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02. Februar 2016

Frisch, frech, berührend

Sascha Flocken inszeniert das Projekt "Mehrheitsgesellschaft" am Theater Freiburg.

  1. Ein Schmelztiegel: „Mehrheitsgesellschaft“ am Theater Freiburg Foto: Maurice Korbel

Gleich kommt sie, die Lebenserfahrungs-Avantgarde des Global-Glamrocks, in monatelangen Auswahlverfahren zusammengecastet, um Deutschland auf der Weltmusikbühne zu repräsentieren! Aber werden sich ihre Mitglieder auch als Bandfähig erweisen? Das fragt sich nicht nur "Showschlepperin" Bernadette la Hengst, die E-Gitarre ganz lässig über dem roten Glitzerhosenanzug geschultert.

Schließlich ist die Zusammenstellung dieser Band, gelinde gesagt, bedenklich: Die einen sind Senioren über 65, nennen sich "die Methusalems" und machen seit rund fünfzehn Jahren ambitioniertes Theater, die anderen haben sich "Bordercrossers" getauft und sind junge Geflüchtete aus Syrien, Iran, Irak, Nigeria und anderen Ländern. Aber so ist sie nun mal, unsere Welt der Zukunft: überaltert und überfremdet. Jetzt feierte ihr Projekt "Mehrheitsgesellschaft" unter der Regie von Sascha Flocken in der Kammerbühne des Freiburger Theaters rauschende Premiere.

Besonders gut läuft es erst mal nicht in Sachen Generationen- und Völkerverständigung. Zwei Türen führen auf die leere, mit weißem Stoff ausgeschlagene Bühne, durch jede ergießt sich ein Wust aus Vorurteilen: Alte Leute sind langsam, faul, schwer von Begriff und überhaupt komplett unsexy, so die Meinung der Jungen; die Alten dagegen beschweren sich über diese bescheuerte Gutmensch-Theateridee, finden Flüchtlingsprojekte sowieso inflationär und die Probenarbeit mit diesen Ausländern chaotisch und mühsam. Die können ja nicht mal Deutsch! Ruckzuck verpuffen ihre Argumente, wenn sie dann wie ein Häufchen hinfälliger Altersheimbewohner von den Fremdlingen auf die Bühne geschleppt werden. Wer ist hier also bitte auf wen angewiesen?

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Jede Sequenz ist spannend

Zeit für eine Versöhnungsaktion, am besten ein Volkslied: "Ich armes welsches Teufli" schmettert es vielstimmig und in beeindruckendem Kanon von der Bühne, das Publikum trällert gut gelaunt mit. Doch nun gibt es schon wieder Zoff: Nazilieder singe er nicht, äußert einer der Methusalems, dann doch lieber den gemeinsam mit Bernadette la Hengst geschriebenen Rocksong "Stop you devil". Euphorisiert einigt sich die Band auf den neuen Slogan "Deutschland, wir schaffen das ab!", dann aber verlesen die Jungen rassistische Hasskommentare von ihren Smartphones und verlassen geschlossen den Raum: Hier wollen sie nicht bleiben. Und nun? Alte und neue Fluchtgeschichten, Identitätssuche, Lebenswege und Biografiebrüche – all das bringen die 27 Spielerinnen und Spieler als knackige Statements mit ungeheurer Energie und Präsenz vielstimmig auf die Bühne: Jede Sequenz ist spannend, jede bietet neue Eindrücke und neues Denkfutter, ohne Ironie und Spielwitz zu verlieren.

Dank der mitreißenden Songs von Bernadette la Hengst wie "Who am I?"oder "I dance into my future" wird daraus eine Art Multi-Kulti-Party mit Tiefgang und Vitalität, vor allem aber mit einer Vision: Hier transportiert sich die Freude an Vielfalt und Austausch wirklich, springt mühelos über.

In der Passage ist dann der Kommunikationsraum auch für das Publikum eröffnet: An von Methusalems und Bordercrossers moderierten Tischen wird über Themen wie Schönheit oder Geschichte erzählt, zugehört und diskutiert, nach sieben Minuten wechseln die Gesprächsgruppen. Frisch, frech, lustig, berührend – auch das können Theaterprojekte mitten aus dem gesellschaftlichen Schmelztiegel sein...

Weitere Vorstellungen: 5., 7. und 13. Februar um 18 Uhr, 10., 18., 26. und 27. Februar um 20 Uhr. Kammertheater. Info: Tel. 0761/4968888.

Autor: Marion Klötzer