohe Kunst, das Komische ernst und in perfektem Timing auf die Bühne zu bringen – ob als kurzsichtige Sekretärin, genervte Hausfrau, deren Mann einfach mal nichts tun will, Wahlplakate-Darsteller für alle Parteien, Journalist, dessen Frau Steinbock ist, Professor für die Umwandlung von Frauen in Kaninchen, Eiköchin mit Gefühl, Kunstpfeifer oder Benimmkursteilnehmer. Und das ist nur eine Auswahl. Die Szenen, Zitate und Sketche werden beinahe nahtlos aneinander geschnitten und wirken so wie aus einem Guss.

Dennoch schafft das Publikum häufig, sich schon für einzelne Szenen mit Applaus zu bedanken, und auch der Schlussbeifall ist lang und begeistert. Erleichtert ist zu konstatieren, dass für Kulturpessimismus gar kein Anlass besteht, so lange das Wallgraben-Team dem Ausnahmehumoristen Vicco von Bülow so einfühlsam ein Denkmal baut.

Weitere Termine bis 28. Januar. Info: http://www.wallgraben-theater.com

Autor: Heidi Ossenberg