"Der Kirschgarten" nach Anton Tschechow in Freiburg

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 23. Oktober 2017

Theater

Amir Reza Koohestani inszeniert in Freiburg "Der Kirschgarten" nach Anton Tschechow.

An der Bar ist vor der Bar. Es ist ja vermutlich der pure Zufall, dass Amir Reza Koohestani sich einen heruntergekommenen Club als Schauplatz für die Uraufführung seines Stücks "Der Kirschgarten" nach dem gleichnamigen letzten Drama von Anton Tschechow ausgedacht hat. Doch Verwirrung gab es beim Vorab-Sichten der Premierenfotos schon: Hat sich das Ensemble einfach in die Passage 46 gestellt – jenes gescheiterte Clubprojekt, mit dem der Galerist Henrik Springmann die Vorgängerin des neuen Intendanten Peter Carp zu einem Joint Venture verführt hatte, das nach nur wenigen Monaten in die Insolvenz rutschte?

Nein, hat es nicht. Das Selfie, mit dem die überschuldete Familie um die Clubherrin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja lachend Abschied nimmt vom "Cherry Orchard" (deutsch: Kirschgarten), ist die letzte Erinnerung an die guten alten Zeiten, in denen Kostümbälle und hedonistische Mottopartys die Gäste anlockten wie Motten das Licht – bevor der Käufer, der wie bei Tschechow ebenfalls Lopachin heißt, Plexiglaswände mit abstrahierten Bäumen und giftgelbe Fässer mit dem Atomzeichen an die Stelle der abgeschabten Ledersofas stellen lässt (Bühne: Mitra Nadjmabadi). Die kleine Gesellschaft, früher mal eine Familie im utopisch erweiterten Sinn, nimmt es mehr oder weniger mit gleichmütigem Achselzucken hin, dass ihr Zuhause abgeräumt wird: Zuletzt werden die kirschrot leuchtenden Kugellampen – von denen drei ziemlich plakativ vorher abgestürzt waren – von der Decke genommen. Das kann mal schnell gehen mit dem Ende von etwas.

Sicher ist das auch der pure Zufall: Dass die Freiburger Intendanz von Peter Carp mit einem Stück eröffnet worden ist, in dem es um Abschied und Neubeginn geht. Und die Dinge liegen ja auch anders: Barbara Mundel ist nach elf Jahren abgelöst worden, weil jedes Theater nach gewisser Zeit Erneuerung braucht – selbst Castorfs Volksbühne in Berlin. Das Signal in Freiburg steht jetzt auf internationale Regiehandschriften: Die (männlichen) Regisseure und die Choreografin des Eröffnungswochenendes stammen aus Iran, Südafrika, Belgien und Frankreich.

Wobei der Fall bei Koohestani verwickelt ist: Der überwiegend in seinem Herkunftsland inszenierende Regisseur, zugleich ein Star der europäischen Theaterszene, hat Tschechows Text auf Farsi "überschrieben" – so nennt man die Neufassung eines Dramas der Weltliteratur, wie sie auch Simon Stone bei Tschechows "Drei Schwestern" in Basel vorgelegt hat –, Sima Djabar Zadegan hat das Ergebnis geschmeidig ins Deutsche übersetzt. Warum ihm das nötig erschien, erklärt Koohestani im Programmheft so: "Ich finde es zunehmend schwieriger, die eigene Sichtweise in ein Stück zu injizieren und dabei die originalen Dialoge des jeweiligen Dramatikers zu verwenden." Seinen Wunsch, "einen Text durch meine Interpretation ins Heute zu holen", dürften allerdings sämtliche Kollegen teilen – nur dass er bei ihm zum radikalen Eingriff in den Text selbst geführt hat.

Der Ton könnte

Tschechow gefallen haben

Das kann man als Anmaßung sehen. Aber selbst bei dieser Sichtweise muss man zugeben: Das funktioniert im Kleinen Haus des Theaters erstaunlich gut. Und wenn man Tschechows Unbehagen am Stanislawskischen Pathos der russischen Uraufführungen seiner Stücke dazunimmt, kann man sich vorstellen, dass ihm der Ton von Koohestanis "Kirschgarten" durchaus gefallen hätte. Es ist ein wunderbar beiläufiges, ganz untheatrales Alltagssprechen (mit Mikroports), das vor allem am Beginn für Lebendigkeit auf der Bühne sorgt – dank eines fabelhaften Ensembles, aus dem keiner hervorsticht, außer vielleicht Laura Angelina Palacios und Martin Hohner: Die Barfrau Dunjascha lässt sich von niemandem – außer von Jascha (Lukas Hupfeld), mit dem sie einen One-Night-Stand hat – die Butter vom Brot nehmen. Und der Aufsteiger Lopachin, vom schwulen Gajew (souverän: Holger Kunkel) verächtlich Blondie genannt, verfolgt sein Ziel mit einer Energie, die er sich vom koksenden Christoph Daum abgeschaut haben könnte.

Die Regie verwebt sie alle leichthändig miteinander, obwohl oder gerade, weil sie pausenlos aneinander vorbeireden und einander ins Wort fallen. Das geht so weit, dass der Zuschauer im Durcheinander der Stimmen nicht alles versteht. Koohestani sieht das Stück als "totales Chaos". Kann man so sehen. Was hält sie noch zusammen, die Cherry-Orchard-Crew und die Cherry-Orchard-Besitzer – außer der sentimentalen Erinnerung an Sternstunden im Club, die Gajew am Klavier mit Elton Johns "Rocket Man" heraufbeschwört? Vorbei. Vorbei auch deshalb, weil Anja Schweitzers Ranjewskaja im Club den größten Albtraum einer Mutter erlebt hat: Ihr siebenjähriger Sohn Grischa hat sich an einer Überdosis Kokain – den er für Puderzucker hielt – zu Tode vergiftet. Wie ein Geist irrlichtert sie durch die Szene: Ihren Ort auf Erden hat sie, einen Teddy im Arm und Gespräche mit ihrem Jungen im Kopf, längst verloren.

Koohestanis Inszenierung leuchtet präzise hinein in das soziale Gefüge und stellt die Frage: Was ist eigentlich eine Familie? Gehört Warja (Marieke Kregel) dazu, die taffe Stieftochter der Chefin, die wegen ihrer prekären Stellung die Bediensteten ausgrenzen will – oder hat Anja (Rosa Thormeyer) recht, die alle einladen will, über das Schicksal des Cherry Orchard zu beraten, selbst den alten Diener Firs, dem die Regie Originalverse von Tschechow in den Mund legt. Mit Hartmut Stanke gehört ein Schauspieler zum Freiburger Ensemble, der dem Dauertrend zu Jungkräften am deutschsprachigen Theater widerspricht. Das ist schön. Und schön auch, dass die Ära Carp im Schauspiel mit einem glücklich inszenierten Ensemblestück beginnt.

Weitere Termine: 28. und 31. Okt, 1. und 10. Nov. Kleines Haus, Theater Freiburg.