Revueoperette "Die Blume von Hawaii" in Basel hat ihre Reize

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Mi, 04. Oktober 2017

Theater

Regisseur Frank Hilbrich und Dirigent Jürg Henneberger reaktivieren Paul Abrahams Revueoperette "Die Blume von Hawaii" in Basel.

Wie ist die typische Operettenfigur? Verrückt? Unecht, unglaubwürdig? Klischeebeladen? Eine Blaupause für die Wirklichkeit? Oder deren Kopie, wie in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett? Regisseur Frank Hilbrich sagt, im "Interessenkonflikt zwischen Erfolgs- und Geborgenheitssehnsucht sind uns die Figuren auch noch sehr ähnlich". Er meint damit jene aus Paul Abrahams Exotikoperette "Die Blume von Hawaii" von 1931. Dass er die Protagonisten in seiner Inszenierung am Theater Basel im dritten Akt in Glasvitrinen stellt, widerspricht dem nur scheinbar. Es ist vielmehr eine raffinierte Methode, die unsägliche Entknotungs- und Paarzusammenführungstechnik dieses wirren Operettenfinales bloßzustellen. Und damit das scheinbar exotische Operettenglück auf seine Widersprüche zu durchleuchten. Aloha – o weh?

Man kann die Frage stellen, ob diese Exotismus- und Revueoperette im Geiste der späten 1920er Jahre noch in heutige Spielpläne passt. Dass sie auf einem historischen Ereignis basiert – dem gescheiterten Aufstand der hawaiianischen Königin Liliuokalani gegen den US-Kolonialismus 1895, macht sie interessant. Doch die Librettisten im Zeitalter der Weltwirtschaftskrise waren nicht an Political Correctness interessiert, sondern an maximaler Ablenkung durch Herz, Schmerz und Exotismus. Genauso, wie es dem Komponisten nicht um eine Annäherung an ein hawaiianisches Klangidiom ging – sondern um eine zeitgemäße Melange von europäischen und amerikanischen Operetten-, Schlager- und Jazzelementen.

"Das hier hat so überhaupt nichts mit Hawaii zu tun."

Frank Hilbrich sucht – richtigerweise – den Spagat, der sich schon in Volker Thieles wirkungsvollem Einheitsbühnenraum widerspiegelt. Der königliche Palast von Honolulu erinnert ein wenig an ein in die Jahre gekommenes europäisches Grandhotel mit großen Treppen im Halbrund an den Außenflügeln – nur dass die linke nicht ganz nach unten führt. Auch sonst stimmt so einiges nicht mehr – die exotischen Schlingpflanzen sehen vertrocknet aus, und die einzige Palme auf der Bühne bricht bei einem "Tanzversuch" zum Hot Dance zusammen. Auch Gabriele Rupprechts Kostüme wirken wie Parodien auf exotischen Pazifik-Revueglamour; nur die Amerikaner sind so, wie wir glauben, dass sie sind: farblos, unauffällig, unsexy – bei den Frauen. Und sie reden auch so. "Wir machen Amerika noch größer, als es ist", sagt der Gouverneur (sehr jugendlich, schlaksig: Mario Fuchs), und das Publikum lacht. Wobei gerade im ersten Akt das Lachen immer eng mit der kritischen Reflexion verbunden ist. Dafür kommt das Stück auch eher langsam in Schwung.

Hilbrich arbeitet, wie im Schauspiel, bei den Dialogen viel mit Zäsuren oder experimentellem Sprechen. Das Stück braucht aber Tempo, sonst geht ihm sofort sein Lebenslicht aus. Hier wird auch deutlich, dass sich eine Revueoperette nur bedingt zum Kammerspiel eignet – weil es ihr einfach an hintergründiger Substanz mangelt. Trotzdem löst der Abend in weiten Teilen den Anspruch ein, das Heutige der "Blume von Hawaii" herauszuarbeiten, denn: Die Klischees, die Vorurteile haben sich ja kaum verändert. Und so wird ein Satz wie jener der "jungen Hawaiierin" Raka (ganz "unhawaiisch": Leonie Merlin Young) zum bissigen Leitmotiv des Abends: "Das hier hat so überhaupt nichts mit Hawaii zu tun."

Stimmt. Will es ja eigentlich auch nicht. Das Stück ist Schablone, seine Handlung hat vor allem die Aufgabe, Spielräume für die Musik zu schaffen. Und da kommt die Produktion an einen kritischen Punkt. In Ermangelung von "echten" Operettensängern mit Ausstrahlung in alle Bereiche der Darstellungskunst wie einst einer Fritzi Massary oder Marta Eggerth, sind die Rollen mit Schauspielern besetzt. Leider funktioniert das beim Singen nur bedingt – manchmal auch gar nicht. Denn Abrahams Musik verlangt nach geschulten Stimmen, die auch die lyrische Kantilene beherrschen. Wenn man bei Schmachtfetzen wie "Du traumschöne Perle" ohne eine solche versucht, Legato-Linien zu singen, ist das nicht mal mehr komisch.

Die einzige Darstellerin, die alle Tugenden der Revueoperette – singen, spielen, tanzen – beherrscht, ist Katja Jung. Ihre Bessie spielt virtuos mit dem Faktor Übertreibung und überzeugt beim Wirbeln ebenso wie beim Zelebrieren von Leere. Pia Händlers Laya ist darstellerisch mitreißend, aber die vokalen Defizite sind nicht zu überhören. Wie auch bei Elias Eilinghoff (Stone) und Florian Jahr (Lilo-Taro), zwei Operettenrollen, die mit Tenören besser besetzt gewesen wären.

Dass der Abend musikalisch dennoch viel zu bieten hat, liegt an Kinsun Chans Choreographien, dem stimmig-swingenden Chor (Leitung: Oliver Rudin) und vor allem Jürg Henneberger und seinem Ensemble Phoenix Basel. Das 16-köpfige Orchester legt den Salonjazz-Sound dieser Zeit stimmig, leidenschaftlich und mit rubatierender Hingabe hin – lediglich die Trompeten klingen mitunter etwas angeschlagen. Ähnlich wie bei seiner Freiburger "Csárdásfürstin" setzt Hilbrich das Orchester mit ins Geschehen, an dem er auch den Dirigenten ironisch teilhaben lässt. "Es gibt keine Fermaten bei einer Nationalhymne", moniert dieser vor der Pause süffisant. Was es aber gibt bei Paul Abraham: eine exzellente Instrumentation voller fein gesponnener Harmonien und Kontrapunktik, die letztlich eines zeigt: was die Operettenkomponisten dieser Zeit heutigen Musicalschreibern an Können voraushatten. Auch das macht diesen Abend reizvoll.

Weitere Aufführungen: 7., 15., 20., 23., 27., 29., 31. Oktober; 4., 18., 26. November; 8., 14. Dezember; 7., 13., 19. Januar. Tel. 004161/ 295 11 33. http://www.theater-basel.ch