Der Ort, den es nicht gibt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 02. Februar 2015

Theater

Das Ensemble des Freiburger Theaters im Marienbad setzt sich mit "Kindheit" auseinander.

Wer Kind ist, weiß nicht, was Kindheit ist. Wer nicht aus ihm vertrieben wurde, weiß nicht, was das Paradies ist. Nicht, dass Kindheit mit jenem Zustand des selbstgenügsamen Glücklichseins zu verbinden wäre: Doch die Sehnsucht des Erwachsenen nach der Kindheit taucht diesen utopischen Zustand in der Rückschau oft genug ins Licht der Verklärung. Wenn sich das Freiburger Kinder- und Jugendtheater mit Kindheit befasst, mag es ihm zum 30-jährigen Bestehen zugleich auch darum gehen, die eigene künstlerische Arbeit selbstkritisch zu befragen. Wenn Erwachsene Kinder für Kinder spielen: Steckt im Glauben, sich in Kinder hineinversetzen zu können, nicht immer auch ein bisschen Anmaßung? Oder ist es so, dass wir alle – mehr oder weniger – das Kind in uns nicht verlieren; dass sich frühe Erfahrungen von Liebe oder Angst, Freude oder Hass in die Körper und die Seelen einschreiben und man sie im Erinnern vergegenwärtigen kann?

Solche Fragen haben sich die Mitglieder des Ensembles womöglich gestellt, während sie mit dem in Freiburg lebenden Autor David Lindemann auf die Suche nach der (verlorenen) Kindheit gingen. In einem langsamen Prozess ist aus der Expedition in die eigene – und vielleicht auch: gemeinsame – Vergangenheit ein Stück entstanden, das in der Regie von Stephan Weiland und der Choreographie von Gary Joplin jetzt Premiere hatte. Man muss diese beiden auf Augenhöhe nennen: Denn die Sprachen des Körpers und des Bewusstseins sind in dieser Produktion so eng verzahnt, dass die eine ohne die andere nicht sein könnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Tänzer Salim Ben Mammar, der das Marienbad-Ensemble verstärkt, eine fulminante physische Präsenz entwickelt. Da der gebürtige Algerier seine ungemeine Wendigkeit beim Parkour – der Kunst, sich in Städten zu bewegen, ohne den Boden zu berühren – geschult hat, scheint er auch auf Bernhard Otts großartiger Bühne überall gleichzeitig sein zu können; sie kommt wohl bewusst seinen Fähigkeiten entgegen.

Der Bühnenbildner hat ins Marienbad einen realistischen Hinterhof aus den 1950/1960er Jahren hineingebaut: links ein paar Stufen zum Eingang eines Hauses, rechts eine Art Tisch vor den Fenstern einer Werkstatt, an der Rückwand eine Feuerleiter mit Gestänge: jede Menge Möglichkeiten, den erstaunlich hohen Raum nicht nur horizontal, sondern auch vertikal zu durchmessen. "Hat Spaß gemacht", wird Salim Ben Mammar ganz am Ende sagen, nachdem er mit seinen Zebraschuhen die Erdanziehung immer wieder überlistet hat.

Es gibt einiges zu lachen an diesem Abend

Die fröhliche Leichtigkeit, die der Tänzer versprüht, strahlt auf das gesamte Ensemble aus. Es gibt einiges zu lachen an diesem Abend, der doch auch von Ängsten und Nöten, von Scham und von kindlicher Lust an der Gewalt handelt. Die Eltern, die Erwachsenen, kommen interessanterweise nur am Rande vor. Erzählerisch ist "Kindheit" nicht: assoziativ, episodenhaft, fragmentarisch. Erinnerungssplitter runden sich nicht zu Geschichten. Schwer zu beschreiben, was "Kindheit" ausmacht. Wünsche, Träume, Phantasien, gefasst in einzelne, vereinzelte Sätze. Hier eine kleine Begegnung, dort – im Haus – ein Telefongespräch. Sichtbares und Unsichtbares. Einmal stellt sich Daniela Mohr, die ihre Haare zum Dutt getürmt hat, vor, sie sei eine Indianerprinzessin: Und alle anderen heben sie hoch und lassen sie fliegen. Einmal ist Renate Obermaier mit runder Brille so etwas wie eine Therapeutin. Doch ihre Versuche, den anderen ihre Kindheitsängste bewusst zu machen, laufen ins Leere. "Langweilig", stöhnt Nadine Werner mit Monsterkellerstimme und rammt mit ihrem Kopf an riesiges Sitzkissen an die Wand. Einmal macht Dominik Knapp einen auf mutig und tut so, als wolle er von oben auf die Sitzkissenlandschaft, die auch als kollektive Schlafstätte dient, springen. Doch er klettert dann hinunter auf den Boden und lässt sich nur sanft fallen. Einmal erzählt Dietmar Kohn, wie er mit seinen Eltern in ein Hähnchenrestaurant ging und die Eltern dann das Vesper auspackten.

Kindheit, so die Erkenntnis des Stücks, lässt sich nicht fassen – eher als in Sprache noch in pantomimischen, körperlichen Aktionen. Beide Ausdrucksformen in dem geheimnisvollen Bühnenkasten organisch zu verbinden, ist der Inszenierung ganz wunderbar gelungen. Das Duo Stephan Weiland und Gary Joplin knüpft mühelos an seine gemeinsame Daniil-Charms-Produktion an. Hat Spaß gemacht. Sehr viel Spaß. Ob es den Kindern von heute auch so geht, wird sich zeigen.
– Weitere Aufführungen: 3., 4., 6., 7., 8. Februar. BZ-Karten-Service (bz-ticket.de/karten oder Tel. 0761/4968888).