Das poetische Potenzial der Mathematik

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Sa, 12. Mai 2012

Theater

Die "Matterhorn Produktionen" zeigen in der Kaserne Basel "Die Mannigfalte. Ein algebraisches Varieté".

Noch simpler geht es wohl kaum: "E – K + F = 2". Die Menge der Ecken, sagen wir einer Pyramide (4), abzüglich ihrer Kanten (6) plus der Flächen (4) ergibt? Genau. Allerdings darf die Pyramide nicht einfach in Ägypten stehen, sondern muss in einer Kugeloberfläche stecken, also beispielsweise in einem Fußball. Warum die nach Ihrem Erfinder, dem Basler Mathematiker Leonhard Euler (1707-1783) benannte "Charakteristik" ausschließlich dann greifen soll, erschließt sich dem gemeinen Nicht-Mathematiker weniger leicht. Aber darum soll es hier nicht gehen, sondern eher um die Frage, wie die Mathematik in die Kultur kommt.

Zu tun hat das mit Ursina Greuel, der Mitbegründerin der Basler Theatergruppe "Matterhorn Produktionen", die sich in ihrem Stück "Die Mannigfalte. Ein algebraisches Varieté" derzeit in der Basler Kaserne anschickt, das poetische Potenzial der Mathematik auszuloten, das musikalische steht ohnehin außer Zweifel. Sechs Komponisten aus fünf Ländern konnten deshalb die "Euler Charakteristik" in ihre Musik einfließen lassen. Pianistin Simone Keller, die für das Musikkonzept des Abends verantwortlich zeichnet, entlockt sie dem halb in den mathematischen Raum des Bühnenbildes ragenden Flügel, wobei das Repertoire von perlend lockeren Variationen über einen Ton bis zu Swingendem reicht.

Trocken ist das Programm aber nicht nur in musikalischer Hinsicht nicht, sondern auch wegen der einfließenden Selbsterfahrungen der Mitspieler. So konnte etwa Franziska von Fischer nach eigenem Bekunden in den höheren Klassen nie verstehen, weshalb sie etwas beweisen sollte, was offenbar längst bewiesen war. Waldorf-Schüler Lou Bihler hatte nur bis zum Addieren von Kastanien wirklich folgen können und wollen. Krishan Krone und Newa Grawit entwanden sich die Dinge, wie es scheint, weniger, während Oliver Meier schweizerdeutsch murmelnd alles offen lässt und stattdessen die in verschiedenen Höhen schwebenden Tafeln von störendem Formelstaub befreit.

So greifbar sind die Figuren indes nur zum Teil. Leicht verlieren sie sich auch wieder in grazile, kaum nachvollziehbare Tanzschritte und damit gleichsam in eine mehrgesichtige Menge mathematischer Objekte. Da verliert auch die millionenfach wiederholte Killerfrage für gebeutelte Mathematiklehrer, wozu das alles nutze, für einmal an Gewicht. Indem sich die Matterhörner die mathematisch bedeutsame Dimension der Mannigfaltigkeit leicht wortverkürzt zu eigen gemacht haben, können sie in der jetzt nur noch verbliebenen -falte ohnehin nach Belieben verschwinden und plätschernd wieder daraus auftauchen. "Wenn man aufhören würde, Mathematik verstehen zu wollen", wird der Basler Mathematikprofessor Norbert A’Campo im Programmheft zitiert, "könnte man sie verstehen wie Musik".

Da dürfen sich all diese schnell hingeworfenen seltsam polygonen Figuren an der mitsamt Lehrsituation eingeblendeten Tafel auch schon einmal aneinander reiben, gegeneinander verschieben und aus dem Blickfeld tanzen, was diesmal nichts mit bleischweren Lidern zu tun hat, sondern im Gegenteil mit schwebender Leichtigkeit. Die hat Ursina Greuel aus ihrer Familie mitgebracht. Ihr Vater Gert-Martin Greuel ist Professor in Kaiserslautern und Direktor des Mathematischen Forschungsinstituts in Oberwolfach und es scheint, als habe er der Tochter die Freude am eigenen Metier nicht ausgetrieben. Unverständnis hat sich demgegenüber immer gern hinter Missbilligung versteckt. Und da rücken die Zahlenwelt und die Kunst auf einmal wieder nahe zueinander – und die Mathematik auf die Kulturseite.
– Vorstellungen: Sa 12., 19.30, So 13., 19 Uhr, Di+Mi 15.+16. Mai je 20 Uhr. Am Dienstag ist nach der Vorstellung ein Gespräch mit Norbert A’Campo vom mathematischen Institut der Uni Basel. Reservierung: Tel. 0041/61/6666000.