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14. September 2017

"Man spürt die Menschenliebe"

BZ-INTERVIEW mit Adolphe Binder, der neuen Intendantin des Pina Bausch Tanztheaters.

  1. - Foto: Ulli Weiss

  2. - Foto: CLAUDIA KEMPF

Als Pina Bausch 2009 zwei Wochen nach einer Krebsdiagnose starb, fiel das von ihr gegründete Tanztheater Wuppertal in Schock- und Trauerstarre. Sehr tröstlich war für das Ensemble, dass Wim Wenders den mit Bausch geplanten Dokumentarfilm postum drehte ("Pina"). Seit Mai hat das Tanztheater mit Adolphe Binder erstmals eine künstlerische Intendantin, die von außen kommt. Bettina Schulte sprach mit ihr über die Zukunft des Erbes von Pina Bausch.

BZ: Frau Binder, auf welchen Wegen sind Sie nach Wuppertal gekommen?
Binder: Ich war dabei, die Danskompanie Göteborg zeitgenössisch aufzustellen. Ich habe es weder kommen sehen, noch darauf hingewirkt. Es hat damit zu tun, was ich in Schweden gestalten konnte. Nach dem Tod von Pina Bausch war die Company natürlich nicht ohne Leitung. Sie kam jedoch von den Tänzern.
BZ: Vielleicht brauchte es diese Zeit des Übergangs, um jetzt eine Zäsur zu setzen.
Binder: Die Company hat die ganze Zeit weitergemacht – auf erstaunlich hohem Niveau. Es gibt eine große Identifikation mit dem Pina Bausch Tanztheater, Integrität und einen unbedingten Willen, es am Leben zu erhalten. Das kann man nicht hoch genug anerkennen. Die Company ist aber tatsächlich offen dafür, mit mir zu arbeiten.

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BZ: Sie treten kein einfaches Erbe an. Pina Bausch ist eine weltweit bekannte Ikone der Tanzkunst. Man meint, hier ihren Geist immer noch zu spüren. Wie gehen Sie damit um?
Binder: Ich mache mir nicht viele Gedanken darüber, wie schwer ein Erbe sein kann. Es gibt die Company seit 44 Jahren. Sie hat ein Repertoire von 46 Stücken. Es gibt eine Essenz: Die stilbildende Mischung der Kunstformen dient einer Reflexion über Leben und Menschsein, die zeitlos ist. Deshalb haben wir uns für die nächsten Jahre vorgenommen, darüber nachzudenken: Was ist Tradition? Nicht das (frei nach Morus) Anbeten der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Natürlich geht es in erster Linie um die Werke von Pina Bausch, auch um solche, die lange nicht gezeigt wurden. Aber es geht auch um ihre Haltung: transdisziplinär zu arbeiten und über das Leben heute zu reflektieren.
BZ: Dazu haben Sie erstmals andere Choreographen ans Haus eingeladen.
Binder: Die beiden Künstlerteams knüpfen wunderbar an an das, was Pina Bauschs Kreationen auszeichnet: eine starke, sinnliche Bildlichkeit, mit der sie – so ist zu hoffen – dieses illustre Ensemble aus 19 Ländern mitnehmen können.
BZ: Es sind ein erfahrener griechischer und ein junger norwegischer Choreograph. Was zeichnet sie aus?
Binder: Dimitris Papaioannou kommt von der Malerei. Er hat sich der darstellenden Kunst nicht zuletzt über das Erleben der Stücke von Pina Bausch zugewandt. Er hat die Eröffnungs- und Schlusszeremonie der Olympischen Spiele in Athen gestaltet. Er kann aber auch kleine Formate poetisch inszenieren. Alan Lucien Oyen beschäftigt sich mit dem Sakralen im Profanen. Er ist ein emotionaler Geschichtenerzähler, der Text und Film einsetzt.
BZ: Die heutige Kunstszene ist geprägt von der Überschreitung der Grenzen zwischen den Genres. Von daher scheint die Kunst von Pina Bausch sehr zukunftsfähig zu sein.
Binder: Die Werke von Pina Bausch sind ohnehin sehr heutig. Das hängt mit ihrem Interesse an Menschen zusammen. Sicher, die technischen Bedingungen, unter denen wir leben, haben sich verändert. Doch die essenziellen Dinge sind gleich geblieben. Dafür Sprachen gefunden zu haben, ist ihre große Kunst.
BZ: Gibt es Kompanien, die ähnlich weltweit unterwegs sind wie die von Pina Bausch?
Binder: Es sind inzwischen 38 Länder, in denen das Tanztheater zu Gast war. Das ist beeindruckend. Der Erfolg kam zunächst auch von außen nach Deutschland: aus Frankreich und Italien. Dort hat man Pina Bausch von Anfang an geliebt. Die weltweite Akzeptanz ist schon phänomenal. Sie hängt auch damit zusammen, dass die Stücke teils in die Landessprachen übersetzt werden. Pina Bausch war unglaublich offen anderen Kulturen gegenüber.
BZ: Ist es diese Offenheit, die Pina Bauschs Tanztheater für viele so faszinierend macht?
Binder: Man spürt die Menschenliebe. Und da ist ein unglaublicher Charme. Eine Authentizität. Die größte Herausforderung für die Darsteller besteht darin, zu sein und nicht zu performen. Dabei hilft, dass Pina Bauschs Handschrift in diesen Körpern sitzt wie eine DNA. Sie war unerbittlich in ihrem Anspruch.
BZ: Wie lässt sich diese Handschrift weitergeben?
Binder: Es gab schon früh Video-Aufzeichnungen. Es gibt Pina Bauschs eigene Aufzeichnungen und das Gedächtnis der Tänzer, teils noch aus der Urbesetzung, die die Stücke viele Jahre getanzt haben und ihre Rollen weitergeben Inzwischen sind schon 15 Tänzer dabei, die Pina Bausch nicht mehr gekannt haben. Für die Zeiten, in denen niemand mehr da ist, der mit ihr zusammengearbeitet hat, wird vorgesorgt. Die Pina Bausch Foundation spielt eine zentrale Rolle dabei, das Werk zu sichern. Wobei sich die Frage stellt: Was heißt überhaupt Original? Ich finde es sehr reizvoll, dass es die einzige Tanzcompany der Welt ist, in der zwei, drei Generationen miteinander tanzen. Das hilft natürlich sehr bei der Tradierung des Erbes.
BZ: Als Intendantin kommt Ihnen die Aufgabe vor, das Erbe Pina Bauschs weiterzuentwickeln und zugleich offen für neue kreative Energien zu sein?
Binder: So ist es. Und das ist sicher im Sinne Pina Bauschs: Sie hat sich selbst immer wieder neu erfunden. Und sie hat es immer abgelehnt, ihre eigenen Stücke zu deuten. Sie wollte sich nicht festlegen lassen. Ihre Kunst lebt in den Zwischenräumen.

Am 15. September beginnt der Vorverkauf für "1980 – Ein Stück von Pina Bausch". Termine: 10.-12., 16., 17., 19. November
Adolphe Binder, Jahrgang 1969, wuchs in Rumänien auf. Sie übernahm 2002 die Leitung der Komischen Oper Berlin.

Autor: bs