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01. April 2009
Der große Schlaf im Grandhotel
Christoph Marthalers zum Berliner Theatertreffen eingeladene Hommage an das Waldhaus in Sils Maria war noch einmal zu sehen
Auf den Glasscheiben der mit dunklem Holz eingefassten Drehtür steht "A family affair since 1908". Das ist so schlicht gesagt wie wahr. Das Hotel Waldhaus in Sils Maria im Oberengadin ist eine Familienangelegenheit in der vierten – ab 2010: fünften – Generation. Auch die Produktionen des in Zürich geborenen Regisseurs Christoph Marthaler sind eine Familienangelegenheit: keine genealogische, eine künstlerische. Das 13-köpfige Ensemble arbeitet mit großem Beharrungsvermögen schon seit rund zwanzig Jahren zusammen. Jürg Kienberger gehört zu beiden Familien. Der Musiker und Komiker (oder umgekehrt) und Hotelerbe, Bruder des Waldhaus-Geschäftsführers Urs Kienberger, Schwager des Hoteldirektors Felix Dietrich, brachte vor 15 Jahren den berühmten Theatermacher mit dem unterentwickelten Sinn für Selbstdarstellung und die für ihre Gästeliste aus prominenten Geistes- und Kunstmenschen berühmte Nobelherberge mit dem diskreten Charme des Verzichts auf jede Art von Selbstdarstellung zusammen.
Es war Liebe. Von beiden Seiten. Deshalb nahm es nicht wunder, dass sich Marthaler, der eine ganz eigene wundersam versponnene Sprache zwischen Musik und Theater entwickelt hat, bereit fand, dem Grandhotel zum 100. Geburtstag ein Ständchen auf seine Art zu singen. Nach wochenlangen Proben in der gästefreien Zeit – in Europas auf 1800 Metern höchstgelegenen Tal liegt der Schnee bis Ende Mai – war die Hommage auf satte vier Stunden angeschwollen. Die Kunde von einer bestrickenden Hotelbespielung erreichte nach der Uraufführung im Juni unweigerlich auch die Jury des Berliner Theatertreffens. Man kam, war entzückt – wohl von dem wie eine trutzige Märchenburg über dem stillen Ort zwischen zwei Seen thronenden Hotel und der Performance gleichermaßen – und traf eine ungewöhnliche Entscheidung: "Das Theater mit dem Waldhaus" wurde als eine der zehn besten deutschsprachigen Aufführungen zur vom 1. bis zum 18. Mai stattfindenden Bühnenleistungsschau in die Hauptstadt eingeladen, obwohl es dort nicht zu sehen sein kann. Man müsste das Hotel nach Berlin verpflanzen – oder einen Shuttleflug ins Nachbardorf St. Moritz organisieren.
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So bleibt der Genuss des Waldhaus-Theaters den in- und externen Gästen des Hotels vorbehalten, die das Glück hatten, Karten – 150 Franken inklusive Abendessen in der langen Pause – für eine der zwölf Vorstellungen zu ergattern: ein Luxusvergnügen in jedem Sinn. Die letzte Serie fand am vergangenen Wochenende statt – mit einer weiteren vorgeschalteten Premiere: Am "Tatort", in der großen Tennishalle, war unter Anteilnahme der gesamten Hotelbelegschaft von 145 Mitarbeitern eine Preview von Sarah Derendigers Film "Familientreffen" zu besichtigen: ein aus 100 Stunden Material destilliertes Making of der Aufführung, für das sich der scheue Regisseur zum ersten Mal über die Schulter hat blicken lassen; wobei er selbst, das entspricht seiner Arbeitsweise, kaum vorkommt.
Seinen Part übernimmt Jürg Kienberger, der wegen einer Knieoperation beim Stück pausieren musste. Vom Bett aus und auf Krücken munter durchs Bild humpelnd kommentiert der Mann an der Familienschnittstelle hintersinnig das Work in Progress, während man den Schauspieler Josef Ostendorf einen Tennisball ins Netz hauen sieht und den Sänger Christoph Homberger Léhars "Freunde, das Leben ist lebenswert" schmettern hört. Die meiste Zeit indes versinkt das Ensemble in den Waldhaus-Fauteuils oder liegt geschlossenen Auges auf dem Boden. "Ich bin fast davon überzeugt, dass ich niemals wach bin." Das umschreibt die einen eigenartigen Sog erzeugende somnambule Gemütslage in Marthalers leise gegen den Zeitgeist revoltierendem Theater der Entschleunigung recht genau. Einmal erhebt der Regisseur seine Stimme: "Das ist nur Kunstgewerbe." Vernichtenderes könnte er nicht sagen.
Aber: "Das Scheitern zieht uns hinan." Noch ein Satz in den vielen aus Prosa von Peter Altenburg und Karl Kraus, Walter Serner und Franz Kafka, Fernando Pessoa und Wolfgang Hildesheimer, Dieter Roth und Annemarie Schwarzenbach zusammengetragenen Sätzen, aus denen "Das Theater mit dem Waldhaus" entstanden ist. Er ist das Leitmotiv auch für eine Arbeit, die darin besteht, "wochenlang den Anfang zu wiederholen" (Kienberger). Wie aus dem Anfang schließlich doch ein Stück wird, aus Kunstgewerbe Kunst: Das kleine große Marthaler-Wunder hält der vom Schweizer Fernsehen und vom ZDF koproduzierte, leider nur 60 Minuten lange Film kongenial fest – und mit ihm wird man sich beim Theatertreffen begnügen müssen.
Im Hotel darf er als Vorgeschmack aufgefasst werden. Als Einstimmung. Am Tag darauf ist alles echt. Die auf ein Podest an die großen Fenster gestellten Sessel im Gesellschaftsraum des Waldhaus, von denen aus die Schauspieler die Zuschauer durch Sonnenbrillengläser wie ihre ins Skurrile verzerrten Spiegelbilder anschauen. Die Musik des Farkas-Trios, das hier immer noch jeden Tag zum Nachmittagstee aufspielt. Die Klavierklänge aus dem Speisesaal, "Isoldes Liebestod": Dahin zieht es sie, dahin muss sie, die hinreißende Sopranistin Rosemary Hardy, und man hört sie dann singen, wie aus weiter Ferne. Oben auf dem Berg. "La Haut sur la Montagne": So zart, so innig intoniert das Ensemble am Anfang diese Volksweise, es ist zum Weinen schön.
Dann sitzen sie da. Knistern – die Männer – synchron mit der "Zeit", richten – die Frauen – ihre Handtaschen. Schauen ins Leere. Tauschen die Plätze. Sagen Sätze wie: "Ich habe die letzten Monate damit verbracht, die letzten Monate zu verbringen." Oder: "Ich möchte ein Zimmer mit Aussicht auf Österreich". Oder: "Es gibt keinen Mann, der eine Frau für alle Liebhaber entschädigen könnte, die sie nicht erhört hat." Ueli Jäggi erklärt mit Heestersschal und -stimme, dass er 100 Jahre alt wird. Christoph Hombergers in die Lethargie hineinplatzende Léhar-Lebensfeier wird schnöde abgewürgt. Und dann singen sie zusammen "Sah ein Knab ein Röslein stehen", als ob es nimmer aufhören könnte, dieses sanft abgründige Lied.
Und was ist daran so toll? Schwer zu sagen. Man muss sich hineinziehen lassen in Marthalers Welt, die fast unheimlich stimmig auf die Waldhaus-Welt antwortet: ein Resonanzraum mit Widerhaken. Wie die Zeit stillsteht: Im Hotel, das seine Geschichte nicht verleugnet, ohne, oh Wunder, museal zu sein, in den Stücken des treuen Waldhaus-Gasts, die das Tempo aus dem gehetzten, vernutzten, vom Gesetz der ökonomischen Effizienz diktierten Leben nehmen. Hier kommt Marthalers Theater zu sich selbst. Die Erfolgsmenschen, die im Waldhaus Erholung suchen, werden mit der Sehnsucht nach dem Nichts(tun) bekanntgemacht und der aus Kindertagen rührenden Lust an der Subversion rationalen Handelns. Marthaler blickt auf die andere Seite der Aufklärung. Es ist ein verhangener, aber versöhnlicher Blick.
Und am Ende zischt und wummert das Geburtstagsfeuerwerk: Graham Valentine lässt mit dem Mund Raketen steigen und das Ensemble Medizinbälle fallen. So verrückt kann man Happy Birthday sagen. So einfach. So schön.
– "Familientreffen" (Regie: Sarah Derendiger) läuft am 3. Mai im Schweizer Fernehen SF 1 und am 16. Mai in 3 sat.
Autor: Bettina Schulte


