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19. Dezember 2016

Freiburg

Miriam Tscholl inszeniert mit den "methusalems" Fassbinders "Anarchie in Bayern"

Den meisten Mitgliedern der „methusalems“ dürfte die Erfahrung der 68er-Zeit in Knochen und Hirnen stecken.

  1. - Foto: Korbel

Rainer Werner Fassbinder hat 1969 für seine blauweiße Heimat einen politischen Aggregatzustand erdacht, der nie nie nie kommen wird, da waren und sind Strauß, Stoiber, Seehofer & Co. davor.: Fassbinder war gerade mal 24, als er "Anarchie in Bayern" schrieb, "ein naives Science fiction" (Fassbinder), er hatte zwei anarchische Theatergruppen gegründet, und 68 war auch noch nicht so lange vorbei.

Heute, bald 50 Jahre später – so lange ist das jetzt auch schon her! – schauen die Revoluzzer von damals mit Nostalgie auf ihre wilden Jahre zurück. Und spielen noch einmal "Anarchie in Bayern": im Theater Freiburg, wo die Seniorentheatergruppe "methusalems" sich als zwei feindliche Gruppen gegenübersteht. Die braven Normalbürger, die ihr Geld auf der Bank, ihre Arbeit sauber geschlechtsverteilt in der Firma und zu Hause, ihr Heim um sich herum und ihre Kirche im Dorf haben. Und die Aufrührer, die in die schöne Ordnung einbrechen und – im Namen der Freiheit! – alles abschaffen wollen, was den Menschen ins Kästlein täglicher Routine sperrt: Ehe, Geld, Arbeit.

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Auf den ersten Blick leuchtet es sehr ein, auf diese Weise ein Fassbinder-Revival zu versuchen: Den meisten Mitgliedern der "methusalems" dürfte die Erfahrung der 68er-Zeit in Knochen und Hirnen stecken: Und man könnte die authentische Fassbinder-Zeitgenossenschaft ja fruchtbar machen. Im Werkraum hat die Bühnen- und Kostümbildnerin Alexa Klett den Boden mit abgezirkelten grauen Quadraten belegt, die sich an der Wand hochziehen: jedem sein Gärtchen und seinen Jägerzaun, my home is my castle und sei es noch so klein. Die Mitte ziert ein geschmückter Weihnachtsbaum, wohl aus aktuellem Anlass. Renate Gimmi, die älteste Methusalemin, bügelt Lametta und sticht mit dem Eisen in die Luft, um die Angreifer auf ihr Idyll prophylaktisch zu vertreiben: Die Revolution ist vorerst nur im Radio verkündet worden. Harald Jeske, der älteste Methusalem, sitzt als ihr Ehemann im Rollstuhl. Um sich mental gegen die Anarchie zu wappnen, versichern sie einander ihrer Liebe, wieder und wieder, während Heide Cerny weiße Riesenschlüpfer aufhängt und Peter Dreyer-Johannisson hingebungsvoll den Jägerzaun streicht.

Noch ist Bayern nicht verloren – doch dann entern die Revolutionäre den kleinen Bühnenraum: so schrill und schrecklich kostümiert, dass man gar nicht hingucken mag. Wenn Miriam Tscholl, die die Bürgerbühne Dresden leitet, mit ihrer Fassbinder-Bearbeitung je eine Farce intendiert hat: Spätestens hier kippt ihre Inszenierung – Untertitel immerhin: "Eine bissige Satire" – in eine zuweilen klamaukige Parodie um. Wenn man ältere Herren in quietschbunte Anzüge steckt und als Althippies mit Riesenrauschbärten ausstattet, wenn seltsame Kopfbedeckungen und Ringelstrümpfe den Flair der Jugend verströmen sollen, kann das leicht ein bisschen peinlich wirken.

Die Naivität, die Fassbinder seinen jugendlichen Protagonisten zugesteht, damit sie noch was lernen können – dass nämlich eine Revolution auf die Schnelle nicht funktionieren kann – wird bei Menschen mit Lebenserfahrung nicht mehr als charmant, sondern als hoffnungslos verbucht. Das bunte Anarchistenvölkchen beschränkt sich wohl deshalb darauf, die steifen Spießer aufzumischen: mit lesbischer Liebe (Miejef Callens, Mechthild Blum) Fahrten auf dem Bügelbrett und großen Volksreden (Hennes Haller). Das kann man nicht ernst nehmen – die Lacher im Premierenpublikum zeugen davon. Aber ernst nehmen kann man auch nicht den Sprung in die Gegenwart. Wenn die neuen Rechten als Indianertruppe aufkreuzen und Stammestänze in den Boden stampfen, sieht das alles mehr nach Kostümparty als nach der Auseinandersetzung mit einer gesellschaftlichen Gefahr aus. Dabei kommt die Regisseurin doch aus der Pegida-Hochburg. Seltsam, sehr seltsam.

Was der Regisseur Jarg Pataki in seinen vorhergehenden Inszenierungen mit den Methusalems erreicht hat, lässt sich gerade im Vergleich mit dieser Produktion gar nicht hoch genug einschätzen. Ihm war es gelungen, mit Laien Theaterkunst zu machen. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. Schade, dass seine Arbeit nicht fortgesetzt wurde.

Die nächsten Termine: 21., 23., 29., 30 Dezember, 5., 8., 10., 15. Januar

Autor: Bettina Schulte