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16. Oktober 2017

Freiburg

Im Marienbad inszeniert Stephan Weiland Charms' "Reise nach Brasilien"

Stephan Weiland inszeniert im Freiburger Marienbad Daniil Charms’ "Reise nach Brasilien".

  1. Luftig unterwegs: Daniela Mohr, Christoph Müller und Dominik Knapp Foto: Marc Doradzillo

Der Titel ist so lang, wie die Geschichte kurz ist. Er lautet: "Die Reise nach Brasilien oder Wie Kolja nach Brasilien flog und Petja ihm nichts glauben wollte". Die Geschichte stammt von Daniil Charms, der unter Stalin verfolgt, für geisteskrank erklärt und in einem Leningrader Gefängnis während der Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht im Februar 1942 an Unterernährung starb. Veröffentlichen konnte Charms in der Sowjetunion nur noch Kindergeschichten. Überliefert ist, dass er die Kinder verzauberte, obwohl er kein Kinderfreund war.

Dass das Freiburger Theater im Marienbad den Zauber des großen Dichters zum zweiten Mal wiederbelebt, kann man nicht genug rühmen – vor allem, wenn das so glückt wie in dieser Inszenierung von Stephan Weiland, der auch schon bei der ersten Charms-Adaption ("Zwischenfälle", 2012) die Finger im Spiel hatte. Unvergessen bleibt das Gespräch mit dem knapp zwei Jahre später gestorbenen Charms-Übersetzer Peter Urban, der den genialen Sprachspieler, den dadaistisch-surrealistischen Poeten des Alltags in Deutschland seit den 70er Jahren bekannt gemacht hatte.

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Im Bauch des Marienbads, im Kesselhaus, schwebt eine rechteckige Rasenfläche über dem Boden. Sie ist ziemlich viel auf einmal: mindestens aber Flughafen und Flugzeug zugleich. Denn Kolja hat es sich in den Kopf gesetzt, nach Brasilien zu reisen. Und das geht nur mit einem Flugzeug, das er sich mal eben ausleihen will, schließlich hat er Bekannte am Airport. Hat er nicht, sagt Petja. Nein. Doch. Nein. Doch! Kolja und Petja, die sich stets streiten, sind im Marienbad zu dritt: Daniela Mohr, Dominik Knapp und Christoph Müller belauern einander wechselseitig und stellen die Glaubwürdigkeit des anderen in Frage. Was ist Wirklichkeit, was Fantasie? Wer will das schon wissen.

Am Anfang tänzeln diese Drei beiläufig stumm umeinander herum, schnippen mit den Fingern, zeigen dem nah um sie sitzenden Publikum Zaubertricks und lassen Kugeln rollen (Choreographie: Salim Ben Mammar). Sie sind an ihren Gliedern da und dort getapt wie mit Stammeszeichen. In Brasilien leben schließlich wilde Stämme, ähnlich wie Indianer, und es gibt Palmen, Papageien und Kolibris.

Das ist ein kleines poetisches Wunder

Und was soll das jetzt werden mit der Reise? Allmählich nimmt das Projekt Gestalt an: dank der Wundertüte von Bühnenbild, das Bernhard Ott zusammengetragen und -geschweißt hat. An einem Stahlgestell hängen lauter Gegenstände, von denen viele nach und nach zum Einsatz kommen: ein Globus, ein Lenkrad, Scheinwerfer, eine Hupe, Ventilatoren, Mikrofone... Die Geschichte von Kolja und Petja entsteht vor den Augen und den Ohren der Zuschauer aus Fallerhäuschen, Playmobilfiguren, Spielzeugflugzeugen, Tischtennisschlägern (für den Fluglotsen), einem Propeller aus zwei Holz-Ruderblättern und einer selbstgemachten Soundcollage: Wie echt Dominik Knapp das Flugzeugbrummen hinkriegt und Daniela Mohr die Lautsprecherdurchsagen. Und wie cool Christoph Müller in die Rolle des Piloten wechselt. Jetzt kann kein Zweifel mehr sein, dass Petja total Unrecht hat, Kolja nichts zu glauben: Der Flieger startet nach Brasilien. Schon ertönen leichte Sambaklänge, und die Reisenden machen es sich in ihrem Gefährt bequem. Bald wird der exotische Traum Wirklichkeit.

Aber – sind das tatsächlich Palmen oder nicht doch die Kiefern der russischen Heimat? Kann es sein, dass mit Brasilien nur ein Stadtteil von Leningrad gemeint ist? Und dass jetzt doch ein Lastwagen das geeignete Gefährt wäre? Schwupps leuchten an dem Gestänge mit den vielen Dingen zwei Lampen auf – und der Pilot wandelt sich in einen Fahrer. Also doch alles nur geträumt und nie weggeflogen nach Brasilien?

Wer das jetzt ernsthaft entscheiden wollte, hätte Daniil Charms nicht verstanden. Die Geschichte lebt davon, dass beide Recht haben: Kolja, der Reisende, und Petja, der Skeptiker. Kolja, der Träumer, und Petja, der Realist. Kolja, der Dichter auf den Flügeln der Einbildungskraft, und Petja, der pragmatische Experte des Alltags. Auf dieses "Und" kommt es allein an. Und das Team um den Regisseur Stephan Weiland setzt es so witzig wie bezaubernd um. "Die Reise nach Brasilien" ist ein großer Spaß und ein kleines poetisches Wunder.

Weitere Aufführungen: 17., 19., 21., 22., 24., 29., 31. Oktober, 1. und 5. November. Info: Tel. 0761/31470.

Weitere Infos unter      http://www.marienbad.org

Autor: Bettina Schulte