Körper im Stress

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Sa, 24. April 2010

Theater

Die Freiburger Company UrbanReflects mit "Unrestricted Exploitation" im Morat-Institut.

Dass konkrete und gesellschaftlich relevante Fragestellungen dem zeitgenössischen Tanz sehr, sehr gut tun, zeigt die 2009 gegründete Freiburger Company UrbanReflects bei ihrer neuesten Produktion "Unrestricted Exploitation". Thema der rund einstündigen Tanzperformance im Morat-Institut ist die Selbstausbeutung des eigenen Körpers im beruflichen Kontext – ein weitverbreitetes Phänomen, das nicht nur junge Tänzer betrifft. Doch obwohl das Ensemble selbst dieses Stück unter extremem Zeitdruck bis zur Erschöpfung entwickelte, entstand unter der Regie von Doro Eitel eine Produktion von beeindruckender Qualität und Originalität.

UrbanReflects arbeitet spartenübergreifend und so ist der poetische Prolog von Björn Klein auch ebenso passend wie inspirierend: Der junge Hamburger packt den Ausverkauf von Kopf und Herz in geschliffene Miniaturen, die verblüffen, provozieren und berühren. Wenig später werfen Körper im Zwielicht der Bodenstrahler bewegte Schatten an die Wände: Vier Tänzer, ein Bewegungsmuster, das kraftvoll mit großen Gesten und Sprüngen zum eigens komponierten Soundteppich von Micki Summ und Farang skandiert und zerlegt wird. Ein Motiv, das sich in Variationen durch den Abend zieht: Erst leichtfüßig, dann kämpferisch, dann von harten Beats zum erschöpfenden Derwischtanz gesteigert, bis die verschwitzten Körper in der plötzlich eintretenden Stille keuchend zu Boden gehen.

Gewaltig ist dabei das Bewegungsrepertoire von Verena Hehl, Flurin Kappenberger, Arun Michael Trefz und Yonne Marie Kolinsky, deren Zusatzausbildungen in Sachen Kampfkunst und Artistik zu energiegeladenen Choreografien genutzt werden: Waghalsige Rollen, Überschläge und Hebefiguren gibt es ebenso zu erleben wie exakt getimte Slow-Motion-Elemente oder robotergleiches Popping. Im Dialog mit der Musik und mithilfe starker Lichteffekte (Bernhard Marx) sind die unterschiedlichen Phasen der Performance klar gegliedert und rhythmisiert, wenn auch stellenweise allzu hart geschnitten und etwas unvermittelt aneinandergereiht: So entwickelt sich Dynamik zu Stress, Zusammenbruch zur absoluter Apathie. Wie kleine Tiere im Bau schmiegen sich die Tänzer nun unter flirrenden Lichteffekten traumwandlerisch aneinander und regenerieren nur allmählich bei zarten, minimalen Bewegungen.

Auf symbollastige Innerlichkeit wird ganz verzichtet: Hier agiert nur der Körper ohne jedes Beiwerk – und produziert doch innere Bilder. Sogar eine Vision setzt UrbanReflects ans Ende: Eine freche, ironisch gebrochene Showeinlage in weißen Schutzanzügen, bei der Bewegung wieder zu dem wird, was sie sein kann: Ein Ausdruck von Lebendigkeit, Freude und Spiel.
– Heute und am 26. April, jeweils um 20.30 Uhr im Morat- Institut, Lörracher Str.31, Freiburg.
– Lesung von Björn Klein: "Umklappgedichte – ein Zyklus an sechs Scharnieren", am 25.4. um 20 Uhr im Morat-Institut.