Verkehrte Welt

Marion Klötzer

Von Marion Klötzer

Sa, 25. Juni 2016

Theater

Das Interkulturelle Theater Freiburg will die Spießer umerziehen.

Weißes Hemd, Krawatte, Bügelfaltenhose – Karl-Ottos Garderobe ist so akkurat wie seine Gesinnung: Er liebt nun mal Pünktlichkeit und Fleiß. Deswegen wird der glühende Heinrich-Heine-Fan in seiner westafrikanischen Heimat diskriminiert und beantragt in seinem Traumland Asyl. Tragisch nur, dass die Weltgemeinschaft ausgerechnet jetzt beschlossen hat, die Deutschen mit einem konzertierten "Big Change"-Umerziehungsprogramm aus ihrer freudlosen Spießigkeit und vor dem Aussterben zu retten.

Was sich dabei an Bizarrem und Bedrohlichem entwickelt, zeigte das Interkulturelle Theater Freiburg unter der Leitung von Monika Hermann im ausverkauften Peterhofkeller. "Denk ich an Deutschland in der Nacht", so der Titel ihrer von vierzehn Geflüchteten, Migranten, Profis und Nichtprofis entwickelten Satire, die in einem bunten Szenenkaleidoskop mit viel Musik (Roberta Lazo, Rami Basisah, Hannah Oelbe, Sarah Nasreen Schmidt) Vorurteile und Stereotype so fantasievoll gegen den Strich bürstet, dass daraus eine schräge Komödie gegen Rassismus wird.

Doch zuerst wird Bilanz gezogen: Über die Wand flimmert eine Folge von "Fremde Länder, fremde Menschen" (Filme: Astrid Bischofberger, Johannes Schmidt, Philipp Faller), die Alarmierendes berichtet: Keine Kinder in freier Wildbahn mehr in Deutschland, stattdessen verwaiste Spielplätze und schockierende Statements. Eine dieser Kinderhasserinnen ist Brigitte Deutsch, die mit ihrem Mann Ernst zu den unverbesserlichen Inländern gehört: eine putzfimmelige Diätberaterin und ein Finanzbeamter mit Sexallergie. Miriam Lemdjadi und Philipp Nägele geben sie als Loriot-Karikaturen mit Nachkriegsflair, die vom "Big Change" eiskalt erwischt werden: Nicht nur, dass Kehrwoche und Mülltrennung verboten wurden, ihre Hautfarbe katapultiert sie auch aus dem Arbeitsmarkt. Stattdessen quälende Treffen der Anonymen Melancholiker, Workshops in Sachen "Locker ist besser", Arabisch- und Bauchtanzstunden mit anderen Oberspießern. Verkehrte Welt, Absurdistan.

In schnell geschnittenen Szenen kommt eine überbordende Material- und Ideenfülle auf die Bühne, der es zwar an Regieschliff samt Mut zum Rotstift fehlt, die aber durch pointierte Dialoge, Originalität und Witz beeindruckt. Als die Ideen von "Big Change" - Expertin Makeba zu diktatorischen Zuständen führen, hat man Brigitte, Ernst und Karl-Otto längst ins Herz geschlossen. Ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt.

Weitere Aufführungen: 7. / 8. August, 20 Uhr, Rathausinnenhof, Freiburg.
http://www.interkulturelles-theater.de