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27. März 2017

Depot Erbe I

Freiburger Museum für Neue Kunst: Im Archiv der Empfindungen

DEPOT ERBE I: Eine Ausstellung mit zwölf Installationen bringt Choreografen ins Freiburger Museum für Neue Kunst.

  1. - Foto: Maurice Korbel

Das hat es noch nicht gegeben: Der Tanz verlässt die Bühne und geht ins Museum. Was will er dort, wo das Stillgestellte, die materielle Kunst zu Hause ist? Anne Kersting, künstlerische Leiterin der Tanzsparte am Freiburger Theater, hat zwölf Künstler, die allermeisten davon Choreographen, eingeladen, sich im Rahmen des als Ideen- und Finanzgeber fungierenden Projekts "Tanzfonds Erbe" der Bundeskulturstiftung mit der Frage des Erbschaft auseinanderzusetzen: Wie und was vererbt sich von einer Kunst, die man nicht greifen kann?

Für fünf Wochen sind dafür Räume des Museums für Neue Kunst an die vergeben, die sonst auf der Bühne stehen. Getanzt wird überwiegend trotzdem nicht: In Adaption an museale Präsentationen haben die Choreografen installativ gearbeitet – kein Wunder, dass bei der sehr gut besuchten Vernissage am Samstag Abend auch die Freiburger Kunstszene vertreten war. Das darf die Ausstellung "Depot Erbe" als ersten Erfolg verbuchen: Wenn sich die Genres mischen, ist das in der Regel schon produktiv. Wenn aber auch das Publikum aus seiner Special-Interest-Ecke herauskommt: umso besser! Und – auch das – der "normale" Theaterbesucher folgt einem Ritual: Erst zuschauen, dann reden. Bei einer Vernissage passiert beides zugleich. Das kann man auch als Befreiung erleben.

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Dabei haben die versammelten Arbeiten naturgemäß die ungeteilte Aufmerksamkeit des Betrachters verdient. Es braucht aber einige Zeit, um sich ihnen zu widmen. Zum Beispiel Olga de Sotos Videoinstallation "Debords – Regards sur la table verte". Die spanische Choreografin hat sechs Jahre lang hin tatsächlich 1080 Menschen befragt, die Zeugnis über ihre Erfahrung mit Kurt Jooss’ weltberühmter Choreografie "Der grüne Tisch" ablegen konnten. Das Stück hatte 1932 in Paris Premiere. Jooss, der Begründer des Tanztheaters und der Essener Folkwangschule und der Lehrer von Pina Bausch, emigrierte mit seiner Compagnie 1933, weil er nicht ohne seine jüdischen Tänzer arbeiten wollte. Den "Grünen Tisch" zeigte er in diesen Jahren vor allem in England und in Chile: Und alle, die im MNK jetzt zu Wort kommen, schildern ihre überwältigenden Gefühle. Nach all den Jahren, die vergangen sind, klingt das so, als ob sie den "Grünen Tisch" eben erst gesehen hätten – die einen als ein Antikriegsstück, die anderen als zeitlosen Totentanz. Es ist ergreifend und faszinierend, die erschütternde, für einige von ihnen sogar lebensverändernde Wirkung dieser Erfahrung von Kunst in den Gesichtern der überwiegend sehr alten Interviewpartner de Soto aufleuchten zu sehen.

Mit Videoaufnahmen arbeitet auch Josep Caballero García, der Menschen nach ihrem ersten Kuss befragt hat: ein Erlebnis, das sich wohl in jeden Körper tief einschreibt. Der Künstler, der mit seiner Arbeit bis zum 2. April anwesend ist, hat außerdem zwei Beine eines Tischs in einen Lehmhaufen gestellt: Aus dem Material, in das man während des Gesprächs mit ihm greifen kann, kann man Gegenstände formen, die auf Stellagen gesammelt werden. In einem mit weißen Schaumstoffnoppen wie eine Studiokabine ausgepolstertem Kabinett für einen Zuhörer hat Jochen Roller seinen Beitrag "The Church of Performance Art" platziert: Die sehr ironische Erzählung, die man in der abgedichteten Zelle zu einer Easy-Listening-Musik zu hören bekommt, spielt im Jahr 2045. Aus Langeweile und Überdruss am Dasein errichten Unterbeschäftigte Kirchen der Performancekunst: "Meine Videos liegen im zweiten Regal, oben rechts".

Eine zurückhaltende, aber sehr eindrucksvolle Arbeit stammt von David Weber-Krebs. Zu der über eine gute alte Vinylschallplatte eingespielten Beschreibung des im Vatikanmuseum hängenden Bildes "Das irdische Paradies" sieht man an der Wand gegenüber keineswegs eine Kopie dieses Gemäldes, sondern ein Foto, das in erschreckender Weise den Raubbau am brasilianischen Regenwald demonstriert. Ivana Müllers im größten Raum aufgebaute Installation "Notes" besteht hauptsächlich aus kopierten, mit Anmerkung versehenen Buchseiten: Sieben Leser und Leserinnen haben Daniel Heller-Roazen Essaysammlung "Echolalien – Über das Vergessen von Sprache" von Hand zu Hand und Hirn zu Hirn gegeben: So teilt man den intimen Akt des Lesens und macht aus ihm eine Geste der Freundschaft. Die von zwei Freiburger Schauspielern gelesenen Texte kann man über Kopfhörer hören. Das Buch geht, eine sinnige Geste, in den Besitz der Stadtbibliothek über.

In die Stadt Freiburg hinaus greifen zwei Arbeiten: Für "The Hidden Choreography of Daily Live" hat das britische Künstler-Duo plan b über mehrere Tage die Wege einiger Bewohner per GPS aufgezeichnet. Im Kinoraum des Museums werden sie als poetisches Liniengewirr mit klaren Knotenpunkten sichtbar. Am politischsten ist die Installation der Performance-Gruppe Ligna. In ihrem "Audio-Guide für unfreiwilliges Erbe" haben sie die Stimmen Toter und Lebender um die alarmierende Frage versammelt, ob der europäische Faschismus ein Wiedergängermodell ist. Um diese Stimmen über QR-Codes abzurufen, muss man einen Parcours durch die Stadt absolvieren.

Es lohnt über die Maßen, sich mit "Depot Erbe" auseinanderzusetzen. Weitere Künstler stoßen in den nächsten Tagen dazu: So auch Joanne Leighton, die ihren mit dem Salz ihrer Freiburger Uraufführung "6000 Steps" ausgelegten Raum beleben wird.

Museum für Neue Kunst, Freiburg, Marienstr. 10a. Bis 1. Mai, Di bis So 10-17 Uhr.

Autor: Bettina Schulte