Salzburger Festspiele

Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Salzburg

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Fr, 04. August 2017

Theater

SALZBURGER FESTSPIELE: Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in der Urfassung.

Ein extremes Orchestercrescendo – und Nina Stemme hält sich als Katerina Ismailowa die Ohren zu. Der gewalttätige Schwiegervater Boris erinnert sich an seine Jugend – und schon erklingen süßliche Operettenfetzen aus dem Orchestergraben. Es gibt nur wenige Opern, in denen Musik und Szene so eng miteinander verflochten sind wie in Dmitri Schostakowitschs Skandalstück "Lady Macbeth von Mzensk". Weil der Komponist nach einer von Stalin besuchten Aufführung durch einen Verriss in der Parteizeitung Prawda im Januar 1936 in Lebensgefahr schwebte und ein Aufführungsverbot für das Werk ausgesprochen wurde, glättete Schostakowitsch die Partitur.

Für die Produktion der Salzburger Festspiele hat sich der Dirigent Mariss Jansons nicht nur für die 1979 edierte Urfassung entschieden, sondern selbst noch Quellen studiert. So verstärken etliche gesprochene Passagen den Naturalismus, der ohnehin das Werk prägt. Jansons’ Salzburger Operndebüt, mit dem der neue Intendant Markus Hinterhäuser einen echten Coup landet, ist ein Ereignis, weil der lettische Dirigent die gesamte Bandbreite der Partitur hörbar macht – vom elegischen, dunkel timbrierten Orchesterklang bis zu den schrillen, hysterischen Panikattacken der Piccoloflöten und Klarinetten, von dumpfer Gewalt bis zum vagen Hoffnungsschimmer.

Bei den Wiener Philharmonikern kann der Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters aus dem Vollen schöpfen. Für die elegischen Passagen nimmt er sich mehr Zeit als Kirill Petrenko, der das Werk im vergangenen Herbst an der Bayerischen Staatsoper dirigierte. Die Extreme holt er stärker heraus. Die vielen sarkastischen Passagen in den tiefen Bläsern haben Biss. Und wenn Jansons bei der großen Sexszene zwischen Katerina und ihrem Liebhaber Sergej die Orchestermaschine anwirft und die Wiener Philharmoniker zum Fauchen und Stöhnen bringt, dann wird die ungezügelte Leidenschaft ganz konkret, zumal nach dem Höhepunkt die schlaffen Posaunenglissandi die schrumpfende Männlichkeit hörbar machen.

Der Regisseur Andreas Kriegenburg spiegelt den Naturalismus zumindest phasenweise auf der Bühne wider. Die brutalen Massenszenen wie die Vergewaltigung der Köchin Aksinja (Evgenia Muraveva) oder die Auspeitschung von Sergej beschönigen nichts – der gewaltige, geschärfte Klang des Wiener Staatsopernchors (Einstudierung: Ernst Raffelsberger) hat Wucht. Die Inszenierung ist nah an der Musik und lässt auch Raum für Zwischentöne. Die speziell beleuchteten Traumszenen (Licht: Stefan Bolliger), die die Konturen verschwimmen lassen, offenbaren Katerinas Innenleben.

Das Einheitsbühnenbild von Harald B. Thor ist eine schäbige Betonsiedlung mit zersplitterten Fenstern. Zwei rollbare Elemente zeigen Katerinas goldenes Schlafzimmer und das nüchterne Büro ihres Ehemannes Sinowi. Im vierten Akt nimmt das sibirische Straflager davon Beschlag. Die Schwächen der Inszenierung liegen im Detail. Der Flachbildschirm von Sinowis Computer lässt an eine ganz konkrete Gegenwart denken, die im Setting aber so nicht vorkommt. Die Arbeiterlumpen sind zeitlos und klischeehaft (Kostüme: Tanja Hofmann), die groteske Polizei-Szene bleibt in Salzburg harmlos. Eine echte Idee für das Stück entwickelt Kriegenburg nicht.

Nina Stemme ist eine Katerina mit mächtigen dramatischen Ausbrüchen und einer dunklen Tiefe. Ihr gelegentlich brüchiger Stimmansatz zeigt, mit welchem Risiko die Schwedin die Partie angeht. Schostakowitschs Sympathie für die zweifache Mörderin, ihre Deutung als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse spiegelt Stemmes Interpretation von Beginn an. Dass sie in Kriegenburgs Inszenierung ihre Konkurrentin Sonetka (Ksenja Dudnikova) beim Suizid nicht aus dem Affekt heraus mit in den See stößt, sondern an den Galgen knüpft, traut man ihr nicht zu. Der Schwiegervater Boris dagegen ist in der grandiosen Interpretation von Dmitry Ulyanov ein schmieriger Brutalo, der schon bei der ersten Szene in Katerinas Schlafzimmer latscht und übergriffig wird. Brandon Jovanovich singt den treulosen Liebhaber Sergej mit viel Glanz und einer dünnen Tiefe. Maxim Paster ist mit seinem engen, quäkenden Tenor eine Karikatur des in jeder Hinsicht impotenten Ehemannes. Auch die Nebenrollen wie der Schäbige (Andrei Popov) oder der ständig betrunkene Pope (Stanislav Trofimov) setzen Akzente. Mit einem brutalen, scharf abgerissenen Crescendo beendet Mariss Jansons das Drama. Ein letzter Schrei der verzweifelten Hoffnung auf ein besseres Leben.

Weitere Aufführungen: 5., 10., 15., 21. August. http://www.salzburgfestival.at