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19. Januar 2016

Freiburg

Musiktheaterstück "Urinetown" im Crash

Die Good Company feiert mit dem Musiktheaterstück "Urinetown" eine gelungene Premiere.

  1. Einzeln und als Ensemble überzeugend: die Good Company im Freiburger Crash Foto: Oliver Korn

"Urinetown" von Greg Kotis (Buch und Gesangstexte) und Mark Hollmann (Musik und Gesangstexte) bietet sowohl mehr als auch weniger als ein gängiges Musical: mehr politisch-gesellschaftliche Aussage, weniger Pathos. Das Stück, erstmals 2001 in den USA aufgeführt, ist eine Mischung aus aktualitätsbezogener Satire und düsterer Zukunftsvision. Daneben ist "Urinetown" ein wahres Feuerwerk an Genre-Zitaten und Anspielungen auf andere Musicals, voller Verweise auf TV-Formate wie Sitcoms und nicht zuletzt auf Brechts episches Theater. Das Ensemble der Good Company hat "Urinetown" nun erstmals in Freiburg im Crash auf die Bühne gebracht. Was die professionellen und semiprofessionellen Darsteller, die sich im Frühjahr 2015 eigens für diese Produktion zusammenfanden, aus dem Stück gemacht haben, hat den Beifall verdient, den es bei der Premiere gab.

In zwei Akten präsentiert die Good Company die Geschichte einer Stadt, in der nach einer Dürre sämtliche Bedürfnisse in öffentlichen Einrichtungen zu verrichten sind – privatisierten Anstalten, die als Ausgangspunkt für das Machtmonopol der korrupten Urine Good Company (UGC) dienen. Die Menschen werden ausgebeutet und unterdrückt, wer den Eintritt für die Toilette nicht bezahlen kann oder gar öffentlich sein Geschäft verrichtet, wird drakonisch bestraft: "Urinetown", als mythischer Ort des Grauens zunächst nur als Horrorvision dargestellt, ist Endstation für jeden, der sich nicht an die Regeln hält. Der junge Toilettenwärter Bobby Strong lehnt sich gegen diese Ungerechtigkeit auf, findet in Hope Cladwell, der Tochter des UGC-Chefs, eine Verbündete, entfesselt einen Aufstand der Armen und Entrechteten – und scheitert letztlich. Am Schicksal Hopes lässt sich ablesen, was eine der zentralen Fragen ist, die "Urinetown" stellt: Inwieweit sind hehre Ideen und Ideale geeignet, die Welt wirklich zu verbessern?

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Die Mitglieder der Good Company beweisen einzeln und in der Leistung des Gesamtensembles, dass die Truppe ihren programmatischen Namen verdient. Herrlich naiv und püppchenhaft präsentiert sich Sandra Dold als Hope Cladwell, die direkt einer US-Fernsehserie entsprungen zu sein scheint. Nicht weniger klischeehaft und gerade dadurch überzeugend ist Manuel Gyarmati-Buchmüller als über Leichen gehender Big Daddy Caldwell B. Cladwell. Und imposant, sowohl was ihre Bühnenpräsenz als auch was die gesangliche Leistung betrifft: Birte Schöler als Penelope Pennywise, verantwortliche UGC-Mitarbeiterin und Ex-Geliebte von Cladwell.

Angesichts derartiger Schwergewichte geriet Timon Zintels Bobby Strong schon fast ins Hintertreffen, was jedoch angesichts des Gangs der Handlung auch angemessen war. Für einen Wermutstropfen sorgt das nicht durchgängig gleich hohe Niveau in mancher Gesangspartie, wenn das Stimmvolumen von Zintel und weniger anderer nicht ankommt gegen die Wucht einer Birte Schöler oder auch eines Benedikt Burgenmeister. Er gibt als Officer Lockstock den Vertreter des Gesetzes und übernimmt auch die Rolle des Erzählers. Auch der mitreißenden musikalischen Umsetzung des Stücks durch die Urinetownband war es zu verdanken, dass dieses Manko den Unterhaltungswert nicht allzu sehr beeinträchtigte.

Ansonsten passt bei der Inszenierung ziemlich alles, angefangen vom Ambiente des Aufführungsortes bis hin zu den für eine gelungene Produktion unerlässlichen Parts Maske, Bühnenbild, Beleuchtung und Ton. Rafael Orth hat als Regisseur und musikalischer Leiter mit der Good Company ein mehr als gelungenen Einstand geschafft. Aus dem ursprünglichen Plan einer einzelnen Produktion ist inzwischen die Idee geworden, auch in Zukunft vergleichbare Stücke auf die Bühne zu bringen. Nach "Urinetown" darf man sich darauf freuen.

Weitere Termine: Crash, Fr, 22. und Sa, 23. Januar, 19 Uhr; im Februar in der Wodanhalle und im April im Theater Nuage Fou. Karten unter http://mehr.bz/ugc

Autor: Bettina Gröber