Depot Erbe

Freiburger Theater: Im Echoraum

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Mo, 27. März 2017

Theater

DEPOT ERBE II: Eine Tagung führte im Freiburger Theater ins Projekt ein und streifte auch die lokale Erinnerungskultur.

Erbe und Depot sind keine Paarung, die aus eigener Anziehungskraft zueinander fände. In diesem Fall ist die Bundeskulturstiftung Kupplerin. Seit sie das Programm Tanzfonds Erbe aufgelegt hat, haben Choreografen Werke rekonstruiert und sich mit den eigenen Wurzeln befasst. Am Theater Freiburg ist man die Sache diskursiver angegangen und hat sich mit dem Museum für Neue Kunst zusammengetan. Die interdisziplinäre Tagung "Erbe sein – Erbe haben" eröffnete am Samstag im Winterer-Foyer das Projekt "Depot Erbe" als "Warm up", so die Leiterin der Freiburger Tanzsparte Anne Kersting.

Dass nicht die Sammlung, sondern das häufig so ungeliebte Depot Teil des Begriffspaars wurde, verwundert ein bisschen. Zugleich machte die Freiburger Historikerin Cornelia Brink darauf aufmerksam, dass man vor wenigen Jahren noch ganz selbstverständlich von Erinnern und Gedächtnis gesprochen hätte. Ihre Frage, was der Begriff Erbe neu und anders erschließen könne, dürfte noch breiter diskutiert werden. Die Tagung gab eine vorläufige Antwort: Sie bezog nicht nur Künstler und Kulturwissenschaftler ein, sondern auch Ökonomen und Genetiker. Allerdings, so ganz geübt ist man noch nicht im gemeinsamen Dialog, zumal die drei Panels zu groß waren, so dass vielversprechende Denkansätze nicht aufgegriffen wurden.

Es oblag dem luxemburgischen Wirtschaftswissenschaftler Guy Kirsch, die Veranstaltung zu eröffnen. Der 1938 geborene Kirsch ist so etwas wie der agent provocateur der Generation Erbe, indem er für 100 Prozent Erbschaftssteuer plädiert. Er zeichnete das krisenhafte Bild einer Gesellschaft, in der der Erfolg des Populismus Ausdruck eines Unbehagens an einer "ungleichen Verteilung" sei. Kirsch wirbt für einen Fonds, in den Erbschaften eingehen und aus dem alle gleich große Summen erhalten sollen. Könnte jetzt also mit einiger Verspätung die Feudalgesellschaft enden?

Vielleicht – Kirsch ist jedoch zu sehr Ökonom, um zu bedenken, dass Erben mehr ist als der Geldtransfer von einer Generation zur anderen. Wie identitätsstiftend und emotional das Weitergeben von Familienbesitz ist, ob wertvoll oder nicht, klammert Kirsch aus. Was sein Vortrag aber auch deutlich machte: Erben betrifft die Gemeinschaft. Nicht allein, indem es soziale Ungleichheit fortschreibt, sondern indem wir alle entscheiden, was an die Nachkommenden tradiert wird, wie wir uns Kultur aneignen oder wie wir es mit dem Nationalismus halten.

Im Folgenden ging es um die Teilhabe an einem kulturellen Erbe und wie Schuld und Traumata die Leben der Nachgeborenen berühren. Die Epigenetikerin Tanja Vogel etwa berichtete von Hungerwintern in den im Zweiten Weltkrieg besetzen Niederlanden, die sich auf die Enkel als höheres Risiko von Übergewichtigkeit auswirken. Schriftsteller, so trug Annette Pehnt aus der Sicht der Autorin bei, stiften ein Erbe, ohne den Erben zu kennen und wollen Spuren hinterlassen.

Es scheint, als bräuchte jede Weitergabe doch zwingend ein Objekt. Die Performancegruppe Ligna wäre ein Gegenbeispiel. Das dreiköpfige Künstlerteam produzierte für die Ausstellung den "Audioguide für unfreiwilliges Erbe", der sich über QR-Codes abrufen lässt. Er führt auch zum Platz der Synagoge und greift den Umgang mit den verbrannten Grundmauern auf. Ligna-Mitglied Ole Frahm erinnerte daran, dass während des Novemberpogroms im Jahr 1938 die Freiburger Feuerwehr vorsorglich die umstehenden Gebäude wässerte, die brennende Synagoge aber nicht löschte. Muss man es also nicht mit Frahm zynisch nennen, wenn ausgerechnet der Platz der Synagoge durch einen Brunnen geflutet werden soll? "Es kann passieren", griff Cornelia Brink das Beispiel auf, "dass im Prozess des Erinnerns das Gegenteil passiert und etwas zum Vergessen gebracht wird." Was sich daraus schließen lässt: Erben hat immer auch mit Verantwortung zu tun.