Lodernde Gedanken auf Kollisionskurs

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 11. März 2018

Theater

Der Sonntag Mal geht’s ums Wetter, mal um die Wurst: Das Theater Basel lädt zur "Schwärmerischen Beizentour mit Texten von Robert Walser".

"Eines Tages, im heißen Sommer, geschah es, trug es sich zu und machte es sich, dass ich mich ganz furchtbar für Gaststuben interessierte." Der Einstieg eignet sich wunderbar, um mit Robert Walser auf literarisch-musikalische Tour zu gehen, nebenbei eingangs noch Gläserklirren zu hören und gedämpftes Gespräch. Mario Fuchs (Schauspiel) und Martin Gantenbein (Komposition und Schlagwerk) nehmen hier die Spur des berühmten Spaziergängers auf und gehen auf Tour durch Schweizer Szenerestaurants, Cafés, Kultur- und Jazzkeller.

Der 1887 in Biel geborene Walser, der Weihnachten 1956 bei einem Spaziergang im Schnee einen Tod stirbt, den er Jahrzehnte zuvor eine Romanfigur hat sterben lassen, gehört zu den undurchdringlichsten Kultfiguren der Schweizer Literatur. Nach einer Banklehre und einem zunächst von mäßigem Erfolg gekrönten Versuch, als Lyriker und Romanautor Fuß zu fassen, gelangt er nach einer psychischen Krise und offenbar auf eigenen Wunsch in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau, wo er das Schreiben nur scheinbar einstellt und 23 Jahre leben wird. In Walsers drei zwischen 1907 und 1909 erschienen Romanen und den zahlreichen Prosatexten, darunter dem berühmtesten "Der Spaziergang" von 1917, entsteht sich das Bild eines mit wundersamem Blick durch die Welt Streifenden. Aus jeder Winzigkeit macht er Literatur, ganz gleich, ob er sich über das Wesen von Farben, von Blumen oder von Kieselsteinen Gedanken macht.

Die Beizentour, zu der Fuchs und Gantenbein jetzt aufbrechen (Dramaturgie: Sabrina Hofer), lässt die Gedanken- und Stimmungswelt Walsers fühl- und greifbar werden. Gantenbein, der vom Fell auf Rand und Zargen seines Instruments übergeht, noch Stuhl und Lehne bearbeitet, bevor er wieder zurückfindet, lässt es nicht beim Klang bewenden, sondern schlüpft in eine tätige Beobachterrolle. Den Sprecher, dessen Sätze er immer wieder klanggewaltig kommentiert, behält er im Blick, stößt mit Kneipenbesuchern an oder bringt ein Tonband in Gang, auf dem sich (Fuchs’ Ensemblekollege Nicola Mastroberardino) das legendäre Radio Beromünster meldet. Dessen vermeintliche Wettermeldungen legen an skurriler Bedrohlichkeit zu. Die Großwetterlage schlägt ständig um, die Schneegrenze sinkt immer tiefer und wird schließlich aufgehoben.

Gleichzeitig hagelt es behördliche Empfehlungen, wobei der Rat, geschützte Räume nicht zu verlassen, noch das Mindeste ist. Hätte Walser Wetterberichte, statt auf seine Weise lyrische Prosa geschrieben, so könnten sie ausgesehen haben. Auch wenn sich im Verlauf des Abends ein Fenster nach dem anderen öffnet, um Einblick in die wundersame Gedankenwelt des Autors zu geben, bleibt doch ein Restschleier erhalten, der sich kaum durchdringen lässt. Walser zu folgen, ist Herausforderung und Vergnügen zugleich. Ob der ziellos Wandernde etwa in immer neuen Satzkaskaden Grün zur auch bedrohlichen Königsfarbe erhebt, die Welt im Frühling als einen "Brand von Grün" erfährt, in dem es tobt und zürnt und quillt und lodert, während ihm andererseits Blau als "sittsam und sanft" erscheint und Braun als ehrlich: Immer wieder steigern sich seine Texte bis zum Wahnhaften.

Mario Fuchs steigt darüber immer tiefer in die Figur ein und lodert sichtlich mit, während Martin Gantenbein die Lunte immer neu ansteckt, sie aber auch zu löschen versteht, indem er gedachten Rauch und Regen auf dem Becken verschwimmen lässt. Die Komposition wird so zu einem schillernden Spiegelbild von Walsers immer neu verblüffenden Erkenntnissen und deren sicherem Kollisionskurs zu allem sonst Üblichen. Wer, wenn nicht Walser, hätte sich je mehrseitig über eine schrecklicherweise bereits verzehrte Wurst ausgelassen oder über das tief empfundene Glück, das sich nach einer ganztägigen Kneipentour einstellen kann, wenn unter den Lidern so herrlich die Sterne tanzen? Robert Walser kann man nicht lesen. Man muss ihn sich servieren lassen und das gerne immer wieder neu.ama
"Eine Lust war in mir umzufallen. Schwärmerische Beizentour", Nächster Termin am Freitag, 16. März, 19 Uhr, Platanenhof, Klybeckstr. 241, Basel, danach weitere Vorstellungen im März und Juni. http://www.theater-basel.ch