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17. Dezember 2015

Theater Freiburg

Ein Tanzprojekt mit Parkinsonkranken

BZ-INTERVIEW mit Josef Mackert und Monica Gillette vom Theater Freiburg über ein Langzeitprojekt mit Parkinsonkranken.

  1. - Foto: Rainer Muranyi

  2. Josef Mackert Foto: Michael Bamberger

  3. - Foto: Muranyi

Das Theater Freiburg hat gemeinsam mit dem Exzellenzcluster "Brainlinks-Braintools" der Universität Freiburg, der Company der Choreografin Yas- meen Godder in Tel Aviv und sechs neurowissenschaftlichen Instituten in Israel ein Langzeitprojekt entworfen, das sich mit Bewegung und Bewegungsstörung bei Menschen mit Parkinson befasst. Auf einem zweitägigen Kongress geben Tänzerinnen, Wissenschaftlerinnen und Menschen mit Parkinson Einblick in ihre Zusammenarbeit. Josef Mackert, Chefdramaturg des Theater Freiburg, und die Tänzerin Monica Gillette erklären Jürgen Reuß, worum es geht.

BZ: Frau Gillette, Herr Mackert, was macht für Sie den Reiz aus, sich als Theaterleute zwei Jahre lang mit dem Phänomen Parkinson zu befassen?
Monica Gillette: Normalerweise ist meine Arbeit als Tänzerin darauf ausgerichtet, etwas auf der Bühne zu präsentieren. In unserem Projekt geht es nicht darum, Körperbewegungen auf eine bestimmte Wirkung hin zu perfektionieren. Durch die Begegnung mit Parkinson habe ich es mit ganz anderen Bewegungsmustern zu tun. Indem ich diese Bewegungen aufgreife, wird mein Körper zum Forschungsinstrument, einem Seismographen dafür, wie Parkinsonbewegungen meine Haltung, mein Fühlen, mein Denken verändern.

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BZ:
Die Künstlerin wird zur Forscherin?
Gillette: Ich profitiere davon, dass wir mit der Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes als Tänzerinnen und Choreografen Expertinnen für das geworden sind, was international in Philosophie und Neurologie unter "embodied cognition" diskutiert wird: Die Überlegung, dass wir unser "Selbst" bis in neuronale Strukturen hinein über Verkörperung, Bewegungsabläufe und leibliche Selbstwahrnehmung formen.

BZ:
Was bedeutet das für die Arbeit mit Menschen, die an Parkinson erkrankt sind?
Josef Mackert: Sie sind keine Patienten, sondern Partner in einem künstlerischen Projekt, in dem nicht ihre Bewegungsstörung, sondern ihre Bewegungsmöglichkeiten im Zentrum stehen.
Gillette: Die englische Bezeichnung PD für Parkinson’s Disease übersetzen wir als Parkinson’s Dancer.
Mackert: Schon dieser Schritt verändert sehr viel. Wir sind es gewohnt, Krankheit als Störfall zu betrachten, als Defekt, der von Medizin und Wissenschaft wenn möglich zu beheben ist. Das kann auch die Selbstwahrnehmung der Menschen mit Parkinson prägen, deren Bewegungsstörung tendenziell zunimmt. Sie ziehen sich zurück, fügen sich, hadern mit sich und ihrem Schicksal.

BZ:
Und das können Sie durchbrechen?
Mackert: Zum Teil. Das beginnt schon damit, dass die Tanzklassen im Theater oder im Museum für Neue Kunst stattfinden. Es ist ein großer Schritt für Menschen, die sich eher als limitiert, ausgegrenzt und vereinzelt beschreiben, ihren Körper mit wieder erweckter Neugier in einem öffentlichen, von der Gesellschaft geachteten Raum erproben zu können.

BZ:
Betrachten Sie Ihre Arbeit denn als eine Art Therapie?
Mackert: Nein, auch wenn diese Tanzklassen unbestreitbar therapeutische Effekte haben. Die sind gewünscht, damit beschäftigen wir uns und darüber reden wir auch, aber unser Anliegen ist ein anderes.
Gillette: Es geht darum, dass alle Beteiligten sich außerhalb ihres gewohnten Umfelds auf Augenhöhe begegnen und Lust darauf haben, gemeinsam etwas Neues zu entdecken. Wir haben nicht nur eine Tanzklasse für die Parkinson’s Dancer, sondern auch für die jungen Wissenschaftler. Wenn die Forscher mit ihren Messgeräten etwas über die Tanzklasse der Menschen mit Parkinson erfahren möchten, müssen sie schon mittanzen. Sich auf einen Beobachterposten zurückzuziehen geht nicht. Wir reflektieren dann gemeinsam bei der anschließenden Tee-und Gebäckrunde.

BZ:
Verändert das Projekt auch die Perspektive der Forschung?
Gillette: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Für die Forschung müssen die Patienten je für sich allein bestimmte Bewegungen ausführen. Wir haben beim Tanzen entdeckt, dass viele in der Gruppe gemeinsam Bewegungen ausführen können, zu denen sie allein nicht in der Lage sind. Ein Phänomen, das für Tänzer und Forscher gleichermaßen interessant ist.

BZ:
Tatsächlich?
Gillette: Ja. Als die Enkelin eine unserer Tänzerinnen fragte, ob sie sich zu ihr auf den Boden setzt, wollte sie aus Gewohnheit schon ablehnen, erinnerte sich aber an das gemeinsame Herumrollen auf dem Boden in der Tanzklasse und probierte es einfach aus.
Mackert: Dabei ist weniger entscheidend, ob das Probierte dann auch klappt, als die selbstbewusste Haltung, den Versuch ganz selbstverständlich zu unternehmen.

BZ: Gilt das auch für die Forscher?
Mackert: An solchen Erfahrungen teilzuhaben, lässt den Blick auf unseren Umgang mit Krankheit und die Rolle der gewohnten wissenschaftlichen Distanz nicht unverändert.
Gillette: Nicht allein mit dem Kopf, sondern im Tanz mit dem Körper zu denken, verändert das Forschungsinteresse.

Störung/Tanz Wissenschaft Parkinson. Abschlusstagung des deutsch-israelischen Kunst- und Wissenschaftsprojekts zu Bewegung und Bewegungsstörung am 18. und 19. Dezember Theater Freiburg. Zum Einstieg empfehlenswert: 18. Dezember 14 Uhr, Kleines Haus: Dokumentarfilm zum Projekt; 15 Uhr, Winterer-Foyer: Vortrag von Eilon Vaadia, Jerusalem über "The Brain-Mind Problem".

Autor: jre