Theater Freiburg

So war’s bei der Uraufführung von Ludger Vollmers Oper "Crusades"

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mo, 16. Januar 2017 um 00:00 Uhr

Theater

Ludger Vollmers vieraktige Auftragsoper "Crusades" wurde im Großen Haus des Theater Freiburg uraufgeführt. Oper ist selten derart aktuell, findet BZ-Redakteur Johannes Adam.

Oper, die – da der Mensch sich dort primär singend artikuliert – so künstliche, gut 400 Jahre alte Gattung, ist selten derart aktuell. Im Großen Haus des Freiburger Theaters wurde jetzt Ludger Vollmers Auftragswerk "Crusades" (Kreuzzüge) uraufgeführt. Thema: Multikulti, Religionskriege, Missbrauch der Religion. Oper in unseren Zeiten von Dschihad, IS und allgemeiner gesellschaftlicher Verunsicherung. Der 1961 in Berlin geborene Komponist, der in Freiburg mit seiner Fatih-Akin-Adaption "Gegen die Wand" reüssierte, fasste Tina Hartmanns politisches Libretto in Musik. Die hat’s in sich.

Neu oder gar avantgardistisch ist diese Musik nie. Im Umfeld von Krieg und Terror, mit denen – wir sind in der Oper – Liebesdinge verwoben sind, spielt der Komponist mit der Tradition. Dazwischen immer wieder ein Switchen vom Mittelalter zum Heute. Mittelalter – dafür steht, als Minnesänger (Kostüme: Ariane Isabell Unfried) erkennbar, Walter von der Vogelweide. Er, der Intellektuelle, der Reflektierende unter ideologisch verbohrten Betonköpfen, darf die mehr als 400-seitige Partitur mit seinem Palästinalied eröffnen: langsam, zart, nur von den gezupften Oud-Klängen begleitet. Dass dieser Walter von einem Countertenor (sehr eindrücklich: Matthew Shaw) zu singen ist, wirkt noch entrückter. Eine Ouvertüre, genauer: eine idyllische Introduktion der exklusiven Art. Ohne Umschweife geht’s dann zur Sache. Die Vortragsanweisung sagt alles: "Marziale". Die harten, nachgerade filmischen Schnitte sind ein Charakteristikum der gut zweistündigen Novität. "Es reißt uns mit sich fort von Totenort zu Totenort", heißt es von dem Rad, das sich "seit tausend Jahren" dreht. Und schon sind sie da: züngelnde, Mensch und Welt verzehrende Flammen.

Jerusalem, wo die Grabeskirche als zentraler Ort der drei Weltreligionen in die Luft gesprengt werden soll, und das studentische Milieu einer westlichen Universitätsstadt: Sie sind die Spielorte. Gabriel, Chemie-Juniorprofessor (im weißen Kittel: Christoph Waltle) hat sich in die Studentin Safiye (Kim-Lillian Strebel) verliebt, eine muslimische Palästinenserin. Deren Bruder Omar (Alejandro Lárraga Schleske) ist mit Tamar (Sirin Kilic), Tochter einer Jüdin und eines christlichen Armeniers, verbandelt. Konfliktpotenzial bereits in der Pärchenkonstellation. Dazu die unseligen Hetzer – auch von klerikaler Seite. Liebe hat es da schwer. Wie beiläufig fragt der Chemiker Safiye, ob sie seine Frau werden wolle. Apropos Gabriel: Ihm hat Vollmer, der ansonsten beweist, wie gekonnt und kantabel er für Sänger zu komponieren vermag, den Start in dieser Oper etwas schwer gemacht. Mit der Folge, dass der Tenor seine Qualitäten erst allmählich zum Blühen bringen kann. Gleichwohl: Vier Liebende suchten einen Komponisten – und fanden ihn.

"Crusades" – eine Oper, in die musikalisch ungemein viel eingeflossen ist. Eine ganz individuelle Polystilistik. Vor die Collage (wie bei Cage) tritt indes entschieden das Eigene. Von Walters Monodie bis zum großen Ensemble. Vom Songspiel à la Brecht/Weill bis zum Ariosen, wie es einem bei Verdi oder Puccini begegnet, ja bis zum Liebeslied. Zuweilen ist die Konversationsoper nah, manchmal auch das Musical, winken Swing und Schlager. Selbst der Rap darf nicht fehlen. Die Musik ist weder verkopft-hermetisch, noch biedert sie sich an. Vollmer, der in Jerusalem gearbeitet hat, mischt virtuos Orientalisches und Europäisches. Penibel ist er auch: Als Tamar gefragt wird, was sie studiere, ertönt die Antwort "Jura!" mit der fallenden reinen Oktave. Wenn der Komponist da dem teuflischen Tritonus den Vorzug gegeben hätte... Wo Vollmer wirklich in die Zitatkiste greift, tut er das mit trefflichem Geschmack: Der Osterchoral "Christ ist erstanden", dieses älteste deutschsprachige Kirchenlied, und das gregorianische "Dies irae" sind dabei.

Ein Herz fürs Melos

Universitäres Leben. Die Studierenden kennen sich mit Credits aus. Wo ("Po Po Po Powerpoint") es stotternd klingt, mag man sich an Usancen aus Stockhausens "Licht"-Zyklus erinnern. Just das Licht (Michael Philipp) ist in der Freiburger "Crusades"-Produktion nicht unwichtig. Unterm Schein von Straßenleuchten pulsiert das Geschehen auf den Stufen und der Ebene eines Podestes (Bühne: Rifail Ajdarpasic). Obwohl sich die Szene häufig dreht, behält die Inszenierung durch den Vollmer-erprobten muslimischen Regisseur Neco Celik einen statischen, fast oratorischen Grundzug. Das passt zum Sujet. Und zu der Art, wie Librettistin und Komponist die Chöre behandeln: meist mit Kommentarfunktion wie im Theater der griechischen Antike. Diesbezüglich ist mit Bernhard Moncados Opernchor, Studierenden der Musikhochschule sowie theatereigenem Kinder- und Jugendchor (Thomas Schmieger) halb Freiburg in Aktion. Durchaus beeindruckend!

Tina Hartmanns Text ist, obwohl er den Knittelvers streift, gern beim Heute. Wenn George W. Bush oder Erdogan zitiert werden. Oder wo Alfred Nobel, vom Komponisten zusätzlich mit dem Etikett "Doloroso" versehen, frei nach Wagners "Parsifal" kritisiert wird: "Nie kann dein Friedenspreis die Wunden schließen, die dein Sprengstoff reißt". Oder wo Waffenhandel zur Sprache kommt. Am Ende bleibt die Grabeskirche zwar heil, es gibt aber dennoch Tote. Fieslinge wie der Fundamentalist Maciel (Ünüsan Kuloglu) oder der Kriegsgewinnler Dandolo (Andrei Yvan) haben ihr Ziel erreicht – zumindest teilweise. Und uns hoffentlich zum Nachdenken gebracht. Das Duo Hartmann & Vollmer tut dies nicht mit dem Holzhammer, sondern ästhetisch – mit subtilen Mitteln der Kunst. Vielleicht könnte der Komponist bei seinem Vierakter mit einem Bezug zur Nummernoper die Piano-Region noch intensiver bedienen. Jedenfalls wird bis zu den Rändern hin vorzüglich gesungen. Gerade auch von den Protagonisten. Mitunter gilt es sogar, mehrere Rollen zu verkörpern. Sirin Kilic als Tamar und Kim-Lillian Strebel als Safiye vereinigen Stimmkultur und Empathie. Hervorragend Alejandro Lárraga Schleske als getriebener Omar.

Höchste Zeit, um vom Philharmonischen Orchester zu reden. Das wuchs über sich hinaus. Und zwar bei einem Werk – das Notenbild zeigt es auf den ersten Blick – das schon aufgrund der häufigen Taktwechsel seine Tücken hat. Das Orchester in sinfonischer Besetzung. Mit opulenter, gleichwohl meist differenziert genutzter Percussion-Gruppe. Vom Xylophon bis zum Drumset, vom Glockenspiel bis zur Peitsche. Eine Vorliebe – das gibt den Religionsfragen Erdung und Würde, doch auch Pathos – scheint Vollmer für die Tuba zu hegen. Er kann instrumentieren, weiß mit der Singstimme umzugehen, versteht es, Ensembles zu kreieren. Vor allem hat er ein Herz fürs Melos – und für die Gesetze des (Musik-)Theaters. Nicht, wie man bei einer Uraufführung hätte erwarten können, der Generalmusikdirektor dirigiert, sondern Daniel Carter, der Erste Kapellmeister. Er verfährt sorgfältig und mit großem Geschick.

Gegen Schluss rückt diese Oper ein wenig in Richtung Gottesdienst und moralische Anstalt. Aber nur fast! Der Katholik Vollmer kriegt die Kurve. Die Oper bleibt Oper. Gewidmet ist sie "all denen, die in ihrer Weise Gott suchen und deshalb von Menschen im Namen Gottes verfolgt werden". Auch die Abstraktion berührt. Die bei der Premiere mit viel Zustimmung und ohne Widerspruch quittierte Aufführung ist als eminente Leistung des ganzen Hauses zu werten. "Kunst soll bereichern", hatte der Komponist in einem Interview postuliert. Bei "Crusades" hat er da keinesfalls zu viel versprochen. Ein sehr beachtliches Opus. Unsere Aufgabe ist es, aus der Kunst zu lernen. Etwa Versöhnung. Auch heute.

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