Sergej Prokofjews Oper "Der feurige Engel" in Zürich

Heinz W. Koch

Von Heinz W. Koch

Mi, 10. Mai 2017

Theater

inszeniert von Calixto Bieito, dirigiert von Gianandrea Noseda

Renata war acht Jahre alt, als ihr die Lichtgestalt des Engels Madiel erstmals erschien. Tag für Tag spielten sie fortan miteinander, manchmal auch mit Puppen. Als sie ihm mit 16 bedeutete, es dürfe auch etwas mehr sein, verschwand der zornig gewordene Engel spurlos. In einem Grafen Heinrich glaubte sie ihn wieder zu haben. Aber auch der ließ sie sitzen, als er sie nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet hatte. In Sergej Prokofjews Musiktheater "Der feurige Engel" sucht sie einen Opernabend lang nach dem Verschollenen, hört alle Dämonen dieser Welt an Wände klopfen, und am Ende unterzieht der Inquisitor sie einem Exorzismus. Tod in den Flammen: Der feurige Engel ist die junge Frau selber.

Der Komponist hörte sein Werk nie ganz. Die szenische Uraufführung – in Giorgio Strehlers Regie – war 1955 in Venedig, zwei Jahre nach Prokofjews Tod. 1957 folgte bereits Basel, und in Freiburg erschien das Werk 1992 erstmals. Täuscht nicht alles, so erlebt "Der feurige Engel" erst in jüngerer Zeit seine definitive Wiederbelebung.

Wahn, Wahn, überall Wahn, würde Wagners Hans Sachs diagnostizieren. Eine ver(w)irrte Seele, Schizophrenie, Traumata, Depressivität, kurz: Neurosen aller Arten, das Mittelalter, wo es am finstersten ist. Und früher Missbrauch ist gewiss auch im Spiel. Prokofjew fand den Stoff bei dem russischen Romancier Walerij Brjusow – einen Stoff, der auf einen Regisseur wie Calixto Bieito gewartet haben muss. Die Zürcher Oper setzte auf ihn, und heraus kam ein ganz großer Abend: nichts von all dem, was man lange mit dem Spanier verband, nichts von Blut und Sperma – gerade mal, dass der Gelehrte und Philosoph Agrippa von Nettesheim, hier ein Arzt, eine Abtreibung zugestanden bekommt. Bieito bleibt vielmehr nahe an Renatas Psyche, die sie so schüttelt und aufwühlt, dass sie fortwährend zuckt und um sich schlägt, aber auch an der des Amerika-Heimkehrers Ruprecht, eines Landsknechts, der sich aufopferungsvoll und ohne Pause um sie kümmert, sie liebt und nicht den geringsten Dank zu spüren kriegt.

Es ist, als vergrabe sich der Regisseur auf der Suche nach den Motivationen der beiden in ihrem Inneren und erreiche das Äußerste an Identifikation mit ihren Charakteren. Spannender, gespannter ist Oper selten, nervenzerrender auch nicht, ein Horrortrip nach Noten. Manchmal scheint so etwas wie Hitchcock’scher Suspense in der aufopferungsbereiten Darstellung. Mag sein, dass die Gestalten zu den Rändern hin in ihrem farblosen Schlips-und-Anzug-Outfit (Kostüme: Ingo Krügler) absichtlich verwechselbar bis unklar gezeichnet sind und in der Anonymität aufgehen.

Ganz sicher trifft das nicht auf das zentrale (Nicht-)Paar zu: Ausrine Stundyte, die die Renata schon in Lyon und München verkörperte, und Leigh Melrose als Ruprecht sind Idealbesetzungen. Wie sie sich in ihre Aufgaben stürzen, bei der Erkundung der ihnen anvertrauten Figuren immer noch mal nachlegen – das ist auch dann grandios, wenn man anmerkt, dass Stundytes dramatischer Sopran bei aller Ausdrucksbereitschaft, aller Leidensmacht im Forte zum Grellen neigt. Er ist dagegen ein Espressivo-Bariton von großer Substanz. Zwei Namen aus dem vorzüglich bestückten Ensemble: der schneidende Tenor Dmitry Golovnin als Agrippa und Mephistopheles und der bassmächtige Pavel Daniluk als Inquisitor.

Auf der Szene nichts von "um 1534", nichts auch von Köln und dem begonnenen Dombau. Rebecca Ringst dachte sich ein Bauwerk wie auf dem Ausstellungsgelände bei Vitra in Weil aus: 16 Stahltürme, ein sich drehender Kubus, drei Stockwerke hoch, darin unmöblierte Zimmer, unregelmäßig gegeneinander verschoben, Containern gleich, auch gigantischen Schubfächern. Ein Phantasiebau, der Renatas Inneres spiegelt – ein Seelenhaus, in dem mehr und mehr rätselhafte Gestalten aus dem Dunkel auf- und ins Dunkel wegtauchen.

Ganz nahe

an Renatas Psyche

Um Prokofjews Musik, um ihre ratternd-motorischen Ostinati, um ihre nicht selten gespenstischen Farben, ihre hohen Ausdrucksgrade bis in die aufreizenden Dissonanzen, um das hochgepeitschte Finale mit der klösterlichen Massenhysterie – um all das steht es dank des Dirigenten Gianandrea Noseda immer wieder überwältigend gut. Man versteht, warum der Turiner Opernchef auf internationaler Ebene in jüngerer Zeit so allgegenwärtig geworden ist. Er sieht auf Transparenz, durchlichtet den Orchesterklang entschlossen und weicht auch vor der kollektiven Exorzismus-Wucht Prokofjews mit Soli, großem Chor und Orchester nicht zurück. Wo der Russe in die Nähe Puccinis gerät, folgt Noseda ihm zurückhaltender.

Frenetischer Applaus. Er hielt an, als Intendant Andreas Homoki dem Chorchef Jürg Hämmerli nach 30 Jahren und 128 Premieren Ade sagte.

Weitere Aufführungen: 11., 14., 25., 28., 31. Mai, 2. und 5. Juni. Tel. 0041/44/2686666.