Paartherapie mit ungewissem Ende

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Sa, 16. September 2017

Theater

Kammerspiel "Gift" im Kaltwasserhof im Münstertal.

Das Wetter kann kaum eklig genug sein bei dem 2011 in Köln uraufgeführten und vielfach ausgezeichneten Stück "Gift" der niederländischen Autorin Lot Vekemans: Schließlich trifft sich hier ein Paar nach neunjähriger Trennung auf dem Friedhof am Grab des gemeinsamen Sohnes wieder – "Dauerregen" steht schon in der Regieanweisung. Bei der Open-Air-Aufführung in der Abgeschiedenheit des Kaltwasserhof im Münstertal erlebt das freie Ensemble Roll-Splitt dann auch eine ziemlich nasse Kampfpremiere. Um so beeindruckender, wie es Jana Skolovski und Achim Freund gelingt, ihr Publikum über zwei Stunden lang zu fesseln und durch ein tiefes Beziehungsdickicht aus Verletzung, Schmerz und Schuld zu führen (Regie: Dietmar Berron-Brena).

"Du hast dich gar nicht verändert!", begrüßt der Mann seine Exfrau. "Dann komm mir lieber nicht zu nahe!", kontert sie mit kokettem Lächeln, unter dessen Angespanntheit spitze Zähne lauern. Von Anfang an nimmt man den beiden ihre gemeinsame tragische Geschichte ab, ihre Körpersprache ist ein stummer Tanz, der den ebenso pointierten wie poetischen Dialogen mal vorneweg, mal entgegen läuft und dabei alte Schutzpanzer zementiert oder aufbrechen lässt.

Wie bei einer Paartherapie mit ungewissem Ausgang durchleben die beiden Stationen von Trauer, Zorn, Bitter- und Hilflosigkeit im Zickzackkurs – und wissen doch sehr genau, dass es nur Frieden und damit neues Glück geben kann, wenn sie den Tod ihres Sohnes hier und jetzt gemeinsam bewältigen. Aber vergessen, verzeihen, einen Schlussstrich ziehen und dem Leben wieder vertrauen – geht das überhaupt? "Ich will, dass mich jemand rettet", bricht es aus ihr heraus. "Ich habe angefangen zu singen", erzählt er und nimmt sie am Ende in den Arm.

Dicht inszeniert und beeindruckend gespielt wird daraus ein facettenreiches Kammerspiel mit zwei starken, präzise herausgearbeiteten Charakteren samt kleinen Rückschauen, die immer dann aufblitzen und glücklichere Zeiten zeigen, wenn es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt. Warm anziehen sollte man sich bei soviel Friedhofsatmosphäre aber unbedingt!

Weitere Aufführungen: 17. Sept.,11 Uhr, 23. und 24. Sept., 17 Uhr, Kaltwasserhof, Münstertal. Karten und Infos : http://www.mtktheater-münstertal.de