Uraufführung am Theater Freiburg

Das Nibelungenlied: eine Gemeinschaftsproduktion

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 22. Oktober 2018 um 20:19 Uhr

Theater

Der slowenische Regisseur Jernej Lorenci hält nichts von Alleingängen: Gemeinsam mit dem Ensemble des Freiburger Theaters entstand als Work in Progress eine Adaption des Nibelungenlieds.

Man kann eine Erzählung auf die Bühne bringen, indem man sie in dramatische Handlung verwandelt. Oder man belässt es bei der narrativen Struktur. Der slowenische Regisseur Jernej Lorenci hat sich bei der in 35 Proben gemeinsam mit dem Ensemble des Freiburger Theaters erarbeiteten Adaption des Nibelungenlieds für die zweite Möglichkeit entschieden: Keine Spielszenen im mit einem niedrigen Podest, einer Festtafel und einigen Tasteninstrumenten spärlich möblierten Großen Haus, keine Dialoge. Sondern: eine lange Reihe von Soloauftritten der Schauspieler, miteinander verbunden durch einen Erzähler (Henry Meyer, dem das Ensemble nach der Premiere zum 30-jährigen Bühnenjubiläum gratulierte). Er beobachtet das "Geschehen" meist vom Bühnenrand aus, gelegentlich durchmisst der schmale Schauspieler mit weiter Hose und ungewöhnlichen Schuhen auch den Ort der "Handlung", die mit wenigen Requisiten – zwei Melonen, einigen immer wieder mit Rotwein gefüllten Gläsern – angedeutet bleibt.

Es ist die radikale Dekonstruktion eines Heldenepos zu erleben. Der sagenhafte Siegfried von Xanten (Martin Hohner), der nach Worms zieht, um die Burgunden-Königstochter Kriemhild zu freien, ist die Leerstelle der vierstündigen Aufführung, die Lorenci und sein Dramaturg Matic Starina vor Ort mit dem Ensemble als Work in Progress erarbeitet haben: dümmlich grinsend unterm gestylten Blondschopf und sehr lange bis auf ein paar begriffsstutzige Grunzer sehr stumm. Als er endlich die Stimme erhebt, kommt gurgeliges Gegröhle aus seiner Kehle: Siegfried protzt damit, wie viele Eber – zwanzig! – er auf der für ihn inszenierten Jagd erlegt hat, an deren Ende er von Hagen hinterrücks ermordet wird. Bei König Gunther, dem Bruder seiner Frau, war es nur ein erbärmliches Füchslein. Und dann schleicht auch noch ein Löwe durch den Wormser Wald: Dem hat unser Held natürlich den Kopf abgeschlagen. Ein unangenehmer Aufschneider, der noch seinen durchtrainierten schwitzenden Oberkörper entblößt, bevor ihn Hagens Speer trifft und er in den wuchtigen Sarg verfrachtet wird, den der Meisterstratege der Burgunden schon mal auf die Bühne gerollt hat.

Nicht ohne

ironischen Witz

Ist es schade um ihn? Wohl kaum. Warum sich gleich zwei Frauen nach diesem Würstchen verzehren, will nicht recht einleuchten. Offenbar sind beide einem Mythos anheim gefallen. Den schildert Janna Horstmanns Kriemhild so: Kaum sei Siegfried in Worms erschienen, hätten sich ihre Frauen hysterisch gebärdet. Sie selbst habe sich dem Helden erst mal entzogen, ihn von fern aus dem Fenster beobachtet. Doch als sie ihm dann auf einer Entfernung von 15 Metern gegenüberstand, sei es auch um sie geschehen gewesen. Das ist recht anschaulich und nicht ohne ironischen Witz erzählt. Es ist so, dass die Darsteller und Darstellerinnen ihre Texte hauptsächlich selbst erarbeitet haben. Ab und an strahlen von fern einige Verse aus den 2400 Strophen der 39 Aventüren des Nibelungenlieds herein. Doch hier interessiert einzig der Stoff. Und der ist ja auch nicht ohne: Krieg und Macht und Mord und Liebe und Verrat.

Da Siegfried ein Totalausfall ist, Gunther (Tim Al-Windawe) und seine Brüder Gernot (Victor Calero) und Giselher (Lukas Hupfeld) als schmalbrüstige Langweiler in engen Abendanzügen weiter nicht in Betracht kommen, hat Hagen in Freiburg freies Feld. Michael Witte, der überragende Schauspieler des Abends, nutzt die Gelegenheit in grandioser Manier: Seine Erzählung der vierten Aventüre, des Krieges der Burgunden gegen die Sachsen und Dänen, gerinnt zum Schreckensbericht über Plünderung und Vergewaltigung. Über entfesselte männliche Gewalt. Wenn Witte eine unschuldige Melone packt und sie auf den Boden knallt, dass das blutrote Fruchtfleisch herausquillt, ist das eine minimalistische Handlung mit großem Effekt. Seine Schilderung der Gemetzels an Etzels Hof, als Kriemhild grausam Rache nimmt für den Mord an Siegfried, ist ein nihilistisches Delirium der Vernichtung, in dem sich Mordlust mit sexueller Erregung paart.

An dieser Stelle ist der Aufführung der ironisch distanzierte Umgang mit dem Epos längst abhanden gekommen. Immerhin darf Holger Kunkel, der drei Stunden lang den Komparsen gegeben hat, als elegischer König Etzel nun endlich auch mal sprechen. Nicht nur den Zuschauern, auch den Schauspielern wird gegen Ende der straffungsfähigen Aufführung einiges an Geduld abgefordert: zu viel Leerlauf auf der Bühne, bevor das finale Zerstörungswerk, bei dem Kriemhild erstarrt ausgerechnet in einer Kirchenbank sitzt, vollendet ist.

Brünhild ist da, entgegen der mittelalterlichen Überlieferung, längt schon tot: zu Siegfried in den Sarg gestiegen. Eine Anleihe bei Richard Wagner? Man versteht es nicht recht. Bis zu diesem Augenblick ist alles gut nachvollziehbar. Die starke Laura Angelina Palacios erzählt im zartblauen Chiffonnachthemd – warum dieses Kostüm? – , wie Brünhild in Island als eiserne Jungfrau zum Wohl aller herrscht: Sie ist das Gegenbild zu den verkommenen Burgunden, die, so Brünhild, aus purer Langeweile ihre Aggressionshormone wieder zum Kreisen bringen. Frieden ist anscheinend nichts für Männer. Leider wird diese großherzige, solidarische Frau, die das lange Haar schützend um ihre Insel legt, von einem Mann mit – igitt – "milchiger Haut" im Dreikampf besiegt. Das kann natürlich nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Weshalb sie den König in der Hochzeitsnacht an den Nagel hängt. Die Szene stellt der klägliche Gunther sehr schön pantomimisch dar: mit eingeklemmtem Unterleib, der Schwächling, der nichts zu tun gehabt haben will mit Siegfrieds Ermordung.

Es gibt sehr starke Szenen in dieser Uraufführung. Zu loben ist die kollektive Auseinandersetzung, das Ringen mit dem Stoff. Zu fragen ist allerdings, ob aus einer Anzahl einzelner Auftritte eine übergreifende Regieidee abzulesen ist. Es scheint nicht so zu sein.

Weitere Aufführungen: 26. Oktober, 2., 4., 11., 18 November.